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"Wir haben Kapazität für 50 bis 100 Mio. Dollar Umsatz" - First-Graphene-CEO Michael Bell nennt den wahren Engpass

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First Graphene könnte heute deutlich mehr Graphen produzieren, als das Unternehmen verkauft. Für CEO Michael Bell ist deshalb nicht die Fabrik der entscheidende Engpass. Die schwierigste Hürde beginnt erst nach erfolgreichen Labor- und Produktionstests: Kunden müssen den Schritt wagen, Graphen tatsächlich in ihre Serienprodukte zu integrieren.

Im neuen Interview mit Dr. Reuter Investor Relations formuliert Bell diesen Punkt ungewöhnlich deutlich. Für Composite- und Beschichtungsanwendungen verfüge First Graphene (ISIN: AU000000FGR3) über "mehr als genug Kapazität", um das Unternehmen bis in eine Umsatzgrößenordnung von 50 bis 100 Mio. Dollar zu tragen. Gleichzeitig nennt er ein messbares Ziel für die kommenden zwölf Monate: Eine Verdopplung des Umsatzes wäre für ihn ein klares Signal, dass First Graphene von der Kommerzialisierung in skalierbares Wachstum übergeht.

Die vielleicht spannendste Aussage des Interviews lautet damit: First Graphene muss derzeit nicht zuerst eine größere Fabrik bauen. Es muss Kunden dazu bringen, ihre erfolgreichen Tests endlich in Serienproduktion zu überführen.

Nach dem erfolgreichen Test beginnt die schwierigste Phase

Bell wurde gefragt, wo er derzeit den größten Engpass sieht: Produktionskapazität, Regulierung, Kundenqualifizierung oder die Umwandlung von Testprojekten in wiederkehrende Aufträge. Seine Antwort kam ohne Zögern: "Definitiv Letzteres."

Viele Kunden hätten wissenschaftlich überzeugende Resultate erzielt und erfolgreiche Produktionsversuche absolviert. Trotzdem könne es anschließend noch Monate dauern, bis die kommerzielle Freigabe erfolgt. Unternehmen müssten schließlich ein neues Material in ein Produkt integrieren, auf dem ihr eigenes Geschäft und ihre Reputation beruhen.

"Wir sehen Kunden, die technisch wirklich sehr überzeugt von dem sind, was sie mit PureGRAPH entwickelt haben. Und dann sitzen sie sechs Monate darauf, machen noch ein paar Versuche und gehen schließlich in Produktion", erklärt Bell. Der Prozess sei ausgesprochen vorsichtig - aus seiner Sicht jedoch nachvollziehbar.

Damit beschreibt Bell zugleich eines der Grundprobleme der gesamten Graphenindustrie. Zwischen einem spektakulären Materialtest und einem dauerhaft bestellten Industrieprodukt befindet sich eine kommerzielle Lücke, die nicht mit besseren Laborwerten allein geschlossen werden kann.

"Von fünf auf 25 Jahre Garantie"

Wie groß der Vertrauenssprung für einen Kunden sein kann, zeigt Bell an einem konkreten Beispiel aus dem Poolgeschäft.

Ein familiengeführter Hersteller habe Graphen wiederholt getestet und die Ergebnisse mehrfach validiert, bevor er sich für einen breiteren Einsatz entschied. "Sie haben es bewiesen, noch einmal bewiesen und wieder bewiesen", beschreibt Bell den Prozess. Erst danach sei der Kunde bereit gewesen, das Material in sämtliche Pools zu integrieren.

Der bemerkenswerteste Teil folgt anschließend: Bei den entsprechenden Produkten seien aus zuvor typischen Garantiezeiten von fünf Jahren inzwischen 25 Jahre geworden.

Für den Kunden ist das keine nebensächliche Materialentscheidung. Eine Verfünffachung der Garantiezeit bedeutet, dass das Unternehmen über Jahrzehnte für die Leistung seines Produkts einsteht. Genau deshalb dauern solche Qualifizierungsprozesse länger, als es die Ergebnisse eines einzelnen Labortests vermuten lassen.

100 Tonnen Graphen sind heute nicht das Problem

Auf der Produktionsseite sieht Bell First Graphene dagegen vergleichsweise gut vorbereitet. Das Werk im australischen Henderson könne ungefähr 100 Tonnen Graphenpulver pro Jahr herstellen.

Für viele Anwendungen in Beschichtungen, Verbundwerkstoffen oder anderen Spezialmaterialien sei diese Kapazität mehr als ausreichend. Bell geht sogar so weit, sie mit der möglichen Umsatzentwicklung zu verknüpfen: "Bei allen anderen Composite- und Beschichtungsanwendungen haben wir mehr als genug Kapazität, um uns weit in eine Größenordnung von 50 bis 100 Mio. Dollar Umsatz zu tragen."

Eine Ausnahme bildet Zement.

PureGRAPH CEM wird als wasserbasierte Dispersion geliefert, die nach Bell zu rund 80% aus Wasser besteht. Einzelne kommerzielle Chancen könnten dort bereits Größenordnungen von 100 bis 200 Tonnen erreichen und bestehende Kapazitäten entsprechend schnell beanspruchen. Gleichzeitig verfüge Henderson über die wesentlichen Voraussetzungen, um perspektivisch "Tausende Tonnen" des Zementprodukts herstellen zu können. Dafür wären bei entsprechendem Auftragseingang jedoch Anpassungen notwendig.

