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700 Geschäftschancen klingen zunächst wie ein prall gefülltes Auftragsbuch. Doch genau das sind sie nicht. Hinter der Zahl stehen Unternehmen, Tests und Produktideen in völlig unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Manche Kontakte sind erst wenige Tage alt. Andere Kunden arbeiten seit drei oder vier Jahren daran, Graphen in ein marktfähiges Industrieprodukt zu integrieren.
Michael Bell, CEO von First Graphene (ISIN: AU000000FGR3), beschreibt diese Spannweite ungewöhnlich offen. Sein Unternehmen verfüge über eine Pipeline von bis zu 700 Chancen. Entscheidend sei aber nicht, wie viele Projekte beginnen. Entscheidend sei, wie viele den langen Weg bis zur kommerziellen Nutzung überstehen.
"Bei rund 50 dieser Kunden ist die harte Arbeit erledigt", sagt Bell im Interview mit Dr. Reuter Investor Relations. Genau diese 50 stehen im Zentrum einer Geschichte, die erklärt, weshalb Graphen technisch längst überzeugen kann - und dennoch nicht über Nacht zum Industriegeschäft wird.
Warum aus 700 Chancen zuerst 50 belastbare Projekte werden müssen
Ein neuer Materialzusatz lässt sich nicht wie eine Software per Mausklick einführen. Hersteller müssen Rezepturen verändern, Produktionslinien testen, Materialdaten prüfen und teilweise regulatorische Zulassungen abwarten. Ein Fehler kann die Haltbarkeit eines Bauprodukts, die Sicherheit einer Beschichtung oder die Stabilität eines Verbundwerkstoffs gefährden.
First Graphene arbeitet nach Angaben des Managements seit rund fünf Jahren systematisch an diesem Prozess. Etwa 35 Kunden nutzen PureGRAPH bereits in Anwendungen der Produktionsphase. Weitere rund 50 hätten Produktionstests durchlaufen und befänden sich in der letzten Phase vor Produkteinführungen, regulatorischen Freigaben oder kommerziellen Vereinbarungen.
Bell ordnet die Lage so ein: "Sie reichen von zehn Kilogramm im Jahr bis zu 20 Tonnen im Jahr." Selbst innerhalb der fortgeschrittenen Gruppe liegen damit Welten zwischen einem kleinen Spezialprodukt und einer Anwendung, die erhebliche Produktionsmengen benötigen würde.
Die Pipeline ist deshalb weniger eine Umsatzprognose als ein Trichter. Oben stehen Ideen und erste Gespräche. Unten bleiben jene Anwendungen übrig, die technisch funktionieren, wirtschaftlich sinnvoll sind und vom Kunden tatsächlich auf den Markt gebracht werden.
Warum Korrosionsschutz Jahre und Textilien manchmal nur Monate brauchen
Wie schnell ein Projekt diesen Trichter durchläuft, hängt stark von der Branche ab. Bei Korrosionsschutzbeschichtungen müssen Rezepturen über Tausende Stunden beschleunigter Alterungstests geprüft werden. Schlägt ein Test fehl, beginnt die Arbeit erneut: Formulierung ändern, Proben herstellen, weitere 2.000 oder 3.000 Stunden warten.
"Dieser Entwicklungsprozess kann Jahre dauern", erklärt Bell. Einige Kunden hätten deshalb bereits drei oder vier Jahre in ihre "Graphen-Reise" investiert.
Textilien bewegen sich deutlich schneller. First Graphene gewann nach Aussage des CEOs innerhalb weniger Monate vier neue Unternehmen aus diesem Bereich. Eine neue Kohlefaseranwendung benötigte dagegen ungefähr neun bis zwölf Monate, weil Dispersion, Harzsystem und Materialprüfung komplexer waren.
Der Vergleich zeigt, warum eine einzelne Zahl wie 700 ohne Kontext wenig aussagt. Jedes Projekt besitzt ein anderes Tempo, ein anderes Volumen und eine andere Wahrscheinlichkeit, später wiederkehrende Erlöse zu erzeugen.
Warum HydroGraph ebenfalls einen großen Kundentrichter aufbaut
HydroGraph Clean Power (ISIN: CA44888L1085) verfolgt eine vergleichbare Breitenstrategie, setzt technisch jedoch auf ein anderes Produktionsverfahren. Das kanadische Unternehmen stellt sein Graphen mit einem patentierten Detonationsprozess her. Nach eigenen Angaben erreicht das Material einen Kohlenstoffgehalt von 99,8% und lässt sich je nach Anwendung funktionalisieren.
