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660 Milliarden Euro pro Jahr: Warum Iberdrola, RWE und EVN Europas Energieinfrastruktur ausbauen

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Europa steht vor einem Investitionszyklus, dessen Dimension selbst für die kapitalintensive Energiebranche außergewöhnlich ist. Neue Stromnetze müssen gebaut, bestehende Leitungen modernisiert, zusätzliche Erzeugungsanlagen angeschlossen und Batteriespeicher errichtet werden. Gleichzeitig treiben Rechenzentren, Elektromobilität und die Elektrifizierung von Industrie und Wärme den Strombedarf nach oben. Die Europäische Kommission geht deshalb davon aus, dass bis 2030 jährlich rund 660 Milliarden Euro an Investitionen erforderlich sein werden. Zwischen 2031 und 2040 könnte der jährliche Bedarf sogar auf rund 695 Milliarden Euro steigen.

Für Energieunternehmen wird Infrastruktur damit zunehmend zum entscheidenden Wachstumsfeld. Iberdrola (ISIN: ES0144580Y14) plant bis 2028 Investitionen von insgesamt 58 Milliarden Euro, davon allein 37 Milliarden Euro in Stromnetze. RWE (ISIN: DE0007037129) will bis 2031 netto rund 42 Milliarden Euro investieren und hat durch die Aufstockung seiner Beteiligung an Amprion gerade zusätzliches Engagement im regulierten Netzgeschäft aufgebaut. Auch die EVN AG (ISIN: AT0000741053) plant bis 2030 Investitionen von durchschnittlich rund einer Milliarde Euro pro Jahr. Damit verändert sich auch die Investmentstory europäischer Versorger. Nicht mehr allein die Frage, wie viel Strom ein Unternehmen produziert, entscheidet über seine Entwicklung. Immer wichtiger wird, wie viel Infrastruktur ein Konzern besitzt, modernisiert und neu errichtet.

Europa braucht jedes Jahr Hunderte Milliarden Euro

Die Europäische Kommission beziffert den jährlichen Investitionsbedarf bis 2030 auf rund 660 Milliarden Euro. Zwischen 2031 und 2040 sollen durchschnittlich etwa 695 Milliarden Euro pro Jahr erforderlich sein. Das Kapital wird unter anderem für Stromnetze, Erzeugungskapazitäten, Speicher, Energieeffizienz und weitere Infrastruktur benötigt. Die Größenordnung erklärt, warum Brüssel inzwischen auch die Finanzierung stärker in den Mittelpunkt stellt. Im März 2026 präsentierte die Kommission eine neue Investitionsstrategie, mit der zusätzliches privates Kapital mobilisiert werden soll. Die Europäische Investitionsbank (EIB) will in den kommenden drei Jahren mehr als 75 Milliarden Euro an Finanzierungen zur Unterstützung entsprechender Projekte bereitstellen. Zusätzlich ist ein neuer strategischer Infrastrukturfonds vorgesehen. Die EIB plant dafür zunächst eine Beteiligung von bis zu 500 Millionen Euro, mit der insbesondere Netzbetreiber leichter Eigenkapital für neue Projekte aufnehmen sollen.

Der Hintergrund ist klar: Der Ausbau der Infrastruktur lässt sich nicht allein aus öffentlichen Haushalten finanzieren. Versicherungen, Pensionsfonds, Banken und andere institutionelle Investoren sollen deshalb künftig einen größeren Teil der notwendigen Mittel bereitstellen.

Iberdrola macht Netze zum wichtigsten Investitionsfeld

Kaum ein europäischer Energiekonzern zeigt diese Entwicklung so deutlich wie Iberdrola. Im Rahmen seines Strategieplans 2025 bis 2028 will das Unternehmen insgesamt 58 Milliarden Euro investieren. Allein 37 Milliarden Euro davon sind für Stromnetze vorgesehen. Weitere 21 Milliarden Euro sollen in erneuerbare Erzeugung, Speicher und Kundenlösungen fließen. Damit entfällt deutlich mehr als die Hälfte des Investitionsprogramms auf regulierte Netzinfrastruktur. Im ersten Halbjahr 2026 investierte Iberdrola bereits rund sieben Milliarden Euro. Die Investitionen in Stromnetze erhöhten sich gegenüber dem Vorjahr um 42 Prozent auf knapp 4,4 Milliarden Euro und machten damit fast zwei Drittel der gesamten Investitionen aus.

