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Der deutsche Pharma- und Agrarkonzern Bayer (ISIN: DE000BAY0017) treibt seine Aktivitäten in einem der technologisch anspruchsvollsten Bereiche der modernen Medizin voran. Die US-Arzneimittelbehörde FDA und die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA haben einer experimentellen Zelltherapie der Bayer-Tochter BlueRock Therapeutics wichtige Orphan-Drug-Einstufungen erteilt. Das am 30. September bekannt gegebene Programm soll künftig Menschen helfen, die durch erbliche Netzhauterkrankungen ihr Augenlicht verlieren. Für Bayer ist die Entscheidung ein weiterer Schritt beim Aufbau eines Geschäfts mit neuartigen Zelltherapien. Wie sich aus solchen Technologien bereits ein kommerzieller Markt entwickeln kann, zeigt der australische Biotechnologiespezialist Mesoblast (ISIN: AU000000MSB8). Das Unternehmen erzielte im vergangenen Geschäftsjahr mit seiner ersten FDA-zugelassenen Zelltherapie Nettoumsätze von 115,2 Millionen US-Dollar. Während Bayer noch an klinischen Wirksamkeitsnachweisen arbeitet, steht Mesoblast vor der Frage, wie sich ein bereits vermarktetes Zellprodukt auf weitere Patientengruppen ausweiten lässt.
Bayer erhält wichtige Einstufungen von FDA und EMA
Im Mittelpunkt der Bayer-Meldung steht Lemiretprocel, auch unter der Entwicklungsbezeichnung OpCT-001 bekannt. Die Therapie wird von BlueRock Therapeutics entwickelt, einer vollständig zu Bayer gehörenden, eigenständig operierenden Tochtergesellschaft. Die FDA hat dem Kandidaten Orphan-Drug-Status für die Behandlung von Retinitis pigmentosa und Zapfen-Stäbchen-Dystrophie erteilt. Auch die EMA hat entsprechende Einstufungen für bestimmte erbliche Netzhauterkrankungen vergeben. Solche Erkrankungen können dazu führen, dass die lichtempfindlichen Zellen der Netzhaut nach und nach absterben. Betroffene verlieren zunächst häufig ihre Sehfähigkeit bei schlechten Lichtverhältnissen oder ihr peripheres Gesichtsfeld. Im weiteren Verlauf kann die Erkrankung bis zur schweren Sehbehinderung oder Erblindung fortschreiten. Für viele dieser genetisch unterschiedlichen Erkrankungen stehen bislang nur begrenzte Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Die Orphan-Drug-Einstufungen sollen die Entwicklung von Arzneimitteln gegen seltene Erkrankungen fördern. Sie sind jedoch keine Zulassung und bestätigen auch noch nicht, dass Lemiretprocel bei Patienten wirksam ist.
Neue Netzhautzellen sollen verlorene Funktionen ersetzen
Die technologische Besonderheit von Lemiretprocel liegt in der Herstellung der verwendeten Zellen. BlueRock setzt auf sogenannte induzierte pluripotente Stammzellen, kurz iPS-Zellen. Diese können unter kontrollierten Bedingungen in unterschiedliche spezialisierte Zelltypen entwickelt werden. Für Lemiretprocel werden daraus Vorläuferzellen von Photorezeptoren hergestellt. Photorezeptoren sind jene Zellen der Netzhaut, die Lichtreize aufnehmen und an das Nervensystem weiterleiten. Bei erblichen Netzhauterkrankungen gehen diese Zellen häufig fortschreitend verloren. Die Idee hinter der Therapie besteht darin, neue Zellen in die Netzhaut einzubringen, um geschädigte Funktionen möglicherweise wiederherzustellen oder zu unterstützen. Ob die transplantierten Zellen langfristig überleben, sich ausreichend in das vorhandene Gewebe integrieren und tatsächlich zu einer klinisch relevanten Verbesserung des Sehens beitragen können, ist noch Gegenstand der Forschung. Der Ansatz unterscheidet sich damit grundlegend von Medikamenten, die lediglich einzelne Stoffwechselprozesse oder Entzündungsreaktionen beeinflussen.
