
© Foto: Symbolbild mit KI erstellt
Wer hätte das gedacht, dass sich der einstige Sorgenkonzern aus Essen gerade zu einem der spannendsten Comebacks am deutschen Aktienmarkt entwickelt. Seit Jahresanfang steht eine starke Performance zu Buche und frischen Rückenwind liefert nun ausgerechnet Brüssel. Neue EU-Schutzmaßnahmen für Elektrobandstahl sichern Thyssenkrupp ein Stück vom hart umkämpften Stahlmarkt. Dazu kommt eine angehobene Gewinnprognose, die zeigt, dass es endlich durch den Konzernumbau wieder besser läuft. Doch wie belastbar ist dieser Anstieg und lohnt sich jetzt noch der Einstieg? Wir schauen uns die Lage für Sei genau an.
Neuer Rückenwind aus Brüssel
Die Europäische Union hat gehandelt, und Thyssenkrupp profitiert direkt davon. Seit Freitag gelten feste Importquoten und Mindestpreise für Elektrobandstahl, jenes Spezialmaterial, das in Transformatoren und Stromleitungen steckt. Wer mehr einführt als erlaubt, zahlt künftig 3.500 Euro pro Tonne. Für die Stahlsparte TKSE, einen der letzten großen europäischen Hersteller dieses Materials, ist das ein deutlicher Wettbewerbsvorteil und auch der Zeitpunkt könnte kaum besser passen. Kurz nach Inkrafttreten der Regelung steht bereits der nächste große Termin an: der Kapitalmarkttag der Stahlsparte. Analysten erhoffen sich dort tiefere Einblicke in die operative Entwicklung. Jefferies-Analyst Cole Hathorn bekräftigte seine Kaufempfehlung, allerdings mit Kursziel 13 Euro (d. h. unter dem aktuellen Kurs) und rechnet fest damit, dass sich die Stahlpreise nach der aktuellen Konsolidierung wieder erholen. Auch die Zahlen aus dem dritten Geschäftsquartal sprechen für sich. Der Umsatz kletterte um 8 Prozent auf 8,8 Milliarden Euro, das bereinigte EBIT stieg von 155 auf 183 Millionen Euro. Für das laufende Geschäftsjahr peilt der Konzern ein EBIT zwischen 600 und 900 Millionen Euro an. Das ist noch einiges mehr als noch vor Monaten gedacht.
Charttechnik
Seit Jahresbeginn hat die Aktie ca. 65 Prozent zugelegt. Damit liegt der Kurs mittlerweile sehr deutlich über dem 200er SMA. Dieser Durchschnitt zeigt, wie kraftvoll dieser Aufwärtstrend tatsächlich ist. Nur knapp unter dem 52-Wochen-Hoch bewegt sich die Aktie derzeit, was ein Zeichen von echter Stärke ist. Ganz ohne einen "kleinen" Wermutstropfen geht es aber nicht. Der RSI notiert bei 78 Punkten und zeigt damit eine überkaufte Situation. Kurzfristig ist eine Verschnaufpause daher gut möglich, vielleicht sogar nötig. Sollte neues Momentum aufkommen, könnte der Kurs anschließend in Richtung der Marke von 18 bis 20 Euro weiterlaufen. Bis dahin bleibt aber auch die Möglichkeit für Rücksetzer bestehen, bevor die nächste Aufwärtswelle startet.

Was tun?
Die Lage bei Thyssenkrupp wirkt insgesamt "ermutigend". Die operativen Zahlen ziehen an, die EU-Schutzmaßnahmen stärken das Stahlgeschäft deutlich und mit der geplanten "Verselbstständigung" von TKMS und tk accelis treibt der Konzern seinen Konzernumbau konsequent voran. Auch wenn das Kursziel von Jefferies mit 13 Euro unter dem aktuellen Niveau liegt, sehen andere Häuser im Schnitt höhere Ziele oberhalb von 16 Euro. Wer bereits dabei ist bei der Thyssenkrupp-Aktie, kann angesichts der intakten Story ruhig bleiben. Wer neu einsteigen möchte, sollte den hohen RSI-Wert im Hinterkopf behalten und nicht blind auf dem aktuellen Niveau kaufen. Klüger ist eventuell ein gestaffelter Einstieg, bei dem man Rücksetzer gezielt nutzt und die Position schrittweise nach unten hin aufbaut. So lässt sich von der eventuellen Chance auf 18 bis 20 Euro profitieren, ohne bei einer kurzfristigen Korrektur überrascht zu werden.
Autor: Felix Goldbach, FinanzNachrichten-Redaktion
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