
Trump droht bei den Midterms eine verheerende Niederlage. Ein Iran-Deal könnte die Börsen beflügeln, eine neue Eskalation dagegen Milliarden vernichten.
Donald Trump steht vor einer politischen Abrechnung. Nur noch 31 Prozent der Amerikaner unterstützen seine Amtsführung. Die Republikaner müssen bei den Zwischenwahlen am 3. November um ihre Mehrheit im Kongress kämpfen. Doch ausgerechnet eine Niederlage könnte an den Finanzmärkten den Startschuss für eine Jahresendrallye geben.
Das Szenario könnte folgendermaßen aussehen. Trump sucht einen außenpolitischen Erfolg, einigt sich mit dem Iran und ermöglicht eine Normalisierung des Öltransports durch die Straße von Hormus. Die Energiepreise fallen, die Inflation geht zurück und die amerikanische Notenbank erhält wieder Spielraum für Zinssenkungen.
Allerdings könnte es auch ins Gegenteil umschlagen. Ein innenpolitisch geschwächter Präsident könnte nach der Wahl weniger Rücksicht auf die Stimmung der Wähler nehmen und den Konflikt mit Teheran weiter verschärfen. Für Anleger wären die Folgen erheblich wie desaströs.
31 Prozent Zustimmung - Trump massiv unter Druck
Die jüngste Reuters/Ipsos-Umfrage zeigt das Ausmaß der Unzufriedenheit der Bevölkerung. Lediglich 31 Prozent der Amerikaner befürworten Trumps Amtsführung, 68 Prozent lehnen seine Wirtschaftspolitik ab. Bei der landesweiten Parteipräferenz für den Kongress führen die Demokraten mit 47 zu 35 Prozent.
Verlieren die Republikaner eine Kongresskammer, wird es für Trump deutlich schwieriger, neue Steuergesetze und große Ausgabenprogramme durchzusetzen. Eine solche politische Blockade könnte die Börsen sogar entlasten, wenn dadurch zusätzliche schuldenfinanzierte Programme verhindert werden.
Doch Trump wäre keineswegs machtlos. In der Außen- und Handelspolitik besitzt der Präsident weiterhin erheblichen Handlungsspielraum. Gerade dort liegen die größten Risiken für die Weltwirtschaft.
Die große Chance - Ein Iran-Deal könnte den Ölpreis einbrechen lassen
Der entscheidende Machtfaktor liegt im Nahen Osten. Ein Ende der militärischen Eskalation und eine dauerhafte Öffnung der Straße von Hormus könnten den Ölmarkt erheblich entlasten.
Aktuell kostete ein Barrel Brent-Öl knapp 114 US-Dollar. Würde der Preis auf zum Beispiel 80 Dollar fallen, entspräche das einem Rückgang von rund 30 Prozent. Dies ist allerdings eine Modellrechnung, keine Prognose.
Für Fluggesellschaften, Chemiekonzerne und Logistikunternehmen wäre eine solche Entwicklung ein Befreiungsschlag. Niedrigere Energie- und Transportkosten könnten ihre Gewinne erhöhen. Davon würden beispielsweise auch die deutschen Unternehmen Lufthansa und BASF profitieren.
Noch wichtiger wäre der Effekt auf die Inflation. Im September stiegen die amerikanischen Verbraucherpreise um 3,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Allein die Benzinpreise verteuerten sich innerhalb eines Monats um 9,1 Prozent.
Ein dauerhafter Rückgang der Energiepreise könnte den Inflationsdruck deutlich mildern. Damit würde auch die Wahrscheinlichkeit weiterer Zinserhöhungen sinken. Fallen gleichzeitig die Anleiherenditen, könnten besonders kapitalintensive Technologieaktien wieder Rückenwind erhalten.
Die große Gefahr - Nach den Wahlen könnte Trump noch härter zuschlagen
Gegen einen schnellen Friedensschluss sprechen allerdings gewichtige Argumente. Die Verhandlungen zwischen Washington und Teheran sind festgefahren. Iran verlangt unter anderem ein Ende der amerikanischen Blockade, während die USA auf weitreichende Zugeständnisse bestehen.
Brisant ist die Einschätzung des ehemaligen amerikanischen Nahost-Unterhändlers Dennis Ross. Gegenüber Reuters bezifferte er bereits Mitte September die Wahrscheinlichkeit einer Einigung vor den Midterms auf lediglich 30 Prozent. Zugleich warnte er, dass Trump nach der Wahl weniger politischen Zwängen unterliegen und eher bereit sein könnte, den militärischen Druck zu erhöhen.
Noch weiter geht ein Bericht des Wall Street Journal, den Reuters am 25. September aufgriff. Demnach habe Trump einen iranischen Friedensvorschlag zurückgewiesen und gegenüber Beratern eine Wiederaufnahme der Bombardierungen nach den Kongresswahlen in Aussicht gestellt. Die Angaben beruhen auf anonymen US-Regierungsquellen und sind keine bestätigte Entscheidung.
Sollte der Konflikt erneut eskalieren, könnten die Ölpreise weiter steigen. Die amerikanische Energiebehörde EIA rechnet in ihrer Oktoberprognose für das vierte Quartal mit einem durchschnittlichen Brent-Preis von 105 Dollar. Zugleich erwartet sie wegen eingeschränkter Transportwege Produktionsausfälle von durchschnittlich 4,5 Millionen Barrel täglich.
Jahresendrally oder Börsencrash - Was spricht für welches Szenario?
Für eine Rally sprechen eine diplomatische Einigung, sinkende Ölpreise und nachlassender Inflationsdruck. Niedrigere Anleiherenditen könnten Aktienbewertungen stützen. Auch eine politische Blockade in Washington könnte aus Sicht der Finanzmärkte Vorteile besitzen, wenn zusätzliche Staatsausgaben ausbleiben.
Gegen eine Rally sprechen eine neue militärische Eskalation, dauerhaft hohe Energiepreise und eine weiterhin restriktive Geldpolitik. Hinzu kommen mögliche neue Zölle. Für deutsche Automobilhersteller, Maschinenbauer und Chemiekonzerne wäre das eine zusätzliche Belastung.
Im positiven Szenario könnten Lufthansa, BASF und zinssensible Technologiewerte profitieren. Bei anhaltend hohen Energiepreisen wären dagegen Ölproduzenten wie ExxonMobil und Shell mögliche Gewinner. Goldproduzenten wie Newmont könnten bei wachsender Unsicherheit gefragt bleiben.
Die Aktienauswahl hängt somit weniger vom Wahlergebnis selbst ab als von dessen wirtschaftlichen Folgen.
Nach dem 3. November könnte die nächste Eskalation beginnen
Eine Niederlage bei den Midterms würde Trump innenpolitisch schwächen, aber keineswegs handlungsunfähig machen. Gerade deshalb könnte die Zeit nach der Wahl für die Kapitalmärkte besonders unberechenbar werden.
Ein belastbarer Iran-Deal und deutlich niedrigere Ölpreise wären starke Argumente für eine Jahresendrally. Eine neue militärische Eskalation könnte dagegen die Inflation weiter antreiben und die Notenbank zu einem härteren Kurs zwingen.
Die Börsen hoffen auf einen geschwächten Trump, der Frieden sucht. Sie könnten jedoch einen Präsidenten bekommen, der nach den Wahlen erst recht auf Konfrontation setzt.
Autor: Stefan Feulner, wallstreetONLINE Redaktion
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