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Strom produzieren und an Kunden verkaufen - damit lässt sich das Geschäftsmodell eines modernen Energieversorgers längst nicht mehr vollständig beschreiben. Strom- und Gasnetze, Ladepunkte, Batteriespeicher, Wärmeversorgung und digitale Infrastruktur gewinnen an Bedeutung. Wie stark sich dadurch auch die Ergebnisstruktur verändern kann, zeigen die jüngsten Zahlen von EnBW. Rund 80 Prozent des Ergebnisses des Konzerns stammen inzwischen aus risikoarmen Geschäftsbereichen, insbesondere aus dem Netzgeschäft. Allein im ersten Halbjahr 2026 investierte EnBW rund 2,4 Milliarden Euro.
Auch E.ON (ISIN: DE000ENAG999) konzentriert einen großen Teil seiner Investitionen auf Energieinfrastruktur. Bis 2030 sind konzernweit Investitionen von rund 48 Milliarden Euro geplant, davon etwa 40 Milliarden Euro für Energienetze. Und auch bei der EVN AG (ISIN: AT0000741053) reicht das Geschäft inzwischen weit über Stromerzeugung und -vertrieb hinaus. Rund eine Milliarde Euro will das Unternehmen bis 2030 jährlich investieren - unter anderem in Netze, erneuerbare Erzeugung, Batteriespeicher, Ladeinfrastruktur und Trinkwasserversorgung. Die Entwicklung zeigt, wie sich das Geschäftsmodell großer Versorger verändert: Infrastruktur wird zunehmend zur wirtschaftlichen Basis.
EnBW erzielt 80 Prozent des Ergebnisses mit risikoarmen Geschäften
Wie wichtig Infrastruktur inzwischen für das Ergebnis sein kann, lässt sich bei EnBW besonders gut beobachten. Im ersten Halbjahr 2026 erzielte der Konzern ein bereinigtes EBITDA von rund 2,3 Milliarden Euro. Rund 80 Prozent des Ergebnisses stammen nach Unternehmensangaben aus risikoarmen Geschäftsbereichen, insbesondere dem Netzgeschäft. Allein das Segment "Systemkritische Infrastruktur", zu dem Strom- und Gastransport- sowie Verteilnetze gehören, erwirtschaftete ein bereinigtes EBITDA von rund 1,3 Milliarden Euro. Gegenüber dem Vorjahreswert von 1,29 Milliarden Euro blieb das Ergebnis damit weitgehend stabil.
Anders sah es bei der Erzeugung aus. Das bereinigte EBITDA des Segments "Nachhaltige Erzeugungsinfrastruktur" sank von 1,08 Milliarden auf 806 Millionen Euro. Innerhalb der nachhaltigen Erzeugungsinfrastruktur belastete eine geringere Wasserführung das Geschäft mit erneuerbaren Energien. Im Bereich thermische Erzeugung und Handel wirkten sich unter anderem geringere Erzeugungsmengen nach dem Ausscheiden von Kohlekraftwerkskapazitäten sowie niedrigere Vermarktungsmargen aus. Der Vergleich zeigt einen wesentlichen Unterschied innerhalb eines integrierten Energieunternehmens: Erzeugungsergebnisse können stärker von Marktpreisen, Wetter und Produktionsmengen abhängen. Infrastrukturgeschäfte besitzen teilweise andere Erlösmechanismen und können dadurch stabilisierend wirken.
2,4 Milliarden Euro Investitionen in sechs Monaten
EnBW baut diese Infrastruktur gleichzeitig massiv aus. Rund 2,4 Milliarden Euro betrugen die Bruttoinvestitionen allein im ersten Halbjahr 2026.
Das Geld floss vor allem in Strom- und Gasnetze, Offshore-Windkraft sowie flexibel einsetzbare und perspektivisch wasserstofffähige Gaskraftwerke. Besonders deutlich wird die Größenordnung bei den Netzen. Mit SuedLink und ULTRANET arbeitet die EnBW-Tochter TransnetBW an zwei der größten deutschen Stromtransportprojekte. Gleichzeitig baut EnBW mit "He Dreiht" seinen fünften Offshore-Windpark in der Nordsee. Die Anlage soll 64 Windkraftanlagen und insgesamt 960 MW Leistung umfassen. Auch das Geschäft näher am Endkunden wächst. Deutschlandweit betreibt EnBW inzwischen mehr als 9.000 Schnellladepunkte. Das bereinigte EBITDA des Segments "Intelligente Infrastruktur für Kund*innen" erhöhte sich im ersten Halbjahr von 233 auf 309 Millionen Euro. EnBW führt den Anstieg wesentlich auf Fortschritte beim Ausbau und bei der Nutzung der Schnellladeinfrastruktur zurück. Damit verbindet der Konzern unterschiedliche Ebenen des Energiesystems: Erzeugung, Transportnetze, Verteilinfrastruktur und Lösungen für Verbraucher.
