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Eine milliardenschwere Abschreibung bei einem der größten Pharmakonzerne der Welt verdeutlicht, wie schnell sich die Erwartungen an neue Medikamente verändern können. Novartis (ISIN: CH0012005267) musste im dritten Quartal 2026 eine Wertminderung von rund 1,9 Milliarden US-Dollar auf einen experimentellen Wirkstoff verbuchen, der erst Anfang des Jahres durch die Übernahme des US-Biotechnologieunternehmens Avidity Biosciences ins Portfolio gelangt war. Auslöser waren enttäuschende Ergebnisse einer zulassungsrelevanten Phase-III-Studie. Während Novartis den weiteren Entwicklungsweg überprüft, meldet der australische Zelltherapiespezialist Mesoblast (ISIN: AU000000MSB8) neue regulatorische Fortschritte. Nach einem positiven Gespräch mit der US-Arzneimittelbehörde FDA kann das Unternehmen nach eigenen Angaben die geplante Zulassungseinreichung für eine weitere Anwendung seines Zelltherapiekandidaten rexlemestrocel-L vorantreiben. Gleichzeitig wachsen die Umsätze mit dem bereits zugelassenen Produkt Ryoncil. Die beiden Entwicklungen zeigen, wie unterschiedlich sich Chancen und Risiken innovativer Arzneimittelprogramme auf die wirtschaftlichen Perspektiven von Pharma- und Biotechnologieunternehmen auswirken können.
1,9 Milliarden Dollar Wertverlust nach enttäuschender Phase-III-Studie
Am 27. Oktober veröffentlichte Novartis seine Geschäftszahlen für das dritte Quartal. Darin enthalten ist eine Wertminderung von exakt 1,94 Milliarden US-Dollar auf den experimentellen Wirkstoff del-desiran. Das Medikament wird zur Behandlung der myotonen Dystrophie Typ 1 entwickelt, einer seltenen erblichen Muskelerkrankung. In der globalen Phase-III-Studie HARBOR hatte del-desiran im September den primären Studienendpunkt nicht erreicht. Novartis musste deshalb den bilanziellen Wert des Entwicklungsprogramms neu bewerten. Vor der Abschreibung lag dieser bei 7,48 Milliarden Dollar. Nach der Neubewertung verblieb ein Buchwert von 5,54 Milliarden Dollar. Das Unternehmen hat den Wirkstoff damit keineswegs vollständig aufgegeben. Vielmehr untersucht Novartis weiterhin, ob sich auf Grundlage der vorhandenen Studiendaten und möglicher Gespräche mit Zulassungsbehörden ein weiterer Entwicklungsweg ergibt. Für Anleger ist der Vorgang dennoch bemerkenswert: Ein einzelner klinischer Rückschlag führte innerhalb eines Quartals zu einer Wertkorrektur in Milliardenhöhe.
Zwölf-Milliarden-Übernahme gerät unter Druck
Besondere Aufmerksamkeit erhält die Abschreibung durch die Vorgeschichte des Wirkstoffs. Novartis hatte die Übernahme von Avidity Biosciences im Oktober 2025 angekündigt und im Februar 2026 abgeschlossen. Die Transaktion hatte einen Wert von rund zwölf Milliarden US-Dollar und sollte das Portfolio des Schweizer Pharmakonzerns im Bereich neuartiger RNA-basierter Therapien stärken. Del-desiran gehörte zu den wichtigsten Entwicklungsprogrammen des übernommenen Unternehmens. Die Technologie soll gezielt in krankheitsverursachende biologische Prozesse eingreifen und eröffnet grundsätzlich neue Behandlungsmöglichkeiten bei genetisch bedingten Erkrankungen. Die jüngsten Studienergebnisse zeigen jedoch, dass auch ein vielversprechender Wirkmechanismus und erhebliche Investitionen keine erfolgreiche Zulassung garantieren. Die Abschreibung betrifft den bilanziellen Wert eines noch nicht zugelassenen Medikaments und ist nicht mit einem zusätzlichen unmittelbaren Mittelabfluss von 1,94 Milliarden Dollar gleichzusetzen. Gleichwohl reduziert sie den ausgewiesenen Gewinn und verdeutlicht das finanzielle Risiko großer Entwicklungs- und Übernahmeentscheidungen.
Novartis verdient Milliarden - doch die Forschung bleibt riskant
Die Auswirkungen waren in der Gewinn- und Verlustrechnung deutlich sichtbar. Novartis steigerte seinen Quartalsumsatz um vier Prozent auf 14,52 Milliarden US-Dollar. Der ausgewiesene operative Gewinn sank dagegen um 59 Prozent auf 1,84 Milliarden Dollar. Der Nettogewinn verringerte sich um 70 Prozent auf 1,20 Milliarden Dollar. Neben der Wertminderung belasteten weitere Aufwendungen das Ergebnis. Bereinigt um bestimmte Sondereffekte entwickelte sich das operative Geschäft wesentlich stabiler: Der sogenannte Core-Betriebsgewinn stieg um elf Prozent auf rund sechs Milliarden Dollar. Novartis hob sogar seine Prognose für das bereinigte operative Jahresergebnis an. Der Konzern befindet sich damit trotz der Abschreibung keineswegs in einer grundsätzlichen wirtschaftlichen Krise. Die Zahlen machen vielmehr einen wichtigen Unterschied deutlich: Während etablierte Medikamente erhebliche Einnahmen erwirtschaften, können einzelne Forschungsprogramme auch bei finanzstarken Pharmakonzernen hohe Wertverluste verursachen.
