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Europas Fernwärmeversorgung verändert sich. Neben klassischen Heizwerken gewinnen industrielle Abwärme, Großwärmepumpen, Wärmespeicher und Geothermie an Bedeutung. Der finnische Energiekonzern Fortum (ISIN: FI0009007132) hat 2026 zwei neue Wärmeproduktionsstandorte in Betrieb genommen, in die insgesamt rund 225 Millionen Euro investiert wurden. Künftig sollen die Anlagen auch Abwärme aus Rechenzentren von Microsoft (ISIN: US5949181045) nutzen. Das Projekt zeigt, wie sich unterschiedliche lokale Wärmequellen in bestehende Fernwärmesysteme integrieren lassen.
Auch die EVN AG (ISIN: AT0000741053) arbeitet an einer breiteren technologischen Grundlage für ihre regionale Wärmeversorgung. Anfang September kündigte der niederösterreichische Energieversorger die nächste Untersuchungsphase seines Tiefengeothermieprogramms an. Langfristiges Ziel des Unternehmens ist es, bis 2035 zwei Tiefengeothermieanlagen zu errichten, die Wärme in bestehende Wärmenetze einspeisen sollen. Parallel erweitert die EVN ihre Infrastruktur für Biomasse, Abwärmenutzung und Wärmespeicherung.
Fortum erschließt neue Wärmequellen in Finnland
Ein Beispiel für die technische Weiterentwicklung der Fernwärme liefert Fortum. Anfang Mai meldete das Unternehmen den Produktionsstart an zwei neuen Wärmeproduktionsstandorten in Kolabacken und Hepokorpi im Großraum Helsinki.
Die Anlagen kombinieren industrielle Wärmepumpen, Elektrokessel und thermische Speicher. Zunächst wird unter anderem Umgebungsluft als Wärmequelle genutzt. In einer späteren Ausbaustufe soll zusätzlich die Abwärme zweier Microsoft-Rechenzentren eingebunden werden. Die entsprechende Wärmerückgewinnung ist nach Unternehmensangaben schrittweise ab 2027 vorgesehen und hängt vom Baufortschritt und der konkreten Inbetriebnahme der Rechenzentren ab. Die technischen Dimensionen verdeutlichen den Umfang des Vorhabens: Insgesamt umfassen die beiden Standorte 40 Luft-Wasser-Wärmepumpen und 72 Wasser-Wasser-Wärmepumpen. Letztere erreichen eine Wärmeleistung von bis zu 180 Megawatt. Hinzu kommen Elektrokessel mit insgesamt 200 Megawatt Leistung sowie thermische Speicherkapazitäten von 20.000 Kubikmetern beziehungsweise 800 Megawattstunden. Fortum beziffert die Investitionen in die beiden Wärmeproduktionsanlagen auf rund 225 Millionen Euro. Sobald die geplante Abwärmenutzung vollständig umgesetzt ist, könnten die Microsoft-Rechenzentren nach Unternehmensangaben etwa 40 Prozent des jährlichen Fernwärmebedarfs im betreffenden Versorgungsgebiet decken. Dieser liegt bei rund zwei Terawattstunden für etwa 250.000 Wärmenutzer.
Die vollständige Abwärmeeinspeisung ist damit ein zukünftiges Ausbauziel und nicht mit dem bereits erfolgten Produktionsstart der Wärmeanlagen gleichzusetzen.
EVN untersucht das Geothermiepotenzial im Wiener Becken
In Niederösterreich setzt die EVN bei ihrer längerfristigen Wärmeplanung unter anderem auf Tiefengeothermie. Am 6. September gab das Unternehmen die nächste Phase seines Forschungsprogramms "GeoWärme Niederösterreich" bekannt. Im Mittelpunkt stehen umfangreiche Untersuchungen des Untergrunds im südlichen Wiener Becken. Mithilfe sogenannter Vibrationsseismik sollen die geologischen Strukturen genauer erfasst werden. Spezielle Messfahrzeuge erzeugen dafür kontrollierte Schwingungen, die von entlang der Messstrecken platzierten Sensoren aufgezeichnet werden. Die geplante Messkampagne erstreckt sich über mehr als 60 Gemeinden. Nach den aktuellen Projektinformationen sollen die Untersuchungen zwischen November 2026 und Februar 2027 stattfinden. Die gewonnenen Daten dienen dazu, geeignete Standorte für die spätere Nutzung der Tiefengeothermie zu identifizieren. Das langfristige Ziel ist der Bau von zwei Geothermieanlagen im Industrieviertel bis 2035. Diese sollen Wärme aus dem Erdinneren erschließen und in bestehende Naturwärmenetze einspeisen.
Anders als Wind- und Sonnenenergie ist geothermische Wärme nicht von der aktuellen Wetterlage oder Tageszeit abhängig. Für Fernwärmesysteme kann sie deshalb eine zusätzliche, kontinuierlich verfügbare Wärmequelle darstellen. Ob und in welchem Umfang sich das unterirdische Potenzial an konkreten Standorten wirtschaftlich nutzen lässt, müssen allerdings erst die laufenden geologischen Untersuchungen und weitere Projektschritte zeigen.
Biomasse und Abwärme bilden bereits eine wesentliche Grundlage
Während sich die Tiefengeothermie noch in der Untersuchungsphase befindet, nutzt die EVN in Niederösterreich bereits verschiedene regionale Wärmequellen. Nach Unternehmensangaben stammen etwa zwei Drittel der gelieferten kommunalen Fernwärme aus Biomasse. Insgesamt liegt der Anteil erneuerbarer Energie und Abwärme an der Wärmeversorgung nach Angaben der EVN bei über 80 Prozent. Ein konkretes Beispiel ist das im März 2026 in Betrieb genommene Biomasseheizkraftwerk in St. Pölten. Das Projekt ergänzt die bestehende Wärmeversorgung der Landeshauptstadt. Rund zwei Drittel des dortigen Wärmebedarfs werden bereits über eine Fernwärmetransportleitung aus der Abwärme der Müllverbrennungsanlage in Dürnrohr gedeckt. Das neue Biomasseheizkraftwerk entstand in Zusammenarbeit zwischen Industrie, Stadt und EVN auf dem Gelände der Salzer Gruppe. Es erweitert die regionalen Erzeugungskapazitäten und ergänzt die bestehende Abwärmenutzung. Ein weiteres Projekt ist das Biomasseheizwerk Spillern, das Anfang April seinen Betrieb aufgenommen hat. Die Anlage verfügt über einen Biomassekessel mit fünf Megawatt Leistung und nutzt regionales Waldhackgut. Das Gesamtinvestitionsvolumen beziffert die EVN auf rund acht Millionen Euro.
Die Projekte unterscheiden sich technologisch von der geplanten Tiefengeothermie, verfolgen jedoch denselben infrastrukturellen Ansatz: Die Wärmeversorgung wird durch zusätzliche regionale Erzeugungsquellen ergänzt.
Neue Wärmespeicher sollen den Gaseinsatz reduzieren
Neben der Erzeugung gewinnt die zeitliche Steuerung der Wärmeversorgung an Bedeutung. Im Juli nahm die EVN in Wiener Neudorf zwei neue Pufferspeicher im Wärmenetz Thermenregion in Betrