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Warum 500.000 Tonnen Reifenabrieb einen neuen Material-Wettlauf auslösen - Michelin, Continental und First Graphene

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Elektroautos lösen ein Emissionsproblem - und machen ein anderes sichtbarer. Ein Fahrzeug ohne Verbrennungsmotor stößt am Auspuff keine Abgase aus. Reifen verschleißen jedoch weiterhin bei jedem Kilometer. Das Ergebnis landet als winzige Partikel auf Straßen, in Böden, Gewässern und teilweise in der Luft.

Allein in Europa entstehen nach Angaben von Michelin jährlich rund 500.000 Tonnen Reifen- und Straßenabrieb. Ab 2028 bekommt dieses Problem erstmals unmittelbare regulatorische Konsequenzen: Neue Pkw-Reifen sollen im Rahmen der neuen UNECE- beziehungsweise Euro-7-Regeln Abriebgrenzwerte einhalten müssen.

Für Michelin (ISIN: FR001400AJ45) und Continental (ISIN: DE0005439004) wird damit eine Eigenschaft messbar, die künftig über die Zulassung eines Reifens mitentscheiden kann. Für First Graphene (ISIN: AU000000FGR3) ist die Entwicklung aus einem anderen Grund spannend: Das Unternehmen hat bei graphenverstärkten Elastomeren je nach Formulierung Verbesserungen der Abriebfestigkeit von 100 bis 500% gemessen.

Euro 7 verändert die Spielregeln für Reifen

Die Autoindustrie hat sich jahrzehntelang vor allem auf Emissionen aus dem Motor konzentriert. Mit der Elektrifizierung verschiebt sich der Blick zunehmend auf sogenannte Non-Exhaust-Emissionen. Dazu gehören Bremsstaub und insbesondere der Materialverlust an den Reifen.

Die UNECE beschloss im März 2026 erstmals Abriebgrenzwerte für neue Pkw- und Transporterreifen. Für die C1-Kategorie sollen die Anforderungen ab dem 30. Juni 2028 relevant werden. Das Besondere daran: Verschleiß wird nicht mehr nur zu einem Argument für Haltbarkeit und Kosten, sondern zu einer regulatorisch messbaren Produkteigenschaft.

Für Reifenentwickler verschärft sich damit ein ohnehin komplizierter Zielkonflikt. Ein Reifen muss auf nasser Straße haften, einen geringen Rollwiderstand besitzen, bei Kälte funktionieren, hohe Geschwindigkeiten aushalten und gleichzeitig möglichst langsam Material verlieren. Wer nur eine Eigenschaft maximiert, verschlechtert häufig eine andere.

Michelin liegt bereits 26% unter der Konkurrenz

Michelin beschäftigt sich nach eigenen Angaben seit rund 20 Jahren intensiv mit Reifenabrieb. Der französische Konzern verweist auf ADAC-Untersuchungen von 160 Reifenmodellen, nach denen Michelin-Reifen im Durchschnitt 26% weniger Partikel emittierten als die Reifen von vier anderen Premiumherstellern.

Der Unterschied ist erheblich, weil Reifen verschiedener Anbieter beim Abrieb um ein Vielfaches auseinanderliegen können. Michelin beziffert die Spannweite je nach Material, Architektur und Entwicklungsentscheidung auf bis zu den Faktor vier.

Dabei geht es nicht einfach darum, besonders harten Gummi einzusetzen. Ein Reifen mit extrem geringer Abnutzung wäre wenig wert, wenn sich gleichzeitig sein Bremsweg bei Regen verlängert. Michelin muss Verschleiß deshalb über Mischungschemie, Profil, Lastverteilung und Materialarchitektur reduzieren, ohne die sicherheitsrelevanten Eigenschaften zu opfern. Genau diese Balance macht neue Additive interessant.

Continental spart bereits 30% Abrieb

Continental arbeitet an derselben Gleichung. Beim EcoContact 6 nennt das Unternehmen gegenüber dem Vorgängermodell rund 20% mehr Laufleistung und etwa 30% weniger Abrieb pro gefahrenem Kilometer.

Auch die aktuelleren Vergleichsdaten zeigen Fortschritte. Bei der ADAC-Untersuchung 2025 lagen Continental-Reifen nach Unternehmensangaben durchschnittlich rund 11% unter dem Abrieb aller getesteten Produkte. Continental rechnet beispielhaft vor, dass ein Mittelklassewagen über 15.000 Kilometer mit einem durchschnittlichen Reifensatz rund 2,25 Kilogramm Abrieb erzeugen kann. Bei den betrachteten Continental-Reifen seien es rund 1,78 Kilogramm.

Der Wettbewerb wandert damit immer tiefer in die Materialwissenschaft. Kautschuk, Ruß, Silica, Harze, Schwefel und zahlreiche weitere Komponenten müssen in einer Rezeptur so kombiniert werden, dass der Reifen gleichzeitig langlebig, energieeffizient und sicher bleibt.