Die regulierte Vermögensbasis des Konzerns stieg dadurch auf rund 55 Milliarden Euro. Davon entfielen rund 40 Milliarden Euro auf Verteilnetze und 15 Milliarden Euro auf Übertragungsnetze. Diese Entwicklung ist besonders relevant, weil Iberdrola gleichzeitig steigende Ergebnisse meldet. Im ersten Halbjahr 2026 erreichte das bereinigte EBITDA rund 8,05 Milliarden Euro, sieben Prozent mehr als im Vorjahr. Der ausgewiesene Nettogewinn stieg um 22 Prozent auf rund 4,34 Milliarden Euro. Das Unternehmen profitierte dabei unter anderem von höheren Ergebnisbeiträgen aus dem Netzgeschäft in wichtigen Märkten.

Gerade erst weitere 110 Millionen Pfund für Schottland

Wie konkret diese Investitionsstrategie inzwischen wird, zeigt eine Meldung vom 10. August 2026. Die Iberdrola-Tochter ScottishPower Energy Networks investiert 110 Millionen Pfund in die Modernisierung einer wichtigen Stromverbindung zwischen Glasgow und Edinburgh. Mehr als 70 Kilometer Leitungsinfrastruktur sollen modernisiert werden. Die bestehende Infrastruktur stammt teilweise noch aus den 1960er-Jahren. Das Projekt ist wiederum nur ein Teil eines deutlich größeren Programms. ScottishPower plant bis 2028 Investitionen von rund 24 Milliarden Pfund in Großbritannien. Davon sollen etwa zwölf Milliarden Pfund in die Verstärkung des Übertragungsnetzes in Süd- und Zentralschottland fließen. Damit wird sichtbar, warum die großen europäischen Versorger derzeit so viel Kapital mobilisieren: Ein erheblicher Teil der Strominfrastruktur wurde vor Jahrzehnten gebaut und muss gleichzeitig modernisiert und für neue Anforderungen erweitert werden.

RWE investierte allein im ersten Halbjahr 6,3 Milliarden Euro

Auch bei RWE beschleunigt sich das Investitionstempo. Die erst am 13. August 2026 veröffentlichten Halbjahreszahlen zeigen: In den ersten sechs Monaten investierte das Unternehmen netto rund 6,3 Milliarden Euro. Für das Gesamtjahr hat RWE seine Investitionsplanung aufgrund einer zusätzlichen Netztransaktion inzwischen von ursprünglich sechs bis acht Milliarden Euro auf neun bis elf Milliarden Euro erhöht.

Bis 2031 plant der Konzern Nettoinvestitionen von insgesamt rund 42 Milliarden Euro. Dabei geht es längst nicht mehr ausschließlich um Wind- und Solarparks. RWE investiert in erneuerbare Erzeugung, flexible Kraftwerke, Batteriespeicher und inzwischen verstärkt auch in regulierte Netzinfrastruktur. Allein seit Jahresbeginn hat das Unternehmen 752 MW neue Erzeugungsleistung in Betrieb genommen. Weitere 10,3 GW befinden sich derzeit im Bau. Das gesamte Portfolio aus erneuerbarer Erzeugung, flexibler Erzeugung und Batteriespeichern liegt inzwischen bei nahezu 41 GW. Gleichzeitig zeigen die aktuellen Geschäftszahlen, dass die Investitionen bereits Ergebnisbeiträge liefern können. Das bereinigte EBITDA stieg im ersten Halbjahr 2026 von 2,1 auf rund 3,0 Milliarden Euro. Das bereinigte Nettoergebnis erhöhte sich von 0,8 auf 1,3 Milliarden Euro.

Für 3,6 Milliarden Euro stärker bei Amprion eingestiegen

Besonders interessant ist jedoch die jüngste Erweiterung der RWE-Strategie. Ende Juli schloss der Konzern den Erwerb weiterer indirekter Anteile am deutschen Übertragungsnetzbetreiber Amprion ab. Für insgesamt 3,6 Milliarden Euro erhöhte RWE seinen indirekten Anteil auf 55 Prozent. Amprion betreibt eines der vier deutschen Übertragungsnetze und versorgt über sein Netzgebiet rund 29 Millionen Menschen. Für RWE bedeutet die Transaktion einen stärkeren Einstieg in regulierte Netzinfrastruktur. Bis 2031 will der Konzern im Zusammenhang mit seiner Beteiligung rund 6,5 Milliarden Euro zum Netzausbau beitragen. Davon waren etwa 2,5 Milliarden Euro bereits mit der bisherigen Beteiligung verbunden; weitere rund vier Milliarden Euro entfallen auf den erhöhten Anteil. Damit verändert sich das Profil von RWE. Neben Windkraft, Photovoltaik, Batteriespeichern und flexibler Erzeugung wird nun auch das regulierte Übertragungsnetz zu einem bedeutenderen Bestandteil der langfristigen Investitionsstrategie.