Vom einzelnen Kraftwerk zum integrierten System
Genau darin liegt eine wesentliche Veränderung der Branche. Ein Windpark allein kann nur Strom produzieren, wenn ausreichend Wind vorhanden ist. Eine Photovoltaikanlage produziert besonders viel in sonnenreichen Stunden. Elektroautos, Wärmepumpen, Industrieanlagen und Rechenzentren benötigen Energie dagegen nach ihren jeweiligen Verbrauchsprofilen. Dazwischen liegt Infrastruktur. Netze transportieren den Strom. Batteriespeicher können ihn zeitlich verschieben. Ladepunkte bringen ihn in Elektrofahrzeuge. Wärmenetze verteilen Energie an Haushalte und Unternehmen. Digitale Steuerung soll dafür sorgen, dass die einzelnen Bestandteile effizient zusammenspielen. Für Versorger bedeutet das, dass wirtschaftlicher Wert nicht mehr ausschließlich durch die Produktion einer Kilowattstunde entsteht. Auch der Transport, die Speicherung, Steuerung und Bereitstellung von Energie werden wichtiger.
E.ON konzentriert sich besonders stark auf Netze
Bei E.ON ist diese Entwicklung bereits weit fortgeschritten. Der Konzern konzentriert sein Geschäftsmodell stark auf Energienetze und kundennahe Energielösungen. Bis 2030 plant E.ON Investitionen von rund 48 Milliarden Euro. Etwa 40 Milliarden Euro sollen in Energienetze fließen. Damit entfallen mehr als vier Fünftel des geplanten Investitionsvolumens auf diesen Bereich. Der Hintergrund ist ein enormer Infrastrukturbedarf. Inzwischen sind rund 2 Millionen erneuerbare Erzeugungsanlagen an die deutschen E.ON-Verteilnetze angeschlossen. Gleichzeitig entstehen neue Verbraucher wie Wärmepumpen, Ladepunkte, Batteriespeicher und Rechenzentren. Das Netz muss dadurch nicht nur mehr Strom transportieren. Es muss zunehmend mit Stromflüssen in unterschiedliche Richtungen umgehen. E.ON investiert deshalb neben klassischen Leitungen und Umspannwerken auch in Digitalisierung. Bereits 2025 hatte das Unternehmen einen digitalen Zwilling seines rund 700.000 Kilometer langen deutschen Stromnetzes aufgebaut. Im Frühjahr 2026 erreichte E.ON zudem die Marke von einer Million installierten Smart Metern in Deutschland.
Das zeigt, dass moderne Energieinfrastruktur zunehmend aus physischen und digitalen Komponenten besteht.
E.ON baut gleichzeitig neue Infrastrukturgeschäfte auf
E.ON beschränkt sich jedoch nicht ausschließlich auf Stromnetze. Mit dem Geschäftsbereich Energy Infrastructure Solutions entwickelt und betreibt das Unternehmen unter anderem dezentrale Energie-, Wärme- und Kältelösungen für Städte, Industrie und Gewerbekunden. Hinzu kommen Ladeinfrastruktur und weitere Energiedienstleistungen. Diese Kombination ist strategisch interessant. Das regulierte Netzgeschäft kann vergleichsweise planbare Ergebnisbeiträge liefern, während neue Infrastrukturangebote zusätzliche Wachstumsmöglichkeiten eröffnen. Damit unterscheidet sich das Geschäftsmodell deutlich vom klassischen Energieversorger, dessen wirtschaftlicher Erfolg stark davon abhängig war, wie viel Strom die eigenen Kraftwerke produzierten und zu welchem Preis dieser verkauft werden konnte.
