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Julian Marx (Flossbach von Storch): Der lange Weg ins Notenbank-Paradies

17.09.2026 -

Es wird leiser um die US-Notenbank Federal Reserve. Die Zinsen gehen hoch, Präsident Kevin Warsh gibt aber keine Prognosen oder Signale mehr. Preisstabilität ist nicht in Sicht.

Wäre es nach Beth Hammack, Neel Kashkari und Lorie Logan gegangen, hätte die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) ihre Leitzinsen bereits bei der vergangenen Zinssitzung Ende Juli angehoben. Die drei Mitglieder des Fed-Offenmarktausschusses (FOMC) vertraten seinerzeit die Ansicht, dass ein solcher Zinsschritt angesichts der anhaltend hohen US-Inflation angemessen sei.

Doch die übrigen neun FOMC-Mitglieder überstimmten sie und votierten damals für einen unveränderten Leitzins. Sie wollten zunächst noch weitere Datenpunkte abwarten. Unter ihnen war auch der neue Notenbankpräsident Kevin Warsh, der in der anschließenden Pressekonferenz vollmundig erklärte: "Der Weg ins Zentralbank-Paradies führt über die Erfüllung unseres Mandats. Heutzutage bedeutet das, für Preisstabilität zu sorgen." Jetzt, sieben Wochen später, hat sich das Inflationsbild nicht wirklich entschärft. Eher im Gegenteil: Seit mittlerweile fünfeinhalb Jahren liegt die US-Verbraucherpreisinflation ununterbrochen oberhalb des Zwei-Prozent-Inflationsziels. Rund zwei Drittel der Zeit lag die Teuerungsrate sogar bei drei Prozent oder mehr - so auch in den vergangenen sechs Monaten.

Hinzu kommen neue Preisspitzen am Ölmarkt. Im September verteuerte sich ein Ölfass der Sorte West Texas Intermediate (WTI) erstmals seit Mai wieder auf mehr als 100 US-Dollar. Damit könnte sich aus Verbrauchersicht zunehmend der Eindruck verfestigen, dass die US-Inflation, die in den vergangenen Jahren einer Abfolge verschiedener Schocks ausgesetzt war, strukturell höher ausfällt. Zumal die US-Inflation nach dem Urteil der US-Notenbanker auch im Schlussquartal dieses Jahres deutlich zu hoch ausfallen und bei schätzungsweise 3,7 Prozent liegen dürfte.

Damit mehrten sich zuletzt die Argumente, ein erstes Signal im Kampf gegen die Inflation zu setzen. Warsh & Co. erfüllten diese Erwartungshaltung beim aktuellen Zinsentscheid und haben einstimmig beschlossen, die Leitzinsen erstmals in diesem Jahr anzupassen. Es geht um 25 Basispunkte nach oben in die neue Bandbreite von 3,75 bis 4,0 Prozent.

Der Arbeitsmarkt spielt derzeit nur die zweite Geige

Die aktuelle Zinsanhebung konnte dabei ohne Rücksicht auf das zweite Ziel der US-Notenbank, die Vollbeschäftigung, getroffen werden. Denn der US-Arbeitsmarkt präsentiert sich weiter in guter Verfassung. Die Zahl der neu geschaffenen Arbeitsplätze ist zwar etwas schwankend, stieg in diesem Jahr bis einschließlich August jedoch um durchschnittlich 80.000 pro Monat. Das liegt nach Ansicht von Notenbankgouverneur Christopher Waller wahrscheinlich sogar leicht über den Schätzungen dessen, was erforderlich ist, um mit dem - aufgrund der zuletzt deutlich geringeren Nettozuwanderung - langsamen Wachstum der Erwerbsbevölkerung Schritt zu halten.

Auch die Arbeitslosenquote bewegte sich mit 4,1 Prozent im August nicht nur auf historisch tiefen Niveaus, sondern zugleich auf dem niedrigsten Stand der vergangenen zwölf Monate. Nach vorne schauend erwarten die FOMC-Mitglieder auch keinen unmittelbaren Abbruch am Arbeitsmarkt. In ihren neuesten Projektionen gehen sie für das vierte Quartal 2026 unverändert von einem robusten Wirtschaftswachstum von 2,3 Prozent aus.