EVN investiert ebenfalls rund eine Milliarde Euro pro Jahr

Auch die EVN befindet sich in einer Phase hoher Investitionen. Für das Geschäftsjahr 2025/26 plant der Konzern Investitionen von rund einer Milliarde Euro. Bis 2030 soll das jährliche Investitionsniveau ungefähr in dieser Größenordnung bleiben. Rund vier Fünftel der Mittel sollen in Niederösterreich eingesetzt werden. Bereits im ersten Halbjahr 2025/26 investierte die EVN 328,9 Millionen Euro in immaterielle Vermögenswerte und Sachanlagen. Rund die Hälfte des Investitionsvolumens entfiel auf das Segment Netze. Allein im Netzsegment erreichten die Investitionen im ersten Halbjahr 166,4 Millionen Euro, nach 152,9 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Die Investitionen sind dabei nicht auf einen einzelnen Bereich beschränkt. Die EVN baut Stromnetze und Umspannwerke aus, erweitert Wind- und Photovoltaikkapazitäten, errichtet Batteriespeicher und investiert gleichzeitig in Trinkwasser-, Wärme- und Ladeinfrastruktur. Genau diese Breite macht die aktuelle Investitionsphase interessant.

55 Umspannwerke werden neu gebaut oder erweitert

Ein großer Teil der Investitionen dient der regionalen Versorgungssicherheit.

Im ersten Halbjahr berichtete die EVN über den geplanten Neubau beziehungsweise die Erweiterung von 55 Umspannwerken bis 2035. Fünf neue Anlagen befanden sich zu diesem Zeitpunkt bereits im Bau. Parallel investiert das Unternehmen in die Digitalisierung der Netzinfrastruktur. Der Ausbau ist notwendig, weil sich das Stromsystem gleichzeitig auf der Erzeugungs- und auf der Verbrauchsseite verändert. Zusätzliche Wind- und Solaranlagen müssen angeschlossen werden, während Batteriespeicher, Wärmepumpen, Elektromobilität und mögliche neue Rechenzentren verbrauchsseitig zusätzliche Netzkapazitäten benötigen. Damit entsteht eine Investitionskette: Neue Erzeugungsanlagen benötigen Netze, neue Netze ermöglichen zusätzliche Verbraucher und Speicher wiederum helfen dabei, Erzeugung und Verbrauch zeitlich besser aufeinander abzustimmen.

Das Investitionsprogramm reicht weit über Strom hinaus

Bei der EVN kommt ein weiterer Faktor hinzu: Der Konzern ist nicht ausschließlich in der Stromversorgung tätig. Auch die Trinkwasserinfrastruktur wird ausgebaut. Zwischen dem Weinviertel und dem Industrieviertel bereitet die EVN beispielsweise eine neue überregionale Wassertransportleitung vor. Das Investitionsvolumen liegt bei rund 15 Millionen Euro. Parallel plant EVN Wasser bis 2055 ein erhebliches Ausbauprogramm, das zusätzliche Leitungen, Speicher, Brunnenfelder und Naturfilteranlagen umfasst. Damit unterscheidet sich die EVN von Unternehmen, die ausschließlich auf Stromerzeugung oder Netze spezialisiert sind. Investitionen in Strom, Wasser, Wärme, Speicher und Mobilität laufen parallel. Gerade in Zeiten hoher Infrastrukturinvestitionen kann dieses breite Geschäftsmodell zusätzliche Wachstumsmöglichkeiten eröffnen - verlangt aber gleichzeitig eine sorgfältige Kapitalallokation.

Für Anleger wird Kapitaldisziplin entscheidend

Der Infrastrukturboom hat deshalb zwei Seiten. Auf der einen Seite ermöglichen Investitionen zusätzliches Wachstum. Iberdrola erweitert seine regulierte Vermögensbasis, RWE schafft zusätzliche Erzeugungs- und Netzkapazitäten und die EVN baut ihre regionale Infrastruktur aus. Auf der anderen Seite müssen Milliardenprogramme finanziert werden. Das zeigt sich beispielsweise bei RWE. Durch die hohen Investitionen stieg die Nettoverschuldung zum 30. Juni 2026 auf rund 15 Milliarden Euro. Der Konzern geht davon aus, dass sich sein Verschuldungsfaktor mit den steigenden Investitionen erhöhen wird, will aber weiterhin unterhalb seiner selbst definierten Zielspanne bleiben. Auch für andere Versorger wird deshalb entscheidend sein, welche Projekte tatsächlich attraktive und verlässliche Renditen erwirtschaften.