Auch die EVN verbindet immer mehr Infrastrukturbausteine
Bei der EVN ist eine ähnliche Entwicklung zu beobachten. Das Unternehmen plant im Rahmen seiner Strategie 2030 jährliche Investitionen von rund einer Milliarde Euro. Rund vier Fünftel davon sollen nach Niederösterreich fließen. Die Investitionen verteilen sich auf mehrere Bereiche: Stromnetze, erneuerbare Erzeugung, Großbatteriespeicher, E-Ladeinfrastruktur und Trinkwasserversorgung. Damit entsteht ein Portfolio, bei dem unterschiedliche Infrastrukturbausteine ineinandergreifen. Besonders groß ist der Investitionsbedarf im Netzgeschäft. Rund 50 bis 55 Prozent des Investitionsprogramms sollen auf Netze entfallen. Die regulierte Vermögensbasis der EVN in Österreich soll von rund 2,9 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2024/25 auf etwa 3,8 Milliarden Euro 2029/30 steigen. Die Netzkapazität in Niederösterreich soll bis 2030 auf 6.000 MW verdoppelt werden. Bis 2035 sollen 55 Umspannwerke neu gebaut oder erweitert werden.
Speicher werden zum nächsten Infrastrukturbaustein
Parallel baut die EVN Batteriespeicher auf. Bis 2030 soll ein Portfolio mit 300 MW Speicherleistung entstehen. Im nordmazedonischen Probishtip wurde der bislang größte Batteriespeicher der EVN Gruppe zuletzt von 20 auf 40 MWh erweitert. Dabei geht es nicht nur um die Batterie selbst. Die EVN verbindet Speicher zunehmend mit eigenem Flexibilitätsmanagement. Die dafür eingesetzte Software stammt von CyberGrid, einem auf Energiemanagement spezialisierten Unternehmen, das die EVN vor einigen Jahren übernommen und in den Konzern integriert hat. Damit entsteht eine zusätzliche Ebene der Wertschöpfung. Infrastruktur wird nicht nur gebaut und betrieben, sondern zunehmend digital gesteuert.
Für ein Unternehmen mit eigenen Netzen, Erzeugungsanlagen und Speichern kann diese Fähigkeit langfristig an Bedeutung gewinnen.
Strom ist nur ein Teil der Infrastruktur
Besonders deutlich wird die breite Aufstellung der EVN beim Blick über das Stromgeschäft hinaus. Mit EVN Wasser investiert der Konzern in Brunnen, Speicherbehälter, Naturfilteranlagen und überregionale Transportleitungen. Die Trinkwasserversorgung ist damit ein weiterer langfristiger Infrastrukturbaustein. Hinzu kommt das Wärmegeschäft. Die EVN betreibt rund 80 Biomasseanlagen. Im März ging in St. Pölten ein neues Biomasseheizkraftwerk mit einem Investitionsvolumen von rund 50 Millionen Euro in Betrieb. Im Juli folgten zwei neue Fernwärmespeicher in Wiener Neudorf. Damit reicht die Infrastruktur der EVN inzwischen vom Stromnetz über Windparks und Batteriespeicher bis zu Ladepunkten, Wärme- und Wasserversorgung. Gerade diese Diversifikation kann wirtschaftlich interessant sein. Die einzelnen Geschäftsbereiche reagieren unterschiedlich auf Wetter, Energiepreise, Regulierung und Konjunktur. Schwächere Entwicklungen in einem Bereich können dadurch teilweise von anderen Bereichen ausgeglichen werden. Die jüngsten EVN-Zahlen haben diesen Effekt erneut gezeigt: Trotz schlechter Bedingungen für die Stromerzeugung aus Wind- und Wasserkraft in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2025/26 stieg das EBITDA um 4,9 Prozent.
Infrastruktur benötigt allerdings viel Kapital
Die stärkere Ausrichtung auf Infrastruktur hat allerdings ihren Preis. Netze, Windparks, Batteriespeicher, Wasserleitungen und Wärmenetze benötigen erhebliche Vorabinvestitionen. Bei EnBW beliefen sich die Bruttoinvestitionen allein im ersten Halbjahr 2026 auf rund 2,4 Milliarden Euro. E.ON plant bis 2030 Investitionen von rund 48 Milliarden Euro. Die EVN will jährlich etwa eine Milliarde Euro investieren. Damit gewinnen Finanzierungskosten, Verschuldung und Kapitaldisziplin an Bedeutung. Auch regulierte Infrastruktur ist nicht risikolos. Zulässige Renditen hängen von regulatorischen Entscheidungen ab. Baukosten können steigen, Projekte können sich verzögern und höhere Zinsen verteuern die Finanzierung. Der Vorteil liegt vielmehr in der langfristigen Nutzungsdauer vieler dieser Vermögenswerte und teilweise besser planbaren Erlösstrukturen.
