BERLIN (dpa-AFX) - Der Soziologe Steffen Mau hat Zweifel, dass sich aus den aktuellen Jugendprotesten eine dauerhafte politische Bewegung entwickeln wird. Zwar gebe es ein Momentum und ein verbindendes Element, sagte Mau dem "Handelsblatt". "Aber die Überführung in institutionelle Repräsentanz gelingt nicht. Die Leute sind auf der Straße - und es mündet in nichts." Als Beispiel nannte Mau die Klimabewegung im Bundestagswahlkampf 2021. "Das ist relativ schnell in sich zusammengebrochen."
Mau sprach von einem "erheblichen Fruststau" junger Menschen. "Wir leben jedoch in einer Gesellschaft mit blockierten Aufstiegswegen. Selbst Kinder aus Akademikerhaushalten können nicht mehr sicher sein, eine gesicherte Laufbahn einzuschlagen." In der Realität setzten sich in der Politik die Interessen der Älteren immer stärker durch. Die jüngeren Jahrgänge seien kleiner und damit für Wahlen weniger bedeutend. "Also neigt die Politik dazu, die Generation 50 plus zu bevorzugen."
Am vergangenen Wochenende waren Zehntausende Menschen dem Aufruf der Initiative "Gen Z regelt" gefolgt und hatten sich an friedlichen Demonstrationen in mehr als 30 deutschen Städten beteiligt. Die Initiative fordert mehr Geld für Schulen, Suchthilfe und Psychotherapie, Maßnahmen gegen steigende Lebenshaltungskosten, soziale Gerechtigkeit und mehr Klimaschutz. Die Einführung einer Wehrpflicht lehnt sie ab, ebenso einen Ausbau staatlicher Überwachung. Am 20. November sind im Rahmen europaweiter Proteste neue Demonstrationen geplant.
Kritik am Föderalismus
Mau kritisierte zugleich den Zustand des föderalen Systems in Deutschland. Das Grunddesign stamme von 1949. "Wenn man auf eine Hardware immer neue Software aufspielt, funktioniert das irgendwann nicht mehr. Beim neunten Update stürzt der Computer vielleicht ab. In dieser Situation sind wir", stellte der Soziologe fest. Mau hält eine neue Föderalismusreform für notwendig, um etwa die Zahl der in der Länderkammer zustimmungspflichtigen Gesetze zu verringern./shy/DP/stk