HydroGraph spricht inzwischen von nahezu 100 eingebundenen Kunden aus Bereichen wie Verbundwerkstoffen, Beschichtungen, Energie und Verteidigung. Gleichzeitig plant das Unternehmen, seine Produktionskapazität in Texas in den Jahren 2026 und 2027 auf mehr als 350 Tonnen auszubauen. Jede modulare Hyperion-Einheit soll mehr als zehn Tonnen pro Jahr produzieren können.
Auch hier zeigt sich dieselbe industrielle Logik: Eine wachsende Zahl von Kundenkontakten schafft noch keine sicheren Umsätze. HydroGraph muss beweisen, welche Entwicklungsprojekte in wiederkehrende Bestellungen übergehen und ob die geplante Kapazität im Gleichschritt mit der Nachfrage wächst.
Warum NanoXplore zeigt, wie die nächste Stufe aussehen kann
NanoXplore (ISIN: CA63010G1000) befindet sich bereits weiter entlang dieser Kommerzialisierungskurve. Das kanadische Unternehmen verfügt über eine Graphen-Produktionskapazität von rund 4.000 Tonnen pro Jahr und verarbeitet das Material zusätzlich zu Masterbatches, Kunststoffcompounds und Verbundbauteilen.
In seiner Präsentation vom Februar 2026 meldete NanoXplore einen Umsatz von 113,2 Mio. CAD für die zurückliegenden zwölf Monate. Zudem verwies der Konzern auf einen mehrjährigen Liefervertrag für Graphenpulver mit Chevron Phillips Chemical und auf mehr als 40 Mio. CAD an gebuchtem zusätzlichem Geschäft mit graphenverstärkten Verbundwerkstoffen.
NanoXplore zeigt damit, was nach der jahrelangen Qualifizierung folgen kann: Graphen wird nicht mehr nur als Pulver verkauft, sondern in komplette Materiallösungen und langfristige Kundenprogramme eingebaut. Das Unternehmen ist allerdings auch ein Beleg dafür, wie viel Infrastruktur, Kapital und Anwendungstechnik nötig sind, um diese Stufe zu erreichen.
Warum bei First Graphene nun die Konvertierung zählt
First Graphene steht zwischen dem breiten Entwicklungstrichter und der großvolumigen Industrialisierung. Die bestehende Produktionsanlage in Westaustralien kann nach Angaben des Unternehmens rund 100 Tonnen Graphenpulver pro Jahr herstellen. Die technische Lieferfähigkeit ist damit vorhanden. Nun muss sich zeigen, wie viele der rund 50 weit fortgeschrittenen Kunden ihre Produkte tatsächlich einführen und anschließend regelmäßig bestellen.
Bell formuliert die Ausgangslage deutlich: "Wir haben die gesamte harte Arbeit bei etwa 50 dieser Kunden erledigt." Sie hätten ihre Entwicklung durchlaufen und warteten nun auf Produktstarts, Genehmigungen oder kommerzielle Vereinbarungen.
Das ist eine stärkere Aussage als die Zahl von 700 Chancen allein. Sie verlagert den Fokus von der theoretischen Größe der Pipeline auf deren Qualität. Zugleich bleibt sie überprüfbar: Produkte müssen starten, Bestellungen müssen eingehen und Kunden müssen nach der ersten Lieferung wiederkommen.
Warum Wiederholungsaufträge über die Graphen-Industrie entscheiden
Graphen hat die Phase der reinen Machbarkeitsstudien in vielen Anwendungen hinter sich. Zahlreiche Tests zeigen, dass das Material Beton verstärken, Beschichtungen widerstandsfähiger machen, Kunststoffe leitfähiger gestalten und Verbundwerkstoffe leichter oder belastbarer machen kann.
Die nächste Hürde ist härter. Industrieunternehmen müssen aus erfolgreichen Tests standardisierte Produkte entwickeln, diese verkaufen und über Jahre zuverlässig fertigen.
HydroGraph baut dafür einen breiten Kundenstamm und modulare Kapazitäten auf. NanoXplore hat Graphen bereits tiefer in industrielle Lieferketten und eigene Verbundprodukte integriert. First Graphene versucht nun, einen erheblichen Teil seiner fortgeschrittenen Kundenprojekte über die letzte Schwelle zu bringen.
700 Chancen öffnen viele Türen. Über den kommerziellen Erfolg entscheiden jedoch jene Kunden, die nach dem ersten Auftrag einen zweiten erteilen.
Quellen:
https://firstgraphene.net/investors/executive-interviews/
https://firstgraphene.net/investors/investor-presentations/
https://hydrograph.com/investors/investors-overview/
https://www.marketscreener.com/news/nanoxplore-investor-presentation-february-2026-ce7e5ddbdf8bf226
https://nanoxplore.ca/
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ISIN: AU000000FGR3
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