Für Anleger verändert sich der Blick auf Energieversorger
Damit verändert sich auch die Frage, worauf Anleger bei Versorgern achten müssen. Neben Strompreisen, Produktionsmengen und Kraftwerkskapazitäten werden Kennzahlen wie regulierte Vermögensbasis, Investitionsvolumen, Netzanschlüsse und Kapitalrenditen wichtiger. Bei EnBW stammen inzwischen rund 80 Prozent des Ergebnisses aus risikoarmen Geschäftsbereichen. Bei E.ON fließen mehr als vier Fünftel des geplanten Investitionsprogramms in Energienetze. Und bei der EVN stellen Netze zwar den größten Investitionsblock dar, daneben entstehen aber zusätzliche Infrastrukturbausteine in den Bereichen Speicher, Wasser, Wärme und Ladeinfrastruktur.
Die Unternehmen wählen dabei unterschiedliche Schwerpunkte. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass langfristig genutzte Infrastruktur eine immer größere Rolle im Geschäftsmodell spielt.
Fazit
Europas große Energieversorger entwickeln sich zunehmend zu breit aufgestellten Infrastrukturunternehmen. EnBW erzielte im ersten Halbjahr 2026 rund 80 Prozent seines Ergebnisses in risikoarmen Geschäftsbereichen, insbesondere im Netzgeschäft, und investierte gleichzeitig rund 2,4 Milliarden Euro. E.ON konzentriert einen noch größeren Teil seines Kapitals auf regulierte Infrastruktur: Von rund 48 Milliarden Euro geplanten Investitionen bis 2030 sollen etwa 40 Milliarden Euro in Energienetze fließen. Auch die EVN AG (ISIN: AT0000741053) setzt auf ein breites Infrastrukturportfolio. Rund eine Milliarde Euro jährlich sollen bis 2030 unter anderem in Netze, erneuerbare Erzeugung, Batteriespeicher, Ladeinfrastruktur und Trinkwasserversorgung investiert werden. Hinzu kommt das Wärmegeschäft.
Für Anleger könnte deshalb zunehmend entscheidend sein, nicht nur darauf zu schauen, wie viel Strom ein Energieunternehmen produziert. Wichtiger wird die Frage, welche Infrastruktur es besitzt, wie stark diese Vermögensbasis wächst und welche langfristigen Erträge sich damit erwirtschaften lassen.
Lassen Sie sich in den Verteiler für EVN oder Nebenwerte eintragen. Einfach eine E-Mail an Eva Reuter: e-reuter@dr-reuter.eu mit dem Hinweis: "Verteiler EVN" und/oder "Nebenwerte".
Quellen:
EnBW
EnBW - "EnBW mit stabiler Entwicklung im ersten Halbjahr 2026", 7. August 2026
https://www.enbw.com/presse/enbw-mit-stabiler-entwicklung-im-ersten-halbjahr-2026.html
E.ON
E.ON Sustainability Factbook 2025
https://annualreport.eon.com/content/dam/eon-annualreport/documents/en/EON%20Sustainability%20Factbook%202025.pdf
E.ON Pressemitteilungen 2025 - Digital Twin
https://www.eon.com/en/about-us/media/press-release/2025.html
E.ON Pressemitteilungen 2026 - eine Million Smart Meter / zwei Millionen EE-Anlagen
https://www.eon.com/en/about-us/media/press-release/2026.html
EVN
EVN - "EVN investiert in die Zukunft", 25. August 2026
https://www.evn.at/home/presse/evn-investiert-in-die-zukunft
EVN - Batteriespeicherstrategie, 14. Juli 2026
https://www.evn.at/home/investor-relations/news/ir-mitteilungen/die-evn-erzielt-wesentliche-fortschritte-bei-der-umsetzung-ihrer-batteriespeicherstrategie
EVN - CyberGrid, 15. März 2022
https://www.evn.at/home/presse/evn-erwirbt-software-anbieter-cybergrid
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