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Als 3M im Dezember 2022 den Ausstieg aus der Herstellung von PFAS ankündigte, standen die betroffenen Produkte für rund 1,3 Mrd. US-Dollar Jahresumsatz. Die geschätzte EBITDA-Marge lag bei etwa 16%. Ende 2025 hatte der Konzern die Produktion der sogenannten Ewigkeitschemikalien tatsächlich vollständig eingestellt. Ein wirtschaftlich relevantes Geschäft verschwand damit nicht wegen mangelnder Nachfrage, sondern vor dem Hintergrund veränderter regulatorischer Rahmenbedingungen und Erwartungen.
Das Beispiel zeigt eine Seite von Innovation, die außerhalb von Forschungsabteilungen wenig Aufmerksamkeit erhält: Industrieunternehmen entwickeln neue Materialien nicht nur, weil diese leichter, günstiger oder leistungsfähiger sein sollen. Manchmal muss ein bestehender Werkstoff ersetzt werden, weil seine langfristige Verwendung regulatorisch oder strategisch schwieriger wird. Henkel und die FACC AG (ISIN: AT00000FACC2) arbeiten an anderen Stoffgruppen, stehen aber vor derselben grundsätzlichen Aufgabe.
REACH kann aus einem Materialproblem ein Entwicklungsprojekt machen
Die europäische Chemikalienverordnung REACH soll Risiken für Mensch und Umwelt begrenzen. Besonders problematische Stoffe können genehmigungspflichtig, in ihrer Anwendung eingeschränkt oder langfristig durch weniger gefährliche Alternativen ersetzt werden. Für Industrieunternehmen reicht es deshalb nicht, bei neuen Vorgaben lediglich einen anderen Stoff einzukaufen. Eine Alternative muss auch technisch funktionieren.
Das kann aufwendig sein. Klebstoffe müssen weiterhin haften, Harze bestimmte mechanische Eigenschaften erreichen und Dichtungen Temperatur, Druck oder Chemikalien standhalten. Wird eine Rezeptur verändert, müssen deshalb häufig auch Produktionsverfahren und Qualitätsprüfungen angepasst werden.
3M beendet ein Geschäft mit Milliardenumsatz
Die 3M Company (ISIN: US88579Y1010) liefert dafür ein extremes Beispiel. Der Konzern kündigte 2022 an, die Herstellung von Fluorpolymeren, fluorierten Flüssigkeiten und PFAS-basierten Additiven bis Ende 2025 einzustellen. Damals bezifferte 3M den Jahresumsatz der selbst produzierten PFAS auf rund 1,3 Mrd. US-Dollar. Für den Ausstieg erwartete das Unternehmen zunächst Vorsteuerbelastungen von insgesamt 1,3 bis 2,3 Mrd. US-Dollar.
Inzwischen ist der Produktionsausstieg abgeschlossen. Das bedeutet allerdings nicht, dass PFAS schlagartig aus jedem 3M-Produkt verschwunden sind. Das Unternehmen weist darauf hin, dass bei bestimmten von Dritten bezogenen Materialien geeignete Alternativen noch geprüft werden. Gerade dieser Punkt zeigt, warum Materialwechsel Zeit benötigen: Verfügbarkeit, technische Eigenschaften und gegebenenfalls neue Kundenfreigaben müssen zusammenpassen.
Henkel ersetzt Phthalate in industriellen Dichtstoffen
Die Henkel AG & Co. KGaA (ISIN: DE0006048432) bearbeitet eine andere Stoffgruppe. 2025 stellte das Unternehmen eine neue Generation seiner Darex-COV-Dichtstoffe für Metallverpackungen vor. Die Formulierungen verzichten auf phthalatbasierte Weichmacher und sollen bestehende Produkte schrittweise ersetzen.
Henkel nennt verschärfte gesetzliche Anforderungen einschließlich REACH ausdrücklich als einen Treiber der Entwicklung. Gleichzeitig muss die neue Formulierung die technische Aufgabe ihres Vorgängers weiterhin erfüllen: Metallbehälter zuverlässig abdichten und sich in bestehenden Produktionsprozessen verarbeiten lassen.
FACC entwickelt REACH-konforme Materialsysteme
Bei FACC findet dieselbe Logik im Bereich der Verbundwerkstoffe statt. Der Geschäftsbericht 2025 nennt REACH-konforme Materialsysteme ausdrücklich als Schwerpunkt der Materialentwicklung. FACC erweitert dabei unter anderem sein Portfolio an Epoxidharzen und verbindet die Materialauswahl mit Anforderungen an Produktion, Funktion und regulatorische Zukunftsfähigkeit.
Wichtig ist die Abgrenzung: FACC beschreibt damit keinen PFAS-Ausstieg wie 3M und keinen Phthalat-Ersatz wie Henkel. Die Gemeinsamkeit liegt eine Ebene höher. Alle drei Unternehmen müssen Werkstoffe so weiterentwickeln, dass technische Anforderungen und veränderte regulatorische Bedingungen gleichzeitig erfüllt werden.
Materialregulierung beginnt im Labor
Der Fall 3M zeigt, dass Stoffentscheidungen Milliardenumsätze betreffen können. Henkel entwickelt Ersatzformulierungen, bevor regulatorische Veränderungen bestehende Lösungen stärker einschränken. FACC arbeitet an Materialsystemen, die technische Leistung mit REACH-Konformität verbinden sollen.
Damit wird Chemikalienregulierung zu einem Innovationsthema. Ein Material einfach von der Einkaufsliste zu streichen, ist der leichte Teil. Schwieriger ist es, eine Alternative zu finden, die sich produzieren lässt, dieselbe Aufgabe erfüllt und wirtschaftlich eingesetzt werden kann. Genau deshalb beginnt regulatorische Anpassung in vielen Industrieunternehmen lange vor dem Zeitpunkt, an dem ein Stoff tatsächlich nicht mehr verwendet werden darf.
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Quellen
https://investors.3m.com/news-events/press-releases/detail/5/3m-to-exit-pfas-manufacturing-by-the-end-of-2025
https://investors.3m.com/financials/sec-filings/content/0000066740-26-000014/mmm-20251231.htm
https://www.henkel.com/press-and-media/press-releases-and-kits/2025-08-21-phthalate-free-sealing-henkel-introduces-new-pvc-based-compounds-for-pail-and-drum-applications-2082886
https://environment.ec.europa.eu/topics/chemicals/reach-regulation_en
https://www.facc.com/en/wp-content/uploads/sites/2/2026/04/annualreport-facc-2025.pdf
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