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35,5% Wirkungsgrad auf der einen Seite, bis zu 80% niedrigere Produktionskosten auf der anderen: Im Rennen um die nächste Generation der Solarzelle zeigen zwei Zahlen, wie unterschiedlich die Industrie an dasselbe Problem herangeht.
LONGi Green Energy Technology (ISIN: CNE100001XXX) jagt neuen Effizienzrekorden hinterher. Der chinesische Solarkonzern erreichte im Juli 2026 bei einer kristallinen Silizium-Perowskit-Tandemzelle einen von der European Solar Test Installation zertifizierten Wirkungsgrad von 35,5%. In Australien verfolgt First Graphene gemeinsam mit Halocell einen anderen Ansatz. Dort soll funktionalisiertes Graphen Perowskit-Zellen nicht nur leistungsfähiger machen, sondern vor allem ihre Fertigung verbilligen.
Damit entscheidet sich der Wettlauf womöglich nicht allein im Labor. Die spannendere Frage lautet: Welche Technologie lässt sich in Millionen Stück zu konkurrenzfähigen Kosten produzieren?
35,5% verschieben eine physikalische Grenze
Klassische Silizium-Solarzellen stoßen irgendwann an ein fundamentales Problem. Ein Teil des Sonnenlichts besitzt zu wenig Energie, ein anderer Teil liefert mehr Energie, als die Zelle verwerten kann. Diese Verluste begrenzen den theoretischen Wirkungsgrad einer einzelnen Siliziumzelle.
Tandemzellen umgehen einen Teil dieses Problems, indem sie unterschiedliche Materialien übereinanderlegen. Die Perowskit-Schicht nutzt andere Bereiche des Sonnenspektrums als das darunterliegende Silizium. Mehr Licht kann dadurch in elektrische Energie umgewandelt werden.
LONGi zeigt, wie weit diese Entwicklung inzwischen fortgeschritten ist. Nachdem der Konzern 2023 noch 33,9% und 2024 34,6% erreicht hatte, folgte im Juli 2026 der Sprung auf 35,5%. Noch interessanter für die Industrialisierung: Auf Zellflächen von 261 beziehungsweise 274 Quadratzentimetern meldet LONGi 34,3 und 32,2%. Tandemmodule erreichten ebenfalls bereits 31,4 beziehungsweise 29,4%.
Der Rekord wandert damit Schritt für Schritt vom kleinen Laboraufbau in Richtung größerer Formate.
LONGi jagt nicht einfach nur einen Laborrekord
LONGi gehört zu den größten Photovoltaikherstellern der Welt und kann neue Zelltechnologien in eine bestehende industrielle Infrastruktur überführen. 2025 verschiffte das Unternehmen nach eigenen Angaben 86,58 GW an Solarmodulen und 111,56 GW an monokristallinen Siliziumwafern.
Für Perowskit ist diese Größenordnung entscheidend. Ein Rekordwirkungsgrad besitzt nur begrenzten kommerziellen Wert, wenn die Zelle kompliziert herzustellen ist, schnell degradiert oder sich auf großen Flächen nicht reproduzieren lässt.
LONGi arbeitet deshalb parallel an Zellen und Modulen. Der Konzern beschreibt seine Entwicklung als gestuftes System: Eine Technologiegeneration befindet sich in der Massenproduktion, die nächste in Entwicklung und eine weitere bereits in der Reserve. Die 35,5% sind somit nicht als fertiges Massenprodukt zu verstehen. Sie markieren vielmehr, wie viel Leistung die nächste Solararchitektur grundsätzlich erreichen kann.
Warum Sekisui 100 Milliarden Yen auf die industrielle Fertigung setzt
Sekisui Chemical (ISIN: JP3419400001) nähert sich Perowskit von der anderen Seite. Der japanische Chemiekonzern entwickelt flexible Film-Solarzellen, die über Rolle-zu-Rolle-Verfahren hergestellt werden sollen.
Die Dimension des Projekts ist bemerkenswert. Im neuen mittelfristigen Investitionsplan will Sekisui Chemical 100 Mrd. Yen in das Geschäft mit filmartigen Perowskit-Solarzellen investieren. Für eine vollständig ausgebaute Kapazität von 1 GW peilt das Unternehmen langfristig Umsätze in einer Größenordnung von 100 Mrd. Yen an. Im Geschäftsjahr 2028 sollen die Erlöse zunächst über 25 Mrd. Yen liegen.
Sekisui zeigt damit, wo die eigentliche Herausforderung liegt. Die Solarzelle muss nicht nur effizient sein. Sie muss sich hunderte Meter lang auf Film herstellen lassen, Feuchtigkeit und Hitze überstehen und bei hoher Produktionsgeschwindigkeit eine gleichbleibende Qualität liefern. Genau diese Skalierungsfrage führt zu First Graphene.
