
© Foto: KI-generiertes Symbolbild (ChatGPT).
Die steile Rallye bei Halbleiterwerten hat sich in ihr Gegenteil verkehrt. Auch Infineon ist von crashartigen Verkäufen betroffen. Wie tief das Papier jetzt noch fallen kann.
Halbleiterwerte: Erst Rallye, jetzt freier Fall - auch Infineon betroffen
Halbleiter- und KI-Infrastrukturwerte waren in der ersten Hälfte eines bislang erfolgreichen Börsenjahres der heißeste Trade. Gegenüber dem Jahreswechsel konnte sich der Branchenindex Philadelphia Semiconductor, angeführt von Speicherchipherstellern wie Micron und SanDisk, zeitweise mehr als verdoppeln. Auch die Aktie von DAX-Wert Infineon profitierte vom starken Branchentrend. Ihr gelang nicht nur mehr als eine Verdopplung, sondern auch ein neues Allzeithoch - mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem Platzen der Dotcom-Blase.
Doch inzwischen entlädt sich die fulminante Rallye in eine ebenso schmerzhafte Korrektur. Aus Zukunftsfantasie wurde in den vergangenen Wochen Wachstums- und Nachhaltigkeitssorgen, aus gehebelten Wetten und Aktienkäufen auf Kredit wurden ein Gamma-Shift und Margin Calls. Dementsprechend haben sich die Kapitalzuflüsse umgekehrt. Auch die Infineon-Aktie ist stark betroffen.
Sie notiert gegenüber dem Jahreswechsel zwar noch immer mit einem Plus von rund 62 Prozent, doch gegenüber ihren Rekordnotierungen hat sie inzwischen über 30 Prozent eingebüßt. Das entspricht der technischen Definition eines Bärenmarktes beziehungsweise in der Kürze der Zeit einem Crash - und der könnte sowohl mit Blick auf den Chart als auch auf die Bewertung noch nicht zu Ende sein.

Dieser Anstieg war technisch nicht nachhaltig ...
Bis sich Infineon unter Anlegerinnen und Anlegern als KI-Profiteur durchsetzen könnte, hat es lange Zeit gedauert. Im vergangenen Jahr handelte die Aktie weitestgehend unauffällig, erst im letzten Drittel des Jahres war verstärkter Aufwind zu spüren, der in eine Erholung und anschließend einen neuen Aufwärtstrend mündete. Der bekam mit dem Beginn des Iran-Krieges zunächst zwar Schwierigkeiten, doch nach einer bullishen U-Konsolidierung und einem Ausbruch über die Marke von 48 Euro zündete die Aktie den Turbo und setzte zu einer steilen Aufholjagd an. Neue Rekordnotierungen waren die Folge.
Die konnten technisch durch den Relative-Stärke-Index (RSI) jedoch nicht bestätigt werden, der für bearishe Divergenzen sorgte. Gleichzeitig war der RSI nicht nur auf Tages-, sondern auch auf Wochen- und Monatsbasis stark überkauft. Im Wochenchart näherte sich der RSI zeitweise dem Extremwert von 90, im Monatsbasis standen über 80 Zähler zu Buche. Damit wurde eine tiefgreifende Korrektur immer wahrscheinlicher.
... jetzt zahlen Anlegerinnen und Anleger einen hohen Preis
Genau diese läuft aktuell mit hohem Tempo. Nach einem Doppeltop knapp unterhalb von 90 Euro begann Infineon seinen Sinkflug. Für zusätzliche Verkaufsdynamik sorgte der Bruch der 50-Tage-Linie, der für ein erstes Verkaufssignal sorgte. Gegenwärtig handelt die Aktie in einem steilen Abwärtstrendkanal und innerhalb dessen an der Unterkante. Das bietet zwar die Chance auf eine kurzfristige Gegenbewegung, auch weil der RSI inzwischen in den überverkauften Bereich gefallen ist, grundsätzlich sollten sich Anlegerinnen und Anleger jedoch auf weitere Verluste einstellen.
Der Grund für diese Annahme ist die inzwischen hohe Abwärtstrenddynamik, angezeigt durch den Trendstärkeindikator MACD, der inzwischen weit sowohl unter seine (rote) Signal- als auch seine Nulllinie gefallen ist. Ein Crossing, das für Entspannung sorgen könnte, ist dagegen noch nicht in Sicht. Gleichzeitig liegt der RSI auf Wochen- und Monatsbasis bei 52 und 61 Punkten. Das zeigt, dass die Verkäuferinnen und Verkäufer ihr Pulver noch lange nicht verschossen haben. Der zuvor steile Anstieg wird der Aktie außerdem jetzt insofern zum Verhängnis, als dass es an belastbaren Unterstützungen fehlt.
Die nächste Supportzone liegt erst im Bereich des Ausbruchsniveaus um 48 Euro. In etwa hier verläuft auch die 200-Tage-Linie. Das ist die Downside, mit der Investoren aktuell rechnen sollten, sofern es nicht vorher doch noch zu einer Bodenbildung kommt. Trotz der bereits beträchtlichen Kursverluste könnte sich Infineon in einigen Wochen gegenüber seinen Allzeithochs also in etwa halbiert haben - und selbst dann läge die Aktie gegenüber dem Jahreswechsel noch komfortabel im Plus. Wer die Aktie kaufen möchte, sollte das jetzt auf keinen Fall tun. Antizyklikerinnen und Antizykliker warten mindestens, bis sich im Tageschart erste bullishe Divergenzen gezeigt haben. Davon ist Infineon aktuell aber noch weit entfernt. Prozyklisch agierende Anlegerinnen und Anleger warten auf eine nachhaltige Bodenbildung und einen technisch überzeugenden Anstieg zurück über die 50-Tage-Linie.
Fazit: Die Verluste könnten sogar noch weiter gehen
Mit Blick auf die Unternehmensbewertung handelt Infineon selbst nach dem crashartigen Abverkauf der vergangenen Wochen mit einem KGVe 2026 von 50,9. Das liegt meilenweit über dem 5-Jahres-Durchschnitt und sogar über dem Mittelwert von 24,3. Selbst KI-Überflieger Nvidia ist angesichts eines KGVe 2026 von 23,1 günstiger bewertet. Mit Blick auf 2027 bessert sich die Lage nur geringfügig. Selbst für das kommende Geschäftsjahr ist Infineon laut den Daten von MarketScreener noch mit einem Gewinnvielfachen von 27,7 bewertet. Das spricht für eine Überbewertung. Vor allem die Cashflow-Rendite ist mit 1,2 für dieses und knapp 2,0 Prozent für das kommende Jahr im branchenvergleich enttäuschend. Das könnte vor allem bei steigenden Inflations- und Zinserwartungen zum Problem werden, weil die ohnehin schmalen Cashflows bezüglich der Zukunftserwartungen noch stärker abgezinst werden müssten.
Insgesamt ergibt sich daraus ein ungünstiger Mix aus Abwärtstrend mit hoher Dynamik, ohne dass Anzeichen einer Gegenbewegung oder ein nahender Support vorlägen, und einer fundamentalen Überbewertung. Mit weiteren Verlusten ist in den kommenden Wochen zu rechnen, kurzfristige Gegenbewegungen stellen für den Moment Ausstiegs- und Verkaufsgelegenheiten dar.
Gastautor: Max Gross
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