Die Fed wird leiser

Wenn man so möchte, haben die Daten in den vergangenen Wochen zunehmend für sich selbst gesprochen. Klare Bekenntnisse zu einer Zinserhöhung blieben bis zuletzt aus. Dahinter steht auch der Versuch, das Verhältnis zwischen Notenbank und Finanzmärkten neu zu ordnen, wie Kevin Warsh Ende August beim alljährlichen Notenbankertreffen in Jackson Hole erläuterte.

Dabei warnte der Fed-Präsident vor einem "Spiegelkabinett-Problem": Wenn sich Marktteilnehmer stark an den Signalen der Fed orientieren, während die Fed ihrerseits Marktpreise zur Beurteilung der wirtschaftlichen Lage heranzieht, können sich Erwartungen gegenseitig verstärken und den tatsächlichen Informationsgehalt der Marktpreise reduzieren. Marktteilnehmer sollen deshalb wieder stärker selbst Konjunktur-, Inflations- und Finanzmarktdaten interpretieren, anstatt primär darauf zu warten, welchen Zinsschritt die Fed als Nächstes signalisiert.

In diesem Zusammenhang wird nicht nur die Rolle der Forward Guidance, also mehr oder weniger konkrete Hinweise auf den zukünftigen Zinspfad, in normalen Zeiten deutlich an Bedeutung verlieren. Neben konkreten Zinssignalen lehnt Warsh auch die Vorstellung einer klar definierten geldpolitischen Reaktionsfunktion ab. Einerseits könnten frühzeitige Festlegungen die Fed daran hindern, flexibel auf neue Entwicklungen zu reagieren. Zudem gebe es auch kein hinreichend zuverlässiges Modell, das aus bestimmten Inflations-, Wachstums- oder Arbeitsmarktdaten mechanisch den angemessenen Leitzins ableiten könne. Nicht zuletzt deswegen, weil sich die Faktoren, welche für die Geldpolitik entscheidend seien, im Zeitablauf verändern.

Für die Kapitalmärkte bedeutet dieser Ansatz zunächst weniger Leitplanken und eine etwas geringere Vorhersehbarkeit der Geldpolitik. Im Ergebnis steht also eine "leisere" Fed: weniger Kommunikation über mögliche zukünftige Entscheidungen und mehr Flexibilität, die Geldpolitik jeweils anhand der zum Entscheidungszeitpunkt verfügbaren Informationen festzulegen.

Mit Preisstabilität ins Zentralbank-Paradies

Inwiefern die von Warsh angestoßenen Stilfragen über die geldpolitische Kommunikation einen messbaren Mehrwert stiften, sei an dieser Stelle dahingestellt. Denn weniger Leitplanken, also weniger Klarheit über die kommende Geldpolitik, können auch mehr Volatilität an den Finanzmärkten bedeuten. Ob resultierende Schwankungen am Ende des Tages aber ein Warnsignal oder eine Übertreibung darstellen, lässt Notenbanker unverändert mit einem gewissen Interpretationsspielraum zurück. Theoretisch könnte ein Zugewinn an geldpolitischer Flexibilität im ungünstigen Fall auch durch eine höhere Zahl unerwünschter Marktübertreibungen - und eine neue Form der Fehlsignale - erkauft werden.

Andererseits können Marktentwicklungen, wenn man sie "laufen lässt", ihrerseits auch einen unmittelbaren Beitrag zur Erfüllung des Preisstabilitätsziels leisten. So erreichte das Renditeniveau 30-jähriger US-Staatsanleihen mit 5,4 Prozent zuletzt den höchsten Stand seit 19 Jahren. Wenn Geldpolitik derartige Entwicklungen in einem inflationären Umfeld nicht begrenzt, kann sich das Marktumfeld restriktiver gestalten, ohne dass es hierzu aktiver geldpolitischer Entscheidungen bedarf. Das unterstreicht: Geldpolitik ist mehr als die bloße Summe ihrer Zinsentscheidungen.

Bei allen von Warsh initiierten Diskussionen lässt sich die Erfolgsformel für eine gute Notenbankpolitik aber vermutlich auch auf eine wesentliche Botschaft reduzieren. Denn, wie er selbst sagte: Der Weg ins Zentralbank-Paradies führt über die Erfüllung des geldpolitischen Mandats. Und das heißt auch in diesen Tagen Preisstabilität.

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