Phase-I/IIa-Studie soll erste klinische Antworten liefern
Lemiretprocel wird derzeit in einer frühen Phase-I/IIa-Studie bei Patienten mit Retinitis pigmentosa, Usher-Syndrom und Zapfen-Stäbchen-Dystrophien untersucht. Im Vordergrund stehen zunächst Sicherheit und Verträglichkeit der Zelltransplantation. Darüber hinaus wollen die Forscher erste Hinweise darauf gewinnen, ob sich die Sehfunktion durch die Behandlung beeinflussen lässt. Die Einstufungen durch FDA und EMA können die weitere Entwicklung erleichtern, beispielsweise durch regulatorische Beratung und mögliche wirtschaftliche Anreize. In den USA kann eine spätere Zulassung für die geschützte Indikation unter bestimmten Voraussetzungen mit sieben Jahren Marktexklusivität verbunden sein. In der Europäischen Union sind grundsätzlich bis zu zehn Jahre vorgesehen, wobei gesetzliche Ausnahmen gelten. Entscheidend bleibt jedoch der Nachweis eines ausreichenden medizinischen Nutzens. Bayer hat mit Lemiretprocel somit eine interessante Entwicklungsoption, aber noch kein zugelassenes Produkt und auch keine belastbare Grundlage für konkrete Umsatzprognosen aus diesem Programm.
Warum Bayer auf Zelltherapien setzt
Die Entwicklung von Lemiretprocel ist Teil einer breiteren Strategie. Bayer hat sich über BlueRock Therapeutics frühzeitig Zugang zu Technologien verschafft, mit denen lebende Zellen als Arzneimittel eingesetzt werden sollen. Dabei geht es nicht ausschließlich um seltene Augenkrankheiten. BlueRock untersucht beispielsweise auch zellbasierte Ansätze für neurologische Erkrankungen wie Parkinson. Das gemeinsame technologische Ziel besteht darin, bestimmte Zellfunktionen zu ersetzen oder wiederherzustellen, die durch eine Erkrankung verloren gegangen sind. Solche Verfahren könnten langfristig neue Behandlungsmöglichkeiten eröffnen, die mit klassischen Arzneimitteln nur schwer erreichbar sind. Gleichzeitig ist die Entwicklung komplex: Zellprodukte müssen unter kontrollierten Bedingungen hergestellt, charakterisiert, transportiert und nach der Verabreichung über längere Zeit beobachtet werden. Für große Pharmakonzerne bedeutet dies erhebliche Investitionen in Forschung, klinische Studien und spezialisierte Produktionsverfahren. Ob daraus später ein wirtschaftlich tragfähiges Geschäft entsteht, hängt nicht nur von der Wirksamkeit, sondern auch von der zuverlässigen Herstellung und der Erstattung durch Gesundheitssysteme ab.
Mesoblast hat die entscheidende FDA-Hürde bereits genommen
Während Bayer mit Lemiretprocel noch in einer frühen klinischen Phase steht, verfügt Mesoblast bereits über ein zugelassenes Zelltherapieprodukt. Im Dezember 2024 genehmigte die FDA Ryoncil zur Behandlung der steroidrefraktären akuten Graft-versus-Host-Erkrankung bei Kindern ab zwei Monaten. Diese potenziell lebensbedrohliche Komplikation kann nach einer allogenen Stammzelltransplantation auftreten, wenn Immunzellen des Spenders gesundes Gewebe des Empfängers angreifen. Besonders betroffen sein können Darm, Leber und Haut. Ryoncil enthält mesenchymale Stromazellen aus dem Knochenmark gesunder erwachsener Spender. Diese sollen überschießende Entzündungsreaktionen regulieren und dadurch die Folgen der Erkrankung begrenzen. Ryoncil war das erste von der FDA zugelassene mesenchymale Stromazellprodukt. Die Technologie unterscheidet sich deutlich von Bayers iPS-Zellansatz zur möglichen Wiederherstellung geschädigter Netzhautzellen. Beide Unternehmen gehören jedoch zu einer wachsenden Gruppe von Arzneimittelentwicklern, die lebende Zellen als industriell hergestellte therapeutische Produkte einsetzen.
