
© Foto: fn (Bild mit KI erstellt)
Die gute Nachricht kam zuletzt aus Brüssel, denn die EU beendet ihr Kartellverfahren gegen SAP und das ohne Bußgeld. Parallel kauft der Softwarekonzern für über eine Milliarde Euro das KI-Startup Prior Labs, was viel versprechend klingt und der Aufbruch in die KI-Zukunft sein könnte. Doch der Kurs sagt (noch) etwas anderes. Bei aktuell um die 138,70 Euro notiert SAP aber näher am Jahrestief als an früheren Höhen, und viele Anleger fragen sich zurecht, in welche Richtung die Aktie wohl tendiert. Schon am 23. Juli stellt SAP die nächsten Quartalszahlen vor und genau dann dürfte es sich entscheiden, ob die Investitionen in KI-Talente und Plattformen erste Früchte tragen oder ob die Märkte zu Recht skeptisch bleibt. Wir sagen Ihnen auf welche Kursmarken es jetzt ankommt.
Die Comeback-Story mit Schattenseiten
Erst die Erlösung, dann doch wieder die Unsicherheit. Das Kartellverfahren war jahrelang ein Dorn im Auge und jetzt ist es weg. Die EU stellt ihre Ermittlungen zu SAPs Wartungspraktiken ein. Kunden können endlich flexibler mit SAP verhandeln, müssen nicht mehr mit versteckten Reaktivierungsgebühren rechnen. Das sollte zu entspannteren Kundenbeziehungen führen, was für SAP wertvoll ist. Gleichzeitig baut SAP aggressiv seine KI-Fähigkeiten aus. Dremio kam im Juli hinzu. Das ist eine Datenplattform, die ohne nerviges Datenverschieben arbeitet. Prior Labs folgte kurz danach für über eine Milliarde Euro. Das Startup ist spezialisiert auf tabellarische KI-Modelle, also exakt das, was Unternehmen brauchen, um aus ihren strukturierten Daten künftig "smarte Entscheidungen" zu treffen. Dazu gesellte sich im Mai bereits Reltio hinzu, der Datenanbieter für Datenvereinheitlichung. Viel Zukauf auf einmal und die Strategie ist klar, denn SAP will nicht nur Cloud-Software verkaufen, sondern die komplette KI-Lieferkette ebenfalls kontrollieren, quasi von der Datenbereinigung über die Modellbildung bis zum finalen KI-Agenten im Enterprise-Umfeld. Das ist ambitioniert, sogar sehr ambitioniert und genau hier könnte auch ein Problem liegen, denn IBM warnte gerade, dass IT-Budgets zunehmend in Richtung KI-Hardware statt Unternehmenssoftware abfließen.
Jetzt werden es wohl SAPs Quartalszahlen am 23. Juli zeigen müssen, ob dieser Trend SAP trifft oder nicht. Der Konsens rechnet ungefähr mit etwa 22 Prozent Cloud-Wachstum.
Vor den Zahlen sagen optimistische Analystenhäuser, dass SAP einen Fair Value von 265 Euro hat. Das wäre ein riesiges Potenzial gegenüber dem aktuellen Kurs. Die UBS jedoch senkte das Kursziel von 205 auf 164 Euro, ist zwar noch immer bullish, aber deutlich vorsichtiger. Die Begründung hierfür ist, dass die Monetarisierung von KI-Agenten in komplexen ERP-Umfeldern schwieriger als ursprünglich gedacht ist.

Charttechnik
Der Chart erzählt eine eher ernüchternde, nach dem Hoch im Februar 2025 (283,50 Euro) lange Zeit abwärts gerichtete Geschichte. Bei knapp unter 138 Euro steht SAP quasi auf Messers Schneide. Das Jahrestief von 130,70 Euro liegt nur noch knapp 6 Prozent entfernt. Das ist kein großer Puffer und wer gedacht hat, SAP sei jetzt "günstig", muss sich fragen: Sind 130 Euro wirklich die Untergrenze, oder geht es noch tiefer?
Für optimistische Trader gibt es aber auch einen anderen Plan und das ist die 50-Tage-Linie, die bei 144,72 Euro verläuft. Wenn SAP diese Marke nachhaltig überwinden würde, sagen wir über 145 Euro nachhaltig notiert, könnte das der erste Befreiungsschlag sein. Dann könnte es nach oben zu 160, vielleicht sogar zu 170 Euro weiter gehen. Das sind zwar vielleicht ambitionierte Ziele, aber nicht unmöglich, falls die Quartalszahlen überzeugen und die KI-Story anfängt, viel Cash zu generieren. Das große Aber gibt es auch: Fällt SAP unter die psychologische Marke von 130 Euro, wäre das ein bearishes Signal. Dann könnte der Rutsch weitergehen. Viele technische Trader würden dann auf 120 Euro oder sogar 110 Euro abzielen. Das ist aus jetziger Sicht der Worst Case, aber einer, den man auf dem Radar haben sollte. Der RSI notiert derzeit bei 39 und lässt Platz in beide Richtung derzeit zu.
Was tun?
Die Frage ist wohl nicht, ob SAP irgendwann wieder einen Trendwechsel gen Norden vollzieht, sondern die Frage ist, ob die Geduld eines Anlegers ausreicht so lange durchzuhalten. Fundamental gibt es Gründe für Optimismus. Das Kartellverfahren ist weg, die KI-Übernahmen sind strategisch geplant und wohl auch sinnvoll. Es gibt Profis die SAP Kurse deutlich über 200 langfristig wieder zutrauen. Kurzfristig ist SAP aber sowas wie ein Glücksspiel. Am 23. Juli werden die Zahlen klare Antworten geben müssen. Werden die Cloud-Umsätze das 22-Prozent-Wachstum erreichen? Gibt es Anzeichen, dass KI-Investitionen bereits rentabel werden? Oder wird SAP wie IBM warnen müssen, dass Budgets verlagert werden? Für risikoaffine Anleger könnte ein Einstieg bei den aktuellen Kursen eine Möglichkeit sein. Ein Stopp unter 130 Euro würde das Risiko begrenzen. Konservative Investoren sollten hingegen die Quartalszahlen abwarten. Wenn SAP dann glaubhaft vorweist, dass die Cloud-Strategie und die KI-Integration erste Früchte tragen, ist wohl noch immer Zeit zum Einsteigen. SAP hat anscheinend die richtigen Züge gemacht, aber ob sie aufgehen, wissen wir frühestens schon am 23. Juli oder aber in einigen Monaten. Bis dahin ist Abwarten das sicherste Spiel.
Autor: Felix Goldbach, FinanzNachrichten-Redaktion
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