Warum 80% niedrigere Kosten plötzlich wichtiger als der nächste Rekord sein könnten
First Graphene (ISIN: AU000000FGR3) arbeitet gemeinsam mit Halocell Energy und der Queensland University of Technology an graphenverstärkten Perowskit-Solarzellen. Das Projekt verfolgt nicht primär den Weltrekord bei voller Sonneneinstrahlung. Halocell konzentriert sich unter anderem auf dünne, flexible Zellen für Innenräume und schwaches beziehungsweise künstliches Licht.
Nach Angaben der Projektpartner stieg der Wirkungsgrad einer Halocell-Perowskit-Zelle durch funktionalisiertes Graphen auf 30,6%. Gleichzeitig sollen die Produktionskosten um bis zu 80% sinken.
Beide Werte stammen aus den Entwicklungsdaten der Partner und sind nicht direkt mit LONGis zertifiziertem 35,5%-Rekord vergleichbar. Zellarchitektur, Einsatzgebiet und Messbedingungen unterscheiden sich. Interessant ist deshalb weniger ein vermeintliches Rennen 35,5 gegen 30,6%, sondern die industrielle Idee dahinter.
Graphen ermöglicht eine leitfähige Kohlenstoffpaste, die sich im Rolle-zu-Rolle-Verfahren verarbeiten lässt. Teure Leiter wie Gold und Silber sollen dadurch teilweise ersetzt werden. Aus einem Hochleistungsmaterial wird damit ein Werkzeug, um die Zellarchitektur günstiger produzierbar zu machen.
60 Millionen Zellen: Die eigentliche Bewährungsprobe
Halocell verkauft bereits Perowskit-Zellen für Anwendungen bei schwachem Licht. Gleichzeitig hat das Unternehmen 44 weitere Gerätekategorien identifiziert, darunter Sensoren, IoT-Geräte, Luftfahrtanwendungen und Satellitentechnik.
Noch viel größer ist das langfristige Produktionsziel. Halocell plant eine modulare Erweiterung seiner Rolle-zu-Rolle-Fertigung und nennt als mögliche Endkapazität bis zu 60 Millionen Solarzellen pro Jahr. Das ist keine bestehende Kapazität, sondern ein Ausbauziel, für das zusätzliches Kapital benötigt wird.
Für First Graphene entsteht daraus eine interessante Position. Ende 2025 vereinbarten First Graphene und Halocell eine zunächst zwölfmonatige exklusive Lizenz für Herstellung, Vermarktung und Vertrieb der gemeinsam entwickelten graphenbasierten Kohlenstoffpaste. Halocell darf sie gleichzeitig für seine eigenen kommerziellen Perowskit-Zellen verwenden.
First Graphene wäre bei erfolgreicher Skalierung damit nicht der Solarzellenhersteller. Das Unternehmen würde ein funktionales Material liefern, das in der Produktionsarchitektur steckt.
Der Solar-Wettlauf wird jetzt an zwei Fronten geführt
LONGi zeigt, was Perowskit technologisch leisten kann. Sekisui Chemical investiert Milliardenbeträge in die Frage, wie sich flexible Zellen industriell fertigen lassen. Halocell und First Graphene versuchen wiederum, kostspielige Materialien aus der Zelle zu entfernen und Rolle-zu-Rolle-Verfahren wirtschaftlich attraktiver zu machen.
Keine dieser Strategien hat das Rennen bereits gewonnen. Perowskit muss weiterhin Haltbarkeit, reproduzierbare Massenfertigung und wettbewerbsfähige Lebenszykluskosten beweisen.
Genau deshalb sind die Zahlen 35,5% und 80% so interessant. Die erste zeigt, wie viel mehr Sonnenenergie neue Zellarchitekturen grundsätzlich nutzen können. Die zweite adressiert das Problem, an dem viele Hochleistungstechnologien scheitern: ihren Preis.
Der nächste Solar-Wettlauf dürfte deshalb nicht allein über den höchsten Wirkungsgrad entschieden werden. Er wird darüber entschieden, wer gute Zellen schnell, langlebig und millionenfach herstellen kann.
Quellen:
https://www.longi.com/en/news/crystalline-silicon-perovskite-tandem-solar-cell-new-world-efficiency-2026/
https://www.longi.com/en/news/fortune-500-china-2026/
https://www.sekisuichemical.com/ir/presentations/vision/1454940_38595.html
https://www.sekisuichemical.com/ir/presentations/event/1425675_39072.html
https://www.prnewswire.com/news-releases/graphene-enhanced-perovskite-solar-cells-improve-efficiency-and-reduce-production-costs-302547469.html
https://www.prnewswire.com/de/pressemitteilungen/fgr-secures-exclusive-global-graphene-carbon-paste-production-and-sale-rights-302626388.html
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