Infrastruktur wird zur Investmentstory

Für Anleger verändert sich damit die Bewertung der Energiebranche. Jahrelang standen vor allem Strompreise und neue Wind- oder Solarparks im Mittelpunkt. Heute werden Kapitalbedarf, Netze, Speicher und Infrastruktur zunehmend wichtiger. Iberdrola investiert bis 2028 insgesamt 58 Milliarden Euro und macht Stromnetze zum größten einzelnen Schwerpunkt. RWE plant netto 42 Milliarden Euro bis 2031 und hat seine Position bei Amprion deutlich ausgebaut. Die EVN investiert jährlich rund eine Milliarde Euro in eine Vielzahl regionaler Infrastrukturprojekte. Alle drei Unternehmen reagieren damit auf dasselbe strukturelle Problem: Europas Energieinfrastruktur muss gleichzeitig erneuert, erweitert und digitalisiert werden.

Fazit

Die kommenden Jahre könnten zu einem der größten Investitionszyklen in der Geschichte der europäischen Energiebranche werden. Die Europäische Kommission beziffert den notwendigen Kapitalbedarf bis 2030 auf rund 660 Milliarden Euro pro Jahr. Iberdrola plant bis 2028 Investitionen von 58 Milliarden Euro, RWE bis 2031 netto rund 42 Milliarden Euro. Beide Konzerne bauen inzwischen neben Erzeugung und Speichern insbesondere ihre Position in Stromnetzen aus. Auch die EVN AG (ISIN: AT0000741053) verfolgt einen umfassenden Infrastrukturkurs. Mit durchschnittlich rund einer Milliarde Euro Investitionen pro Jahr bis 2030 fließt Kapital in Netze, erneuerbare Erzeugung, Batteriespeicher, Wasser, Wärme und Ladeinfrastruktur. Für Anleger könnte deshalb eine Kennzahl in den kommenden Jahren immer wichtiger werden: nicht nur wie viel ein Energieunternehmen verdient - sondern wohin es seine Milliarden investiert und damit langfristige Ertragskraft sichert.


Lassen Sie sich in den Verteiler für EVN oder Nebenwerte eintragen. Einfach eine E-Mail an Eva Reuter: e-reuter@dr-reuter.eu mit dem Hinweis: "Verteiler EVN" und/oder "Nebenwerte".

Quellen:

EVN

EVN Aktionärsbrief 1. Halbjahr 2025/26 - direkter PDF-Link
https://www.evn.at/getmedia/2e87b11e-a84d-419c-93ec-dfee6a0482a0/AB_HY1_2025_26_EN.pdf

EVN Konzernlagebericht 2024/25
https://www.evn.at/getmedia/fa6d89eb-e40b-4f4b-8415-b23692701ffb/Management-report_Group-and-EVN-AG_2024_25.pdf

EVN Ganzheitsbericht 2024/25
https://www.evn.at/getmedia/8065a961-c448-49fe-81a1-e78c14e42f53/Nichtfinanzieller-Bericht-2024-25.pdf

EVN Investor Relations - Publikationen
https://www.evn.at/home/investor-relations/publikationen

Europäische Kommission

Clean Energy Investment Strategy - 10. März 2026
https://energy.ec.europa.eu/news/commission-launches-strategy-accelerate-clean-energy-investment-2026-03-10_en

Clean Energy Investment Strategy - COM/2026/116
https://eur-lex.europa.eu/

Iberdrola

Iberdrola Ergebnisse erstes Halbjahr 2026 - 22. Juli 2026
https://www.iberdrola.com/press-room/news/detail/investment-uk-us-brazil-electricity-networks-drives-increase-iberdrolas-reported-net-profit-4-point-34bn-h1-2026-22

Iberdrola Networks - Strategic Plan 2025-2028 und aktuelle Netzkennzahlen
https://www.iberdrola.com/about-us/networks

ScottishPower investiert 110 Mio. Pfund in schottisches Stromnetz - 10. August 2026
https://www.iberdrola.com/press-room/news/detail/scottishpower-drives-modernisation-Scotland-electricity-network-110-million-pounds-investment

Iberdrola Strategic Plan 2025-2028
https://www.iberdrola.com/about-us/strategic-plan

RWE

RWE Halbjahresergebnisse 2026 - 13. August 2026
https://www.rwe.com/en/press/rwe-ag/2026-08-13-rwe-delivers-strong-first-half-results/

RWE erhöht Anteil an Amprion auf 55% - 24. Juli 2026
https://www.rwe.com/en/press/rwe-ag/2026-07-24-rwe-successfully-closes-acquisition-of-stake-in-amprion/

RWE Investor Relations - Halbjahresbericht 2026
https://www.rwe.com/en/investor-relations/financial-calendar-and-publications/2026-H1/

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