115 Millionen Dollar Umsatz mit der ersten Zulassung
Wie sich eine solche Technologie kommerziell entwickeln kann, verdeutlichen die jüngsten Jahreszahlen von Mesoblast. Im Geschäftsjahr 2026, das am 30. Juni endete, erzielte Ryoncil Nettoproduktumsätze von 115,2 Millionen US-Dollar. Der gesamte Unternehmensumsatz stieg auf 120,3 Millionen Dollar, verglichen mit 17,2 Millionen Dollar im Vorjahr. Damit ist Mesoblast der Übergang von einem überwiegend forschungsorientierten Biotechnologieunternehmen zu einem Anbieter mit bedeutenden Produktumsätzen gelungen. Das Beispiel zeigt allerdings auch, dass die FDA-Zulassung erst den Beginn einer weiteren anspruchsvollen Entwicklungsphase markiert. Damit aus einer zugelassenen Therapie regelmäßige Einnahmen entstehen, müssen spezialisierte Behandlungszentren angebunden, medizinisches Personal geschult und die Kostenübernahme organisiert werden. Hinzu kommen hohe Anforderungen an die Herstellung und Qualitätskontrolle lebender Zellprodukte. Mesoblast hat hierfür eine eigene kommerzielle Infrastruktur aufgebaut und arbeitet daran, die Nutzung von Ryoncil in den angeschlossenen Transplantationszentren weiter zu erhöhen.
44 Prozent Wachstum im jüngsten Geschäftsquartal
Die aktuelle Geschäftsentwicklung deutet darauf hin, dass die Vermarktung weiter voranschreitet. Am 29. Oktober meldete Mesoblast für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2027 vorläufige Ryoncil-Nettoumsätze von rund 28 Millionen US-Dollar. Gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum entspricht dies einem Anstieg von 44 Prozent. Gleichzeitig verringerte sich der operative Netto-Cashverbrauch von 14,9 Millionen auf 2,1 Millionen Dollar. Zum 30. September verfügte das Unternehmen über liquide Mittel von rund 99 Millionen Dollar. Für Anleger ist insbesondere die Entwicklung des Mittelabflusses interessant, weil Biotechnologieunternehmen zur Finanzierung ihrer klinischen Programme häufig auf zusätzliche Kapitalmaßnahmen angewiesen sind. Die jüngsten Zahlen belegen zwar noch keine nachhaltige Profitabilität, zeigen aber eine deutliche Verbesserung gegenüber dem Vorjahresquartal. Die Umsatzangaben beruhen zudem auf vorläufigen Unternehmensberechnungen und stehen noch unter dem Vorbehalt der abschließenden Finanzberichterstattung.
Die nächste Wachstumschance liegt bei erwachsenen Patienten
Für Mesoblast könnte der wirtschaftlich wichtigste nächste Schritt in einer Erweiterung der bestehenden Ryoncil-Zulassung liegen. Bislang darf das Produkt in den USA bei Kindern mit steroidrefraktärer akuter Graft-versus-Host-Erkrankung eingesetzt werden. Das Unternehmen untersucht die Therapie inzwischen auch bei erwachsenen Patienten. Eine entsprechende zulassungsrelevante Studie wurde gestartet und rekrutiert bereits Teilnehmer. Mesoblast plant, im laufenden Geschäftsjahr bis zu 40 Studienzentren in den USA zu aktivieren. Diese Einrichtungen stehen nach Unternehmensangaben für rund 60 Prozent der jährlich etwa 8.500 allogenen Knochenmarktransplantationen bei Erwachsenen in den Vereinigten Staaten. Daraus lässt sich nicht unmittelbar die Zahl der später tatsächlich behandlungsberechtigten Patienten ableiten. Dennoch könnte eine erfolgreiche Zulassungserweiterung einen zusätzlichen Markt eröffnen, für den Mesoblast Teile seiner bereits aufgebauten Herstellungs- und Vertriebsstruktur nutzen könnte. Voraussetzung sind überzeugende Studiendaten und eine eigenständige positive Entscheidung der FDA.