Mesoblast meldet Fortschritt bei der nächsten FDA-Einreichung
Fast zeitgleich veröffentlichte Mesoblast am 29. Oktober seinen Bericht für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2027. Darin meldete das Unternehmen ein positives Gespräch mit der FDA über den geplanten Zulassungsantrag für rexlemestrocel-L. Im Mittelpunkt steht eine mögliche Anwendung bei Patienten mit schwerer Herzinsuffizienz, die durch ein mechanisches Herzunterstützungssystem, ein sogenanntes Left Ventricular Assist Device (LVAD), am Leben gehalten werden. Bei diesen Patienten können unter anderem schwere Blutungen im Magen-Darm-Trakt auftreten, die mit entzündlichen Prozessen und Veränderungen der Blutgefäße zusammenhängen. Mesoblast untersucht, ob seine allogene Zelltherapie solche lebensbedrohlichen Komplikationen verhindern kann. Nach Angaben des Unternehmens bestätigte die FDA im Gespräch, dass die geplante Einreichung eines Biologics License Application für Patienten mit schweren gastrointestinalen Blutungen vorangetrieben werden kann. Das ist ein regulatorischer Fortschritt, aber noch keine Zulassung. Auch eine positive endgültige Bewertung des Antrags ist damit nicht vorweggenommen.
Warum die neue Indikation für Mesoblast interessant ist
Rexlemestrocel-L basiert auf mesenchymalen Vorläuferzellen, die entzündliche Prozesse beeinflussen sollen. Mesoblast verfolgt damit einen anderen technologischen Ansatz als Novartis mit seinen RNA-basierten Medikamenten. Eine direkte medizinische Konkurrenz zwischen den beiden Entwicklungsprogrammen besteht nicht. Für die Bewertung des jeweiligen Unternehmens ist jedoch dieselbe grundsätzliche Frage entscheidend: Kann aus einer innovativen Technologie ein zugelassenes und wirtschaftlich erfolgreiches Medikament entstehen? Mesoblast verfügt für rexlemestrocel-L im Zusammenhang mit der untersuchten Herzinsuffizienz-Indikation bereits über die regulatorischen Einstufungen Regenerative Medicine Advanced Therapy und Orphan Drug. Diese können die weitere Abstimmung mit der FDA unterstützen, ersetzen jedoch weder die wissenschaftliche Bewertung der vorhandenen Daten noch das reguläre Zulassungsverfahren. Sollte Mesoblast die geplante Einreichung erfolgreich abschließen und später eine Zulassung erhalten, würde das Unternehmen ein weiteres medizinisches Einsatzgebiet erschließen. Wie groß der tatsächlich adressierbare Markt wäre, lässt sich aus der aktuellen Unternehmensmeldung allerdings noch nicht belastbar ableiten.
115 Millionen Dollar Umsatz mit bereits zugelassener Zelltherapie
Im Unterschied zu vielen ausschließlich forschenden Biotechnologieunternehmen verfügt Mesoblast bereits über ein zugelassenes und kommerziell vertriebenes Produkt. Im Dezember 2024 erhielt Ryoncil die FDA-Zulassung zur Behandlung der steroidrefraktären akuten Graft-versus-Host-Erkrankung bei Kindern ab zwei Monaten. Dabei handelt es sich um eine potenziell lebensbedrohliche Komplikation nach einer allogenen Stammzelltransplantation, bei der Immunzellen des Spenders gesundes Gewebe des Empfängers angreifen. Ryoncil war das erste von der FDA zugelassene mesenchymale Stromazellprodukt. Im Geschäftsjahr 2026 erzielte Mesoblast damit Nettoproduktumsätze von 115,2 Millionen US-Dollar. Der gesamte Unternehmensumsatz erreichte 120,3 Millionen Dollar. Die bereits vorhandene Vermarktung unterscheidet Mesoblast von Unternehmen, deren wirtschaftliche Perspektiven noch vollständig von künftigen Studienergebnissen abhängen. Sie beseitigt die Entwicklungsrisiken der weiteren Pipeline nicht, schafft aber eine zusätzliche operative Grundlage für das Unternehmen.