Die Produktionsfrage hängt somit stark vom Markt ab. Hochwertige Spezialanwendungen benötigen vergleichsweise wenig Graphen. Zement kann dagegen innerhalb kurzer Zeit enorme Materialmengen verschlingen.

Kunden fragen inzwischen anders

Auch die Qualität der neuen Anfragen habe sich verändert. Im vorherigen Interview hatte Bell berichtet, dass First Graphene mittlerweile etwa 100 bis 150 Anfragen pro Woche erhält - gegenüber lediglich wenigen pro Woche einige Jahre zuvor. Dieses Mal wollte Dr. Reuters wissen, ob Unternehmen inzwischen auch mit konkreteren Vorstellungen auf First Graphene zukommen.

Bell bestätigt genau das. Früher habe die Anfrage häufig sinngemäß gelautet: "Ich möchte sehen, was Graphen kann." Heute kämen Kunden häufiger mit einem definierten Problem. Sie wollten beispielsweise mehr Abriebfestigkeit oder eine höhere elektrische Leitfähigkeit erreichen.

"Die Menschen werden besser darin, zu definieren, was sie erreichen wollen", sagt Bell. Besonders wichtig sei es, wenn ein Unternehmen bereits seine eigene "Definition von Erfolg" formulieren könne. First Graphene müsse dann nicht mehr erklären, weshalb Graphen grundsätzlich interessant sei, sondern könne prüfen, welches Material aus dem mittlerweile breiten Produktportfolio die geforderte Eigenschaft liefern könne.

Ein breiteres Portfolio soll mehr Treffer ermöglichen

Dieser Wandel erklärt zugleich First Graphenes jüngste Übernahmen. Bell stellt im Interview klar, dass First Graphene weiterhin ein Graphenhersteller sei. Das Unternehmen habe allerdings gelernt, dass unterschiedliche industrielle Probleme auch unterschiedliche Graphenprodukte benötigen.

Für elektrische Leitfähigkeit kann eine andere Partikelgröße oder Funktionalisierung sinnvoll sein als für Festigkeit oder Abriebfestigkeit. Durch die MITO-Übernahme kamen insbesondere funktionalisierte Materialien für Composite-Anwendungen hinzu. First Graphenes Portfolio reicht inzwischen nach Bells Beschreibung von mikronisiertem Graphit und Carbon Black über Graphen und Graphenoxid bis zu funktionalisierten Derivaten, Dispersionen und Masterbatches.

"Wenn man nur ein oder zwei Arten von Graphen herstellt, hat man ein sehr enges Anwendungsfenster", erklärt der CEO. Genau dieses Fenster wolle First Graphene möglichst weit öffnen. Bell berichtet sogar von Projekten, bei denen zunächst kein vorhandenes Produkt funktionierte, eine hinzugekommene MITO-Formulierung anschließend jedoch erfolgreich gewesen sei.

Die wichtigste Zahl für die nächsten zwölf Monate: 2

Am Ende des Interviews wird Bell noch konkreter. Gefragt nach einem einzigen messbaren Meilenstein, der in zwölf Monaten zeigen würde, dass First Graphene den Schritt in skalierbares Wachstum geschafft hat, nennt er keine Produktionsmenge und keinen neuen Großkunden.

Er nennt den Umsatz. "Eine Verdopplung des Umsatzes ist immer ein guter Meilenstein dafür, dass etwas passiert", sagt Bell.

First Graphene habe in den vergangenen drei bis vier Jahren zwar Umsatzwachstum erzielt, aber noch nicht in dem Umfang, den das Management angesichts der bestehenden Pipeline für möglich hält. Bell sieht nach eigener Aussage derzeit "alle Zutaten für ein fantastisches Quartal". Voraussetzung bleibe allerdings, dass Kunden tatsächlich die Entscheidung treffen, ihre Produkte in die Serienproduktion zu bringen.

Sollten 20 oder 50% der aktuell sichtbaren Chancen umgesetzt werden, könne daraus nach Bells Einschätzung ein sehr interessantes Quartal und Geschäftsjahresende entstehen. Gleichzeitig macht er klar, dass genau dort das Risiko liegt: Die technische Arbeit kann abgeschlossen sein, während die finale Kundenentscheidung trotzdem noch aussteht.

Damit liefert das Interview einen ungewöhnlich klaren Maßstab für die kommenden Monate.

First Graphene muss derzeit nicht beweisen, dass es 100 Tonnen Graphen herstellen kann. Das Unternehmen muss beweisen, dass aus erfolgreichen Tests genügend wiederkehrende Bestellungen entstehen. Gelingt diese Konvertierung, wäre laut Bell selbst eine Umsatzgrößenordnung von 50 bis 100 Mio. Dollar aus Sicht der bestehenden Kapazitäten bei vielen Anwendungen kein unmittelbares Produktionsproblem.

Die entscheidende Frage lautet damit nicht mehr nur, was Graphen technisch kann. Sie lautet, wie schnell Kunden bereit sind, daraus ein dauerhaftes Geschäft zu machen.


Quellen:

Interview mit Michael Bell, CEO und Managing Director von First Graphene, Dr. Reuter Investor Relations
https://firstgraphene.net/
https://firstgraphene.net/investors/

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First Graphene Limited
Land: Australien
ISIN: AU000000FGR3
First Graphene - First Graphene

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