Weitere Zulassungsperspektiven und Phase-III-Daten
Neben Ryoncil entwickelt Mesoblast mit rexlemestrocel-L einen weiteren Zelltherapiekandidaten. Im jüngsten Quartalsbericht bestätigte das Unternehmen, dass sämtliche 350 Patienten einer zulassungsrelevanten Phase-III-Studie gegen chronische entzündliche Rückenschmerzen infolge degenerativer Bandscheibenerkrankungen behandelt wurden. Die Ergebnisse zum primären Endpunkt einer über zwölf Monate anhaltenden Schmerzreduktion werden für 2027 erwartet. Zudem berichtete Mesoblast über ein positives Gespräch mit der FDA hinsichtlich einer geplanten Zulassungseinreichung für rexlemestrocel-L bei bestimmten Patienten mit schwerer Herzinsuffizienz und lebensbedrohlichen gastrointestinalen Blutungen. Nach Unternehmensangaben kann die entsprechende Einreichung weiter vorbereitet werden. Eine zusätzliche Produktzulassung liegt jedoch noch nicht vor. Damit verfügt Mesoblast über mehrere potenzielle Entwicklungsmöglichkeiten, die unabhängig voneinander klinisch und regulatorisch erfolgreich sein müssen. Die bestehende Vermarktung von Ryoncil bietet dafür eine operative Grundlage, beseitigt aber nicht die Risiken weiterer Entwicklungsprogramme.
Fazit
Bayers neue Orphan-Drug-Einstufungen für Lemiretprocel zeigen, dass große Pharmakonzerne weiterhin in die Entwicklung spezialisierter Zelltherapien investieren. Der deutsche Konzern verfolgt dabei einen technologisch anspruchsvollen Ansatz, mit dem geschädigte Netzhautzellen möglicherweise ersetzt werden sollen. Bis zu einer denkbaren Zulassung sind allerdings noch wesentliche klinische Fragen zu klären. Mesoblast befindet sich mit seiner eigenen Zelltherapieplattform bereits in einer anderen Entwicklungsphase. Das Unternehmen vermarktet mit Ryoncil ein FDA-zugelassenes Produkt, erzielte damit zuletzt 115,2 Millionen Dollar Jahresumsatz und meldete für das jüngste Quartal ein weiteres Umsatzwachstum von 44 Prozent. Für Anleger dürfte nun entscheidend sein, ob Mesoblast die bestehende Vermarktung weiter ausbauen und zusätzliche Anwendungen erfolgreich zur Zulassung bringen kann. Die Entwicklung bei Bayer verdeutlicht das langfristige Interesse der Pharmaindustrie an Zelltherapien. Bei Mesoblast (ISIN: AU000000MSB8) lässt sich bereits beobachten, wie aus einer solchen Technologie ein kommerzielles Geschäft entstehen kann.
Quellen:
Bayer - FDA- und EMA-Einstufungen für Lemiretprocel, 30.09.2026
https://www.bayer.com/media/en-us/bluerock-therapeutics-investigational-cell-therapy-lemiretprocel-opct-001-for-primary-photoreceptor-diseases-granted-orphan-drug-designations-by-fda-and-ema
FDA - Zulassung von Ryoncil, 18.12.2024
https://www.fda.gov/drugs/resources-information-approved-drugs/fda-approves-remestemcel-l-rknd-steroid-refractory-acute-graft-versus-host-disease-pediatric
Mesoblast - Geschäftsbericht 2026, 12.10.2026
https://www.sec.gov/Archives/edgar/data/1345099/000134509926000087/exhibit991annualreportag.htm
Mesoblast - Quartalsbericht und Pipeline-Update, 29.10.2026
https://www.sec.gov/Archives/edgar/data/1345099/000134509926000093/exhibit991activitystatem.htm
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