44 Prozent Umsatzwachstum und deutlich geringerer Mittelabfluss
Auch die jüngsten Quartalszahlen zeigen Fortschritte. Nach Angaben von Mesoblast stiegen die Nettoumsätze mit Ryoncil im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2027 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 44 Prozent auf rund 28 Millionen US-Dollar. Der operative Netto-Cashverbrauch sank gleichzeitig von 14,9 Millionen auf 2,1 Millionen Dollar, was einer Verbesserung um rund 86 Prozent entspricht. Zum 30. September verfügte Mesoblast über liquide Mittel von 99 Millionen Dollar. Der Rückgang des Mittelabflusses ist für Anleger besonders relevant, weil die Finanzierung klinischer Studien und regulatorischer Verfahren bei Biotechnologieunternehmen häufig erhebliche zusätzliche Kapitalmittel erfordert. Die Entwicklung bedeutet allerdings noch nicht, dass Mesoblast nachhaltig profitabel arbeitet. Zudem handelt es sich bei den Umsatzangaben um vorläufige Zahlen. Dennoch verdeutlichen die Ergebnisse, dass die kommerzielle Vermarktung von Ryoncil zunehmend zur finanziellen Entwicklung des Unternehmens beiträgt.
350 Patienten behandelt - weitere Studiendaten stehen bevor
Neben dem Herzinsuffizienzprogramm treibt Mesoblast auch die Entwicklung von rexlemestrocel-L gegen chronische entzündliche Rückenschmerzen infolge degenerativer Bandscheibenerkrankungen voran. In der zulassungsrelevanten Phase-III-Studie MSB-DR004 wurden inzwischen alle 350 vorgesehenen Patienten behandelt. Der primäre Studienendpunkt untersucht eine über zwölf Monate anhaltende Schmerzreduktion. Die entsprechenden Ergebnisse werden nach Unternehmensangaben im Jahr 2027 erwartet. Damit steht ein weiterer potenziell bedeutender klinischer Meilenstein bevor. Ob die Therapie die erforderliche Wirksamkeit und Sicherheit nachweisen kann, bleibt offen. Parallel arbeitet Mesoblast an der Erweiterung der Ryoncil-Zulassung auf erwachsene Patienten mit steroidrefraktärer akuter Graft-versus-Host-Erkrankung. Die entsprechende zulassungsrelevante Studie hat begonnen und rekrutiert bereits Patienten. Für Mesoblast ergeben sich damit mehrere voneinander getrennte Entwicklungsmöglichkeiten, deren wirtschaftlicher Wert allerdings jeweils von erfolgreichen Studien, regulatorischen Entscheidungen und einer späteren Vermarktung abhängt.
Fazit
Die milliardenschwere Abschreibung bei Novartis verdeutlicht eindrucksvoll, wie stark klinische Studienergebnisse die Bewertung innovativer Arzneimittelprogramme verändern können. Trotz eines florierenden Kerngeschäfts musste der Pharmakonzern den bilanziellen Wert eines wichtigen Entwicklungsprojekts um 1,94 Milliarden Dollar reduzieren. Mesoblast steht vor anderen Herausforderungen und verfügt mit Ryoncil bereits über ein kommerziell erfolgreich angelaufenes Zelltherapieprodukt. Gleichzeitig meldet das Unternehmen Fortschritte bei einer geplanten weiteren FDA-Einreichung, steigende Produktumsätze und den Abschluss der Patientenbehandlung in einer großen Phase-III-Studie gegen chronische Rückenschmerzen. Daraus lässt sich kein geringeres klinisches Risiko gegenüber Novartis ableiten. Für Anleger entsteht jedoch eine interessante Ausgangslage: Neben dem Wachstum eines bereits zugelassenen Produkts könnten zusätzliche Anwendungen künftig weitere Umsatzquellen erschließen. Entscheidend werden die nächsten Studiendaten, die tatsächliche Einreichung des neuen Zulassungsantrags und die anschließenden regulatorischen Entscheidungen sein. Für Mesoblast (ISIN: AU000000MSB8) könnten diese Meilensteine die weitere Unternehmensentwicklung wesentlich prägen.
Quellen:
Novartis - Quartalszahlen und Milliardenabschreibung, 27.10.2026
https://www.novartis.com/news/media-releases/novartis-delivered-sales-growth-and-core-margin-expansion-q3-raised-fy-core-operating-income-guidance
Novartis - Finanzbericht und Bewertung von del-desiran, 27.10.2026
https://www.novartis.com/sites/novartis_com/files/q3-2026-interim-financial-report-en.pdf
Reuters - Einordnung der Novartis-Abschreibungen, 27.10.2026
https://www.reuters.com/business/healthcare-pharmaceuticals/novartis-raises-full-year-core-operating-income-guidance-2026-10-27/
Mesoblast - Quartalsbericht und FDA-Fortschritt, 29.10.2026
https://www.globenewswire.com/fr/news-release/2026/10/29/3390883/0/en/activity-report-for-quarter-ended-september-30-2026-appendix-4c.html
Mesoblast - Geschäftsbericht 2026, 12.10.2026
https://www.sec.gov/Archives/edgar/data/1345099/000134509926000087/exhibit991annualreportag.htm
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