
© Foto: Robynne O auf Unsplash (Symbolbild)
Oracle befindet sich in einer beispiellosen Zwickmühle. Während die Cloud-Geschäfte glänzen, verbrennt das Unternehmen Milliarden US-Dollar in KI-Rechenzentren, ohne dabei ausreichend Geld zu verdienen. Die Rating-Agentur S&P hat gerade gewarnt. Jetzt fehlt nur noch eine Stufe bis zum Ramsch-Status. Und jetzt kommt das Schlimmste: Im Sog von IBMs verheerenden Zahlen und SAPs Straucheln stürzen auch die Oracle-Aktien weiter ab. Analysten sind skeptisch und rechnen teilweise mit noch tieferen Kursen. Gibt es vielleicht doch noch Hoffnung und eine Bodenbildung?
Die Finanzierungs-Falle
Es läuft operativ eigentlich ganz ordentlich bei Oracle. Die Cloud-Sparte wuchs zuletzt um 47 Prozent, der Gesamtumsatz um 17 Prozent. Auf dem Papier sieht das nach einer Erfolgsgeschichte aus. Und jetzt das obige Wort "eigentlich!": Doch hinter diesen glänzenden Zahlen lauert ein Schreckgespenst, das die Anleger nicht mehr aus dem Kopf bekommen, nämlich der rasant wachsende Schuldenberg. Das Problem ist so beängstigend, denn Oracle investiert wie wild in neue KI-Rechenzentren. Im abgelaufenen Geschäftsjahr flossen 55,7 Milliarden US-Dollar in Investitionen, fast doppelt so viel wie geplant. Gleichzeitig sank der freie Cashflow ins Negative, nämlich auf über -23 Milliarden US-Dollar. Der Konzern verbrennt mehr Geld, als er verdient. Erschwerend kommt ein großes Klumpenrisiko hinzu. Etwa die Hälfte des riesigen Auftragsbestands von 638 Milliarden US-Dollar hängt an einem einzigen Kunden: OpenAI. Sollte dieser Geschäftspartner in finanzielle Schwierigkeiten geraten oder seine Verträge kürzen, wäre das für Oracle eine Katastrophe. Die Rating-Agentur S&P hat genau diese Abhängigkeit zum Anlass genommen, um die Bonität auf BBB- herabzustufen. Das ist gefährlich nah am Ramsch-Status. Parallel dazu plant Oracle für 2027 weitere 90 bis 95 Milliarden US-Dollar an Investitionen. Das Unternehmen benötigt dringend frisches Kapital, ob über Schulden oder durch eine Eigenkapitalerhöhung. Genau an diesem Punkt wird es eng. Die Kreditgeber werden zögerlicher, die Anleger skeptischer. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit und das merkt man am Verlauf der Aktie.

Charttechnik
Der Blick auf den Chart offenbart das ganze Ausmaß der Krise. Die Aktie notiert derzeit bei etwa 128 US-Dollar und damit auf dem Niveau eines neuen 52-Wochen-Tiefs. Seit September 2025 (damals stand die Aktie bei 345,70 US-Dollar im Hoch) verlor Oracle gewaltig an Wert. Der psychologisch wichtige Punkt liegt jetzt dabei aus dem April-2025-Tief, wo die Aktie bei etwa 118,47 US-Dollar einen vorherigen Halt markierte. Unterschreitet Oracle dieses Level, folgt wohl ein möglicherweise freier Fall bis zur 100er-Marke. Technisch zeigen sich mehrere beängstigende Muster. Die Aktie notiert knapp deutlich unter ihrer 200-Tage-Linie. Das deutet auf einen etablierten Abwärtstrend hin und nicht auf eine vorübergehende Schwäche. Der Relative-Stärke-Index deutet zwar mit 29 Punkten auf eine überverkaufte Situation hin, doch das ist bei Oracle kein Kaufsignal mehr. Es ist eher ein Zeichen dafür, dass die Verkäufer das Sagen haben. Noch schlimmer ist aber für die Investoren, dass der Abwärtstrend bislang keine Anzeichen einer Erholung zeigt. Es gibt keine bullischen Divergenzen, keine aufkeimenden Kaufsignale - nichts, nada, niente. Die hohe Vola spricht für tiefe Unsicherheit unter den Investoren. Ein Retest des April-Tiefs liegt in Reichweite.
Was tun?
Für Oracle-Aktionäre wird es allmählich ungemütlich. Die Lage hat sich in den letzten Wochen fundamental verschärft. Im Sog von IBMs Enttäuschung und SAPs Schwäche sind auch die Oracle-Papiere weiter unter massiven Druck geraten. Das Kernproblem bleibt ungelöst: Oracle muss massive Investitionen stemmen, tut dies aber auf Pump. Die angestrebte Eigenkapitalaufnahme im laufenden Jahr ist entscheidend für den Ratingerhalt. Scheitert diese Emission oder wird sie ungünstig bepreist, droht evtl. eine weitere Herabstufung. Dann wird es richtig eng. Fällt Oracle unter das April-Tief aus 2025, könnte es bis zur 100er-Marke fallen. Vielleicht könnte danach eine echte Bodenbildung entstehen. Für langfristig orientierte Anleger, die an Oracles KI-Story glauben, könnten die möglichen Tiefs dann im dritten Quartal tatsächlich eine Einstiegsgelegenheit bieten. Doch das setzt voraus, dass die Finanzierungslücke geschlossen wird und OpenAI nicht kollabiert. Für risikoaverse Anleger ist Oracle derzeit eher nicht geeignet.
Autor: Felix Goldbach, FinanzNachrichten-Redaktion
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