
© Foto: Symbolbild mithilfe von KI generiert
Ein Labor brennt kurz, eine Studie floppt, und trotzdem redet gefühlt die halbe Börse, zumindest wenn es um BioNTech geht, gerade über eine ganz andere Zahl: 18,5 Monate. So lange überlebten Lungenkrebs-Patienten unter BioNTechs neuem Wirkstoff Gotistobart, fast doppelt so lang wie unter der alten Standardtherapie. Während der Corona-Impfstoff Comirnaty langsam aber stetig weiter an Kraft und Bedeutung fürs Unternehmen verliert, wächst im Hintergrund eine Pipeline heran, die plötzlich ernst genommen wird. Der Kurs ist nach dem Höhenflug im Januar spürbar zurückgekommen, was die Bewertung heute deutlich entspannter aussehen lässt. Das sind schon mal ein paar Gründe, sich BioNTech in Ruhe anzuschauen.
Die Nach-Corona-Zeit könnte erfolgreich werden
BioNTech steckt mitten im Umbau. Jahrelang stand der Name fast ausschließlich für den Corona-Impfstoff. Das ändert sich gerade sichtbar. Auf dem Weltkongress für Lungenkrebs in Seoul präsentierten die Mainzer zusammen mit Partner OncoC4 aktualisierte Daten zu Gotistobart. Patienten mit fortgeschrittenem Lungenkrebs lebten im Schnitt 18,5 Monate, unter der bisherigen Chemotherapie waren es nur 10. Das Sterberisiko sank um 44 Prozent. Solche Zahlen bewegen eine Branche. Natürlich läuft nicht in Gänze alles rund bei BioNTech. Eine Studie zu einem mRNA-Impfstoff gegen Darmkrebs z. B. wurde abgebrochen, das COVID-Geschäft schrumpft, die Jahresprognose wurde auf 1,6 bis 1,9 Milliarden Euro gesenkt. Auch dass Vorstandschef Ugur Sahin Aktien verkaufte, sorgt für Diskussionen. Trotzdem bleibt die Substanz beeindruckend, denn über 16 Milliarden Euro Liquidität liegen in der Kasse, genug, um die gesamte Forschung durchzufinanzieren. Analysten wie Jefferies, Goldman Sachs und Deutsche Bank bleiben bei Kaufempfehlungen, das Kursziel liegt im Schnitt bei über 125 US-Dollar. Der Blick auf die Pipeline zeigt, warum viele Anleger gerade jetzt genauer hinschauen. Neben Gotistobart laufen aktuell 15 weitere Phase-3-Studien, vor allem in den Bereichen Brust-, Lungen- und Prostatakrebs. Der Antikörper Pumitamig, gemeinsam mit Bristol Myers Squibb entwickelt, zeigte zuletzt ebenfalls hohe Ansprechraten. Bis 2030 will BioNTech gleich zehn Krebsmedikamente zur Zulassung bringen, ein ambitioniertes Ziel, das die Gesellschaft aber mit einer breit aufgestellten Mehr-Säulen-Strategie untermauert. Genau diese Streuung über mehrere Wirkstoffkandidaten macht das Unternehmen weniger abhängig von einem einzelnen Studienergebnis, auch wenn Rückschläge wie beim Darmkrebs-Programm natürlich weiterhin möglich bleiben.

Charttechnik
Der Titel hat seit dem Jahreshoch bei etwas über 120 US-Dollar vor wenigen Wochen wieder spürbar Federn gelassen, notiert aber weiterhin klar über dem Jahrestief vom März. Nach dem starken Anstieg vor ein paar Wochen und dem anschließenden Abverkauf wirkt die Aktie inzwischen deutlich günstiger und attraktiver für einen Einstieg. Nach unten zeigt sich eine stabile Zone zwischen 90 und 95 US-Dollar, die als Absicherung dienen könnte. Selbst darunter warten weitere Unterstützungslinien, die einen tieferen Rutsch bremsen sollten. Gelingt der Rebound, ist eine Bewegung in Richtung 120 US-Dollar durchaus vorstellbar, zumal der 200er SMA nur knapp 1 US-Dollar entfernt liegt bei 97,64 US-Dollar und bereits zuletzt schon einmal, bzw. mehrmals überwunden wurde.
Was tun?
Die Mischung aus schwächelndem Impfstoffgeschäft und einer Pipeline, die endlich Ergebnisse liefert, macht BioNTech gerade zu einem recht interessanten und spannenden Fall. Die Gotistobart-Daten sind fundamental mit der wichtigste Baustein, denn sie zeigen, dass die Onkologie-Strategie greifen könnte. Charttechnisch bietet das aktuelle Niveau nach dem Rücksetzer eine interessante Gelegenheit, mit recht greifbaren Absicherungen für Stopps nach unten. Wer die Volatilität dieser Aktie aushält und an die langfristige Pipeline glaubt, findet hier einen durchaus attraktiveren Einstiegspunkt als noch zuletzt mit Aufwärtspotenzial und gutem C/R-Verhältnis.
Autor: Felix Goldbach, FinanzNachrichten-Redaktion
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