DJ MARKT-AUSBLICK/Börsen ignorieren Risiken auf eigene Gefahr
Von Manuel Priego Thimmel
DOW JONES--Nach einer Rally von mehr als 1.000 Punkten im DAX ist erst einmal Durchatmen angesagt. Die Hoffnung auf eine baldige Wiedereröffnung der Straße von Hormus fungierte als Haupttreiber. Der Ölpreis fiel wieder in den Bereich von 80 Dollar das Fass zurück - ein Niveau, mit dem die Börsen gut leben können. Dass die USA und der Iran nicht einmal direkt miteinander verhandeln, und dem nun erzielten Abkommen zwischen dem Iran und Oman zur Wiedereröffnung der Meerenge das Plazet der USA fehlt, interessiert die Finanzmärkte nur am Rande. Auf eigene Gefahr, denn die Vereinbarung enthält offenbar einen Passus, der ein Transitverbot für US-amerikanische und israelische Schiffe vorsieht - eine Vorgabe, der Washington kaum zustimmen dürfte. Die Lage im Nahen Osten könnte sich also schnell wieder verschärfen.
Fairerweise muss man sagen, dass neben der Entwicklung im Nahen Osten auch die sehr gut laufende Berichtssaison auf beiden Seiten des Atlantiks die Börsen angetrieben hat. Nachdem deutlich mehr als die Hälfte der im S&P-500 gelisteten Unternehmen berichtet hat, spricht die Societe Generale von einer erneut "hervorragend" verlaufenden Zahlensaison in den USA. Nur 9 Prozent der Unternehmen hätten die Erwartungen verfehlt - der niedrigste jemals gemessene Wert. 86 Prozent der Unternehmen hätten die Schätzungen dagegen übertroffen, die Margen sowohl des S&P-500 als auch des S&P-500 ex-Tech hätten Rekordniveaus erreicht. Die Folge seien Aufwärtsrevisionen bei den Gewinnschätzungen.
Europa muss sich nicht verstecken. Dort hat sich laut der Deutschen Bank das Gewinnwachstum im zweiten Quartal im Jahresvergleich auf 22 Prozent beschleunigt und damit den Konsens übertroffen. Selbst ohne den Energiesektor liege das Wachstum immer noch bei 12 Prozent. Ein wesentlicher Treiber war das Umsatzwachstum von 10 Prozent im Jahresvergleich, und das trotz vergleichsweise niedriger Inflation. Auch die Unternehmensprognosen seien bemerkenswert stark ausgefallen, mit der höchsten Anhebung der Zielsetzungen seit 2024. "Die Kombination aus besser als befürchtet ausgefallenen Wirtschaftsdaten, übertroffenen Gewinnerwartungen und optimistischeren Unternehmensprognosen veranlasst uns dazu, unsere Prognose für das Gewinnwachstum im Gesamtjahr von 12 auf 15 Prozent anzuheben", heißt es.
Soweit, so gut. Auffallend ist, dass die Renditen an den Anleihemärkten kaum auf die Entspannung beim Ölpreis reagiert haben. Diese bewegen sich nur unweit der Jahreshochs. Einer der Gründe dafür dürfte die erklärte Absicht des neuen Fed-Präsidenten Kevin Warsh sein, zukünftig auf eine geldpolitische Forward Guidance zu verzichten. Ob die US-Notenbank dies durchhalten wird, bleibt abzuwarten, denn der Verzicht der Guidance wird nach Einschätzung vieler Marktteilnehmer zu höheren Volatilitäten an den Märkten führen. Immerhin, die Korrektur im Chipsektor sowie die Implosion der Hedgefonds Situational Awareness des KI-Wunderkinds Leopold Aschenbrenner haben die Börsen gut weggesteckt.
Die Deutsche Bank glaubt, dass lokal begrenzte sogenannte "Small Vol"-Ereignisse die Märkte künftig mit höherer Frequenz treffen werden: scheinbar isolierte Vorfälle, die sich im Nachhinein als Symptome eines weitaus anfälligeren Gesamtsystems herausstellten. Dies geschehe vor dem Hintergrund einer Normalisierung des Zinsniveaus und geopolitischer Unruhen sowie der neuen Ausrichtung der US-Geldpolitik. Als wichtigsten negativen Megatrend machen die Analysten die wachsende Staatsverschuldung aus mit den damit verbundenen Risiken für Börsen und Wirtschaft.
Die Commerzbank kann sich zwar vorstellen, dass die Renditen mit einer günstigen Entwicklung in Nahen Osten fallen werden. "Mittel- bis langfristig wird aber das enorme Angebot an Anleihen aufgrund der lockeren Haushaltspolitik - auch in Deutschland - die Renditen wieder steigen lassen. Daher erwarten wir auf längere Sicht wieder höhere Zinsen", heißt es. Im schlimmsten Fall könnten Investoren die Tragfähigkeit der Staatsschulden anzweifeln, was einen Teufelskreislauf aus noch schneller steigenden Renditen und ausufernden Staatsschulden nach sich ziehen könnte. "Niemand kann sagen, ob und wann es zu einer solchen Staatsschuldenschuldenkrise kommen wird. Aber zumindest steigt das Risiko für ein solches Szenario."
Das ist sicherlich kein Szenario, das die Börsen heute, morgen oder in drei Monaten beschäftigen wird. Die Tatsache, dass die Anleiherenditen aber weiter in luftiger Höhe notieren, und dies trotz des Rückgangs der Ölpreise, ist ein Warnsignal, das jederzeit den Anlass für eine Korrektur an den Aktienmärkten liefern kann.
Charttechnisch stehen die Zeichen auf Konsolidierung. Wie HSBC anmerkt, wird das Allzeithoch im DAX bei 26.404 Punkten von zwei tieferliegenden Hochpunkten eingerahmt, so dass in der Konsequenz ein sogenanntes "swing high" entstanden ist. Dieses Muster spricht nach der Rally der vergangenen Tage eher für eine temporäre Atempause. Falle der DAX unter 26.082 Punkte, müssten Anleger mit einer Ausdehnung der jüngsten Konsolidierung rechnen. In der Folge liegen Unterstützungen bei 25.900 und dann 25.500 Punkte. Auf der Oberseite gilt es, das Allzeithoch nachhaltig herauszunehmen. Dann könnte es rasch in Richtung 27.000 Punkte gehen.
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