PARIS/BERLIN (dpa-AFX) - Seit zehn Jahren ist das Pariser Klimaabkommen in Kraft - doch die Welt weit davon entfernt, die Klimakrise in den Griff zu bekommen. Das 1,5-Grad-Ziel droht deutlich verfehlt zu werden. Klima-Experten warnen trotzdem davor, es aufzugeben.
Im Pariser Klimaabkommen hatte die Weltgemeinschaft sich 2015 das Ziel gesetzt, die Erwärmung möglichst auf 1,5 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit zu begrenzen, um die verheerendsten Folgen der Klimakrise abzuwenden. Das Abkommen trat am 4. November 2016 in Kraft. Nach jüngsten Berechnungen des UN-Umweltprogramms (UNEP) steuert die Erde bei der derzeitigen Klimapolitik aber auf eine Erwärmung von 2,8 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts zu. Die EU-Kommission richtet ihre künftige Klimavorsorge sogar auf eine Erwärmung um drei Grad aus.
Mehr als 16.000 Hitzetote - viele vermeidbar
"Drei Grad dürfen nicht zur neuen Normalität werden. Auch wenn wir uns auf eine solche Erwärmung einstellen müssen, dürfen wir uns damit nicht abfinden", sagte Nabu-Politikexperte Sebastian Bock. "Wir müssen alles daransetzen, die Klimakatastrophe zu begrenzen. Jedes Zehntelgrad weniger bedeutet weniger Hitze, Dürren und Überschwemmungen und geringere Schäden für Menschen, Natur und Wirtschaft."
Die Klimakrise bedroht die Gesundheit von Menschen - längst auch hierzulande, wie sich eindrücklich an den mehr als 16.000 Menschen zeigt, die nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts (RKI) in diesem Jahr hitzebedingt gestorben sind.
Die Weltgesundheitsorganisation weist darauf hin, dass viele Klima-Todesfälle vermeidbar wären. "Maßnahmen gegen den Klimawandel sind mittlerweile eine Frage von Leben und Tod", wird WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus zitiert. Unter anderem mit Hitzewarnsystemen, einer klimaresistenten Wasserversorgung und dem Umstieg auf saubere Energien könnten künftig jährlich demnach etwa 1,6 Millionen Todesfälle verhindert werden.
"Pfad in eine unbeherrschbare Zukunft"
Der renommierte Klimaforscher Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, fordert, den "Overshoot" über die 1,5-Grad-Marke so gering und kurz wie möglich zu halten und durch die Entfernung von CO2 aus der Atmosphäre die Temperatur rasch wieder zu senken. Dass die Erderwärmung die 1,5 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit in den nächsten fünf Jahren offiziell überschreite, sei mittlerweile unvermeidbar, erklärt Rockström. Man befinde sich "auf einem Pfad in eine unbeherrschbare Zukunft".
Auf EU-Ebene wird der Klimaschutz derzeit eher abgeschwächt: Die Lockerung des Verbrenner-Aus sollte am Mittwoch im Umweltausschuss des Europaparlaments eine weitere Hürde nehmen.
Bewältigung der Krise kostet eine Menge Geld
Im Abkommen von Paris, das 2015 noch mit Standing Ovations bejubelt wurde, einigte sich die Weltgemeinschaft nicht nur auf den Schutz des Klimas, sondern auch darauf, wer mit Blick auf die unvermeidbaren Folgen der Krise welche Verantwortung trägt. So müssen Industriestaaten, die mit ihren Emissionen die Erderwärmung maßgeblich verursacht haben, Geld bereitstellen, damit ärmere Länder, die am stärksten betroffen sind, sowohl Klimaschutz als auch die Anpassung an die Folgen überhaupt finanzieren können.
Derzeit fehlt es deutlich an Geld. Der sogenannte Adaptation Gap Report des UN-Umweltprogramms (UNEP) geht bis 2035 von einem jährlichen Bedarf in Höhe von 305 Milliarden US-Dollar aus. Die bereitgestellten Gelder würden jedoch weit darunter liegen. Selbst wenn die derzeitigen Gelder bis 2035 verdreifacht würden, ließe sich damit nur 20 bis 29 Prozent des Bedarfs decken. Im Jahr 2024 erreichten die Gelder der Industriestaaten an die Entwicklungsländer dem Bericht zufolge ein Volumen von 28,2 bis 31,7 Milliarden US-Dollar./swe/DP/mis
