Der kräftige Ölpreisanstieg hat die Diskussion über Europas Energieabhängigkeit mit neuer Wucht entfacht. Brent kostet inzwischen mehr als 110 US-Dollar je Barrel, Heizöl ist seit Kriegsbeginn massiv teurer geworden. Kurzfristig belastet das Verbraucher und Unternehmen. Für Anbieter von erneuerbaren Energien, dezentralen Kraftwerken oder alternativen Kraftstoffen kann die Entwicklung dagegen zusätzlichen Rückenwind bringen.
Besonders direkt ist der Zusammenhang bei Verbio. Mit steigenden Preisen für fossile Kraftstoffe verbessert sich die Wettbewerbsposition von Biodiesel und Bioethanol. Entsprechend empfindlich reagiert die Aktie inzwischen auf Nachrichten aus dem Nahen Osten: Schon Hoffnungen auf eine Entspannung zwischen Washington und Teheran hatten zuletzt einen kräftigen Kursrückgang ausgelöst.
Operativ hat Verbio die schwierige Phase allerdings bereits hinter sich gelassen. Im Geschäftsjahr 2025/26 sprang das EBITDA auf 193,9 Mio. Euro, allein im Schlussquartal wurden 88,2 Mio. Euro erwirtschaftet. Das Nettoergebnis drehte von einem hohen Verlust auf einen Gewinn von 63,9 Mio. Euro. Für 2026/27 peilt der Vorstand ein EBITDA von 210 bis 250 Mio. Euro an. Perspektivisch könnte zudem die neue Ethenolyse-Anlage in Bitterfeld die Abhängigkeit vom Kraftstoffgeschäft reduzieren.
Noch stärker von strukturellen Trends geprägt ist die Entwicklung bei Daldrup & Söhne. Hohe Preise für Öl und Gas erhöhen die Attraktivität alternativer Wärmekonzepte, gleichzeitig wechseln viele Kommunen nach Abschluss ihrer Wärmeplanung nun in die konkrete Umsetzung. Davon profitiert der Spezialist für Tiefengeothermie bereits deutlich. Der Auftragsbestand hatte im August 132 Mio. Euro erreicht und sich damit innerhalb von rund anderthalb Jahren vervielfacht. Ein weiterer Auftrag über 16 bis 18 Mio. Euro für Bohrungen in Aschheim soll noch im November anlaufen.
Auch die Zahlen zeigen die Dynamik. Im ersten Halbjahr erhöhte Daldrup die Gesamtleistung um 56 Prozent auf 32,3 Mio. Euro und das EBIT auf 3,43 Mio. Euro. Für das Gesamtjahr stehen rund 58 Mio. Euro Gesamtleistung und eine EBIT-Marge zwischen 11,5 und 13,5 Prozent auf dem Plan. Bei einem noch deutlichen Abstand zum bisherigen Jahreshoch bietet die Aktie damit eine interessante Kombination aus Wachstum und Aufholpotenzial.
Bei Nordex ist der hohe Ölpreis dagegen weniger der unmittelbare Ergebnistreiber. Entscheidend ist vielmehr der langfristige Wunsch nach einer unabhängigeren Energieversorgung. Die Nachfrage nach Windkraftanlagen bleibt entsprechend hoch. Im dritten Quartal sammelte Nordex Aufträge über 2.810 Megawatt ein, fast 30 Prozent mehr als im Vorjahr. Nach 9 Monaten summierte sich der Auftragseingang bereits auf 7.733 Megawatt.
Auffällig ist die starke Nachfrage aus der Türkei und den USA. Gleichzeitig sank der durchschnittliche Verkaufspreis je Megawatt von 0,97 auf 0,90 Mio. Euro. Entscheidend wird deshalb sein, wie profitabel Nordex den hohen Auftragsbestand in den kommenden Quartalen abarbeiten kann. Genau hier dürfte der nächste Quartalsbericht wichtige Hinweise liefern.
Einen Sonderfall stellt hingegen 2G Energy dar. Bei dem Spezialisten für dezentrale Kraftwerke treffen gleich mehrere Wachstumstreiber zusammen. Hohe Energiepreise erhöhen den Stellenwert effizienter dezentraler Stromerzeugung, zugleich sorgt der enorme Strombedarf von Rechenzentren vor allem in den USA für einen historischen Auftragsschub.
Allein im ersten Halbjahr gingen Bestellungen über 479,4 Mio. Euro ein, im dritten Quartal kamen mehr als 400 Mio. Euro hinzu. Für 2027 hat das Management das Umsatzziel inzwischen auf 600 bis 650 Mio. Euro angehoben, 2028 sollen bereits 750 bis 850 Mio. Euro erreicht werden.
Noch hinken die Ist-Zahlen dieser Entwicklung allerdings deutlich hinterher. Im ersten Halbjahr wurden lediglich 136 Mio. Euro Umsatz und eine EBIT-Marge von 0,6 Prozent erzielt. Damit hängt viel davon ab, dass die Produktion im zweiten Halbjahr wie angekündigt kräftig hochgefahren wird. Nach der deutlichen Kurskorrektur ist die Ausgangslage damit reizvoll, aber nicht risikolos: Liefert 2G den erwarteten Schlussspurt, dürfte der Markt den enormen Auftragsbestand wieder stärker honorieren.
Am anderen Ende des Spektrums steht clearvise. Der Betreiber von Wind- und Solarparks profitiert zwar ebenfalls von der wachsenden Bedeutung heimischer Stromerzeugung, an der Börse wurde das bislang aber kaum honoriert. Selbst nach einer ersten Erholung notiert die Aktie weiterhin deutlich unter ihrem Buchwert von 1,92 Euro je Aktie.
Dabei entwickelte sich das Geschäft im ersten Halbjahr solide. Der Umsatz stieg um 23 Prozent auf 22,3 Mio. Euro, das bereinigte EBITDA erreichte 15,7 Mio. Euro. Neue Stromabnahmeverträge und Projekte mit langfristig gesicherten Vergütungen verbessern zusätzlich die Ertragsperspektive. Der hohe Abschlag zum Eigenkapital macht clearvise damit zum ausgeprägten Value-Titel in dieser Gruppe.
Der aktuelle Ölschock liefert somit nicht nur kurzfristige Gewinner. Während Verbio besonders stark auf die unmittelbare Entwicklung der Rohölpreise reagiert, profitieren Nordex, Daldrup und 2G vor allem von einem strukturellen Trend zu mehr Versorgungssicherheit und dezentraler Energieerzeugung. clearvise bietet dagegen eine eher defensive Möglichkeit, dieses Thema mit einem hohen Bewertungsabschlag zu spielen. Für Anleger könnte deshalb weniger entscheidend sein, ob Brent dauerhaft über 100 US-Dollar bleibt, als vielmehr, ob die aktuelle Krise die Investitionen in eine unabhängigere Energieversorgung noch einmal beschleunigt.
(aktien-global.de, erstellt 02.11.26, 09:30 Uhr, veröffentlicht 02.11.26, 10:12 Uhr, bitte beachten Sie unseren Disclaimer zu potenziellen Interessenkonflikten: https://www.aktien-global.de/impressum/)
Originalmeldung: https://www.aktien-global.de/news-cov/newscov_nordex/2g_energy_nordex_und_co_wer_vom_neuen_energieschock_profitiert-25419/




