DJ MARKT-AUSBLICK/Rückkehr der Vernunft - KI wird neu bewertet
Von Michael Denzin
DOW JONES--Eine interessante Börsenwoche liegt vor den internationalen Aktienmärkten. Anleger dürften sie mit der Frage verbringen, ob der Kurseinbruch der KI-Werte nach den US-"Midterms" nur der Auftakt zu einem weltweiten Börsendesaster war - oder eben nur die Rückkehr der Vernunft.
Die Verkaufswelle folgte der ersten Euphorie über den Wahlsieg der US-Demokraten. Händler zeigten sich etwas verwundert über das Ausmaß der Verkäufe. Schließlich waren sich Strategen über den Fahrplan für nach den Wahlen einig, da er sich aus den Wahlkampf-Themen der Demokraten ableiten ließ. Sie wollen die Gesundheitsversorgung der US-Bürger verbessern und dabei unter anderem mit Ausgaben bei Rüstung sparen. Deren Aktien brachen bereits einen Tag nach der Wahl ein, was jedoch nicht so starke mediale Aufmerksamkeit erzielte wie das KI-Thema.
Alle Themen für KI-Bremse waren absehbar
Eine künftig stärkere Regulierung beim Aufbau von Daten-Centern gehörte ebenso zu den expliziten Wahlkampfthemen der Demokraten in Texas, Georgia und anderen Staaten. Konkrete Maßnahmen sind noch nicht bekannt, denn erst ab Januar werden die neuen Mitglieder in Kongress und Senat aktiv. Klar ist aber, dass sich das Erreichen von Rechenleistung und damit Profitabilität für KI-Firmen nach hinten verschieben kann.
"Nach vier Jahren völlig unregulierter KI-Hausse dürfte jetzt die Zeit der Räuberbarone vorbei sein", sagte ein Stratege nach der Wahl mit Verweis auf die Zeit des US-Eisenbahn-Booms und das "Gilded Age" der Industrialisierung ab den 1870ern. Denn nun werde es auch um rechtliche Verantwortung für das Management der KI-Firmen gehen.
So könnten dann die zahlreichen Dateneinbrüche von KI-Agenten in andere Firmen als Cyber-Kriminalität betrachtet werden. Das Agieren in nahezu rechtsfreien Räumen habe aber zum extrem schnellen Wachstum der KI-Branche beigetragen - bei vorsichtigerem Handeln der Akteure müssten die Börsen nun auch mit geringeren Wachstumsraten rechnen.
Erfolg des Anthropic-Börsengangs prägt die Stimmung
Dazu gesellt sich der Börsengang von Anthropic: Die Mutter der populären KI "Claude" will ab kommender Woche auf Roadshow gehen. Von der ehemals geplanten, gigantischen Bewertung von 2 Billionen Dollar seien potenzielle Käufer abgerückt. Private Equity und Hedge Fonds wird nachgesagt, nur bei um die 1,5 Billionen mitgehen zu wollen - nach dem KI-Kurseinbruch vielleicht nur noch bis 1 Billion Dollar. Der KI-Crash sei daher für sie ein willkommenes Ereignis, die Bewertung von Anthropic zu drücken. Umgekehrt stellt sich kommende Woche dann die Frage, ob Anthropic den Börsengang deswegen verschiebt. Auf der US-Wettbörse Kalshi wird die Wahrscheinlichkeit einer IPO-Ankündigung noch im November nur noch bei 60 Prozent gesehen.
Ausbau der KI-Infrastruktur läuft weiter
Aber "Aufgehoben ist nicht Aufgeschoben" gilt auch für KI: Obwohl die "blaue Welle" in den USA eine stärkere Kontrolle von Rechenzentren und KI-Infrastruktur nahelegt, sei das nicht das Ende des KI-Investitionszyklus, sagt Masahiko Loo, Chefstratege für Fixed Income bei State Street Investment Management. "Unternehmensinvestitionen, strategischer Wettbewerb und die Nachfrage nach Rechenleistung bleiben intakt". Er geht von einer Beruhigung der Marktvolatilität aus. Daneben spreche auch die Börsen-Statistik gegen eine Überreaktion auf Wahlschlagzeilen: Der S&P-500 sei in den 12 Monaten nach einer US-Zwischenwahl seit dem Jahr 1930 nicht gefallen.
Europa sollte sich "nicht einlullen lassen" - Trump regiert weiter
Europa sollte sich derweil auf andere Themen fokussieren: Denn, die Macht von Donald Trump mag zwar innenpolitisch gebremst werden, nach außen kann er aber weiter nach Belieben regieren. Die EU sollte sich daher eher auf Schwierigkeiten mit einem übellaunigen US-Präsidenten vorbereiten, anstatt einen Wahlsieg im US-Binnenland zu feiern.
Portfolio-Manager Jörg Held vom Vermögensverwalter Ethenea sieht daher nach der Wahl sogar erst den Beginn der eigentlichen Unsicherheiten. Denn bis zum 3. Januar 2027 blieben die bisherigen US-Mehrheiten im Amt. Die Republikaner dürften diese Zeit nutzen, um bei Personalentscheidungen und beim Verteidigungshaushalt noch Fakten zu schaffen.
Dazu änderten die Midterms nichts an den laufenden Problemen: Die US-Staatsverschuldung wachse weiter, eine nachhaltige Konsolidierung sei vor der nächsten Präsidentschaftswahl 2028 nicht zu erwarten.
Mit den vielen Unwägbarkeiten im Rücken dürften sich Marktteilnehmer kommende Woche lieber auf harte Fakten konzentrieren. Vor allem die Berichtssaison bietet Abwechslung: So mit Zahlen von Allianz, Infineon, Henkel, Eon, RWE, Siemens und Siemens Energy. Und aktuelle Inflationsdaten rücken das Thema Zinsen wieder in den Fokus.
Kontakt zum Autor: maerkte.de@dowjones.com
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November 06, 2026 06:06 ET (11:06 GMT)
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