
Nvidia pulverisiert erneut die Erwartungen. Doch hinter den Rekorden wächst ein riskantes Milliarden-Geflecht aus Garantien, Beteiligungen und Cloud-Verträgen. Finanziert der Konzern seine eigene Nachfrage?
Nvidia hat erneut Zahlen vorgelegt, die jede Vorstellung von normalem Wachstum sprengen. Im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2027 stieg der Umsatz um 106 Prozent auf 96,2 Milliarden US-Dollar. Analysten hatten rund vier Milliarden US-Dollar weniger erwartet. Der Nettogewinn erhöhte sich um 126 Prozent auf 59,7 Milliarden US-Dollar. Allein das Geschäft mit Rechenzentren setzte 89 Milliarden US-Dollar um.
Auch der Ausblick pulverisierte die Prognosen. Für das laufende Quartal erwartet Nvidia Erlöse von 108 Milliarden US-Dollar. Im Geschäftsjahr 2028 soll der Umsatz sogar um rund 70 Prozent wachsen. Analysten waren bislang von lediglich 45 Prozent ausgegangen. Auf den ersten Blick scheint Nvidia damit sämtliche Warnungen vor einer KI-Blase zu widerlegen. Doch der Quartalsbericht zeigt auch, wie gefährlich das Fundament des Booms inzwischen geworden ist.
Nvidia finanziert die eigene Nachfrage
Nvidia verkauft längst nicht mehr nur Grafikprozessoren. Der Konzern liefert komplette KI-Infrastrukturen und unterstützt gleichzeitig deren Finanzierung. Er beteiligt sich an Kunden, sichert Produktionskapazitäten und garantiert die Auslastung neuer Rechenzentren.
Besonders deutlich wird dies bei CoreWeave. Bereits 2023 schlossen beide Unternehmen einen langfristigen Vertrag. Sind die Rechenzentren von CoreWeave nicht vollständig ausgelastet, muss Nvidia die verbliebene Kapazität unter bestimmten Voraussetzungen bis April 2032 übernehmen. Damit verkauft Nvidia zunächst Chips an den Cloud-Anbieter und sorgt anschließend dafür, dass dessen unverkaufte Rechenleistung nicht zum finanziellen Problem wird. Diese Verbindung nährt den Verdacht, dass ein Teil der Nachfrage nicht aus einem wirtschaftlich unabhängigen Markt entsteht.
Hinzu kommen Partnerschaften mit weiteren KI-Cloud-Anbietern. Bei Nebius investierte Nvidia im März 2026 zwei Milliarden US-Dollar. Gemeinsam wollen beide Unternehmen bis Ende 2030 mehr als fünf Gigawatt an Nvidia-Systemen aufbauen. Lambda gehört ebenfalls zu den von Nvidia unterstützten Cloud-Spezialisten. Im Quartalsbericht nennt der Konzern seine Vertragspartner für die ausgewiesenen Cloud-Verpflichtungen von 36 Milliarden US-Dollar allerdings nicht vollständig. Anleger können daher nicht nachvollziehen, wie stark sich die Risiken auf einzelne Anbieter konzentrieren.
Neue Brisanz erhält das Thema durch Berichte unter anderem des Nachrichtenportals Reuters, wonach Nvidia ein erst im Juli gestartetes Finanzierungsprogramm für kleinere KI-Cloud-Unternehmen bereits wieder gestoppt hat. Das Modell sollte Anbietern wie Sharon AI und Firmus Technologies Kreditunterstützung gewähren und zugleich die Vermietung ihrer GPU-Kapazitäten absichern. Als Gründe werden Bedenken wegen zirkulärer Geschäfte, des wachsenden Einflusses von Nvidia und möglicher kartellrechtlicher Risiken genannt.
Ein Risiko von mehr als 100 Milliarden US-Dollar
Noch dramatischer ist das gemeinsame Projekt von OpenAI und SB Energy in Ohio. Nvidia übernimmt Garantien von bis zu 105 Milliarden US-Dollar für definierte Miet- und Stromverpflichtungen. Sie werden schrittweise wirksam, sobald die einzelnen Bauabschnitte in Betrieb gehen. Sollte OpenAI ausfallen, könnte Nvidia belastet werden. Im Gegenzug soll der Standort nahezu ausschließlich mit Nvidia-Technologie ausgestattet werden.
