FRANKFURT (dpa-AFX) - Der Anleihenmarkt dürfte laut Metzler Private Banking auch im kommenden Jahr in starker Konkurrenz zu den Aktienbörsen stehen. Grund dafür ist laut den Experten des Bankhauses, dass zwischen den teils hoch verschuldeten Nationalstaaten und den stark expandierenden Technologieunternehmen ein regelrechter Kampf ums Kapital ausgebrochen sei, der die Anleger weiterhin mit attraktiven Renditen zu den festverzinslichen Wertpapieren locken dürfte. Damit sollte sich zumindest bei den langfristigen Staatsanleihenrenditen ein Trend fortsetzen, der bereits zu Beginn der 2020er-Jahre gestartet sei, sagte Michael Mayer, Leiter Strategie & Research, bei einem Pressegespräch am Donnerstag in Frankfurt.
Neben dem Finanzierungsbedarf von Staaten und Unternehmen trage auch die Geldpolitik zum Renditeanstieg bei, fuhr Mayer fort: "Notenbanken haben sich als großer Käufer der vergangenen Jahre weitgehend zurückgezogen." Denn die Währungshüter müssen die sehr lockere Politik der Krisenjahre beenden und zugleich die Inflation bekämpfen. Durch die sinkende Nachfrage nach Anleihen fällt der Kurs dieser festverzinslichen Papiere, im Gegenzug ziehen die Renditen an.
Anleihen sind für Anleger Mayer zufolge aktuell auch deshalb attraktiv, weil sie selbst unter Berücksichtigung der Inflation noch eine positive Rendite erwarten und verlangen können. Dabei seien in den USA die Aussichten derzeit besonders gut, weil dort die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen die Gewinnrendite des Aktienmarktes übersteige.
Allerdings spricht diese Entwicklung dem Metzler-Experten zufolge nicht generell gegen den Aktienmarkt, denn die Gewinndynamik der US-Unternehmen sei ungebrochen. Infolgedessen zögen auch die Bewertungen an der Börse an, was die Gewinnrendite schmälere. In Europa sieht das Bild laut Mayer noch positiver aus, da diesseits des Atlantiks die Risikoprämie als Differenz zwischen Gewinnrendite der Aktien und Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen positiv sei.
In dem aktuellen Umfeld birgt Mayer zufolge der hohe Finanzierungsbedarf der Technologieunternehmen für Angebote rund um Künstliche Intelligenz (KI) ein Risiko für Aktienanleger. Denn für sie "steht derzeit vor allem die Frage im Mittelpunkt, wie lange die Begeisterung für KI die Kurse weiter nach oben treiben kann."
Anleger sollten Mayer zufolge mit Blick auf die aktuellen Profiteure des KI-Booms wie Chiphersteller oder Betreiber von riesigen Cloud- und Daten-Infrastrukturen auch berücksichtigen, dass die "Pioniere einer neuen Technologie an der Börse selten zu den langfristigen Gewinnern zählten". Gründe hierfür seien die hohen Investitionen, die auf die Profitabilität drücken können, sowie der oft scharfe Wettbewerb unter den Vorreitern, der die Verkaufspreise und damit auch den Gewinn sinken lasse.
In den kommenden Jahren richtet sich der Blick daher laut Mayer weniger auf die Anbieter von Künstlicher Intelligenz als vielmehr auf Unternehmen, denen die Integration von KI in ihre Geschäftsmodelle besonders gut gelingt. Vor diesem Hintergrund raten die Fachleute von Metzler Private Banking den Aktienanlegern, ihr Portfolio breit zu streuen und keine einseitigen KI-Wetten einzugehen. Frank Endres, Leiter Portfoliomanagement, betonte aber: "Risikostreuung bedeutet mehr, als lediglich viele Einzeltitel zu halten." Zu achten sei auf unterschiedliche Faktoren wie Regionen, Branchen, Geschäftsmodelle und Anlagestile./la/jsl/he