First Graphene hat bei Elastomeren einen ungewöhnlichen Effekt gemessen

First Graphene stellt keine Reifen her. PureGRAPH wird als Additiv in Polymer- und Elastomersysteme eingebracht und soll dort die mechanischen Eigenschaften verändern.

Auf seiner aktuellen Elastomer-Plattform nennt das Unternehmen je nach Formulierung eine mögliche Steigerung der Zugfestigkeit um 30 bis 40%, eine Verbesserung der Reißfestigkeit um rund 50% und besonders auffällige Werte beim Abrieb: Die Abriebfestigkeit könne in bestimmten Systemen um 100 bis 500% steigen.

Diese Zahlen müssen sauber eingeordnet werden. Sie wurden nicht an einem serienreifen Pkw-Reifen von Michelin oder Continental erzielt. First Graphene hat die Technologie bislang unter anderem in Polyurethan-Elastomeren für Bergbauverschleißteile und in Komponenten für Arbeitsschuhe kommerzialisiert. Ein öffentlich bekanntes großes Reifenprogramm mit einem globalen Hersteller existiert derzeit nicht.

Trotzdem adressieren die Versuche einen Mechanismus, der für Reifen zunehmend wichtiger wird: Ein elastisches Material soll unter permanenter Reibung weniger Masse verlieren.

Wenige Graphenplättchen können die Gummimatrix verändern

Graphen wirkt in einem Elastomer nicht wie eine zusätzliche massive Schutzschicht. Die Plättchen werden innerhalb des Materials verteilt und beeinflussen dort die mechanische Struktur.

Bei guter Dispersion können sie die Übertragung von Kräften innerhalb der Polymermatrix verändern, Rissausbreitung erschweren und gleichzeitig die Wärmeleitung beeinflussen. First Graphene setzt deshalb auf relativ geringe Additivmengen. Entscheidend ist nicht, möglichst viel Graphen in das Gummi zu mischen, sondern die Partikel gleichmäßig zu verteilen.

Genau darin steckt gleichzeitig die Schwierigkeit. Werden Graphenpartikel nicht sauber dispergiert, können Agglomerate entstehen und Vorteile verloren gehen. Jede Gummimischung besitzt zudem eine eigene Chemie. Was in einem Polyurethan-Verschleißliner funktioniert, lässt sich nicht automatisch auf die Lauffläche eines Hochleistungsreifens übertragen.

Für First Graphene wäre ein Reifen deshalb kein einfacher neuer Absatzmarkt, sondern ein eigenes Entwicklungsprogramm.

500.000 Tonnen machen Materialverlust plötzlich wirtschaftlich

Der interessante Teil der Geschichte ist der regulatorische Zeitpunkt. Hersteller hatten schon immer einen Anreiz, langlebige Reifen zu entwickeln. Ab 2028 kommt ein weiterer Faktor hinzu: Abrieb kann darüber entscheiden, ob ein neuer Reifen die Anforderungen für den europäischen Markt erfüllt.

Michelin und Continental investieren bereits massiv in diesen Bereich und starten von einem hohen technologischen Niveau. First Graphene konkurriert mit ihnen nicht als Reifenhersteller. Das Unternehmen könnte höchstens einen kleinen Baustein zu künftigen Mischungen liefern, wenn es gelingt, die aus anderen Elastomeren bekannten Verbesserungen auch in reifentypischen Rezepturen nachzuweisen.

Dafür wären belastbare Tests zu Abrieb, Nasshaftung, Rollwiderstand, Alterung, Temperaturverhalten und Kosten notwendig. Besonders wichtig wäre der Nachweis, dass geringerer Materialverlust nicht durch eine schlechtere Sicherheitsperformance erkauft wird.

Genau das macht die Entwicklung so interessant. 500.000 Tonnen Reifenabrieb pro Jahr sind kein theoretisches Umweltproblem mehr. Michelin zeigt bereits 26% niedrigere Werte als andere Premiumanbieter, Continental meldet bei einzelnen Produktgenerationen 30% weniger Abrieb, und ab 2028 wird die Regulierung den Druck auf die gesamte Branche erhöhen.

First Graphene besitzt mit seinen Elastomer-Ergebnissen einen möglichen Materialhebel. Ob daraus jemals ein Reifenprodukt entsteht, ist offen. Aber wenn die Industrie in den kommenden Jahren jedes Gramm Abrieb aus ihren Mischungen herausentwickeln muss, könnte ein Additiv, das die Verschleißfestigkeit bei sehr niedriger Dosierung erhöht, deutlich interessanter werden als noch vor wenigen Jahren.


Quellen:

UNECE - Neue Abriebgrenzwerte für Pkw- und Transporterreifen, März 2026

Michelin - Reifenabrieb und Euro 7

Michelin - Euro-7-Regulierung und Abriebtests

Continental - Reifen- und Straßenabriebpartikel

First Graphene - Graphene in Elastomers

First Graphene - High Performance Elastomers

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First Graphene Limited
Land: Australien
ISIN: AU000000FGR3
First Graphene - First Graphene

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