Zusätzlich bestehen Garantien von 3,5 Milliarden US-Dollar für Mietverpflichtungen weiterer KI-Cloud-Partner. Deren Namen veröffentlicht Nvidia nicht. Die maximale Bruttohaftung erreicht damit insgesamt 108,5 Milliarden US-Dollar. Das entspricht mehr als dem gesamten Rekordumsatz des abgelaufenen Quartals.
CEO Jensen Huang bestreitet, dass es sich um zirkuläre Finanzierung handelt. Wirtschaftlich bleibt die Konstruktion dennoch bedenklich. So stützt Nvidia die Kreditwürdigkeit eines Kunden, sichert dessen Rechenzentrum ab und schafft damit gleichzeitig einen Absatzmarkt für die eigenen Systeme. Fällt die Endnachfrage schwächer aus als geplant, verliert Nvidia nicht nur Chipumsätze. Dann könnten zusätzlich Garantien fällig werden und Infrastrukturinvestitionen an Wert verlieren.
Die Bilanz sendet ein Warnsignal
Die offenen Kundenforderungen stiegen innerhalb von sechs Monaten von 38,5 auf 63,1 Milliarden US-Dollar. Fünf direkte Kunden stehen für zusammen 70 Prozent dieser Summe. Solange diese Unternehmen zahlen, bleibt das beherrschbar. Gerät jedoch nur einer der Großkunden in Schwierigkeiten, könnte aus gebuchtem Umsatz ein handfestes Bilanzproblem werden.
Gleichzeitig explodierten die Liefer- und Kapazitätsverpflichtungen innerhalb nur eines Quartals von 119 auf 279 Milliarden US-Dollar. Hinzu kommen die genannten Cloud-Vereinbarungen über 36 Milliarden US-Dollar, Eigenkapitalinvestitionen von 99 Milliarden US-Dollar sowie weitere Beteiligungszusagen von 25 Milliarden US-Dollar. Gemeinsam mit Apollo, BlackRock, Blackstone, Brookfield, Goldman Sachs und KKR will Nvidia außerdem mehr als 500 Milliarden US-Dollar externes Kapital für neue KI-Infrastruktur mobilisieren.
Das gefährliche Echo der Dotcom-Blase
Die Parallelen zur Jahrtausendwende sind unübersehbar. Cisco finanzierte Kunden, damit diese Netzwerktechnik kaufen konnten. Zeitweise standen solche Geschäfte für rund zehn Prozent des Umsatzes. Als die Dotcom-Blase platzte, musste der Konzern fast 900 Millionen US-Dollar für gefährdete Kredite zurückstellen.
Intel investierte allein 1999 rund 4,8 Milliarden US-Dollar in etwa 300 Technologieunternehmen. Je schneller die Internetwirtschaft wuchs, desto größer wurde der Absatzmarkt für die eigenen Prozessoren.
Auch damals war die Technologie real, doch die Gewinnerwartungen waren maßlos überzogen. Scheitern heute wichtige KI-Kunden, drohen Nvidia gleichzeitig sinkende Bestellungen, Forderungsausfälle, fallende Beteiligungswerte und milliardenschwere Garantierisiken. Der entscheidende Unterschied zu damals liegt in der Dimension der aktuellen Verpflichtungen, gegen die selbst die Exzesse der Dotcom-Blase winzig wirken.
Fazit
Noch erzielt Nvidia reale Milliardengewinne und eine außergewöhnliche Bruttomarge von 75 Prozent. Von einem substanzlosen Unternehmen kann dadurch mit Nichten eine Rede sein. Dennoch ist die Entwicklung explosiv. Das Wachstum wird nicht nur größer, sondern immer stärker finanziell miteinander verflochten.
Sollten die Erträge aus KI-Anwendungen hinter den Erwartungen zurückbleiben, könnten Unternehmen ihre Investitionen kürzen. Dann drohen Nvidia gleichzeitig sinkende Bestellungen, steigende Forderungsausfälle, fallende Beteiligungswerte, ungenutzte Cloud-Kapazitäten und milliardenschwere Garantierisiken. Aus einer normalen Abkühlung könnte ein finanzieller Dominoeffekt entstehen.
Das Kartenhaus steht noch. Doch Nvidia baut längst nicht mehr nur die Technologie, auf der es ruht. Der Konzern finanziert, garantiert und stabilisiert inzwischen selbst immer größere Teile des KI-Booms. Beginnt dieses System zu wanken, könnte Nvidia vom größten Gewinner zum Brandbeschleuniger einer ganzen Branche werden.
Enthaltene Werte: US17275R1023,US4581401001,US67066G1040,NL0009805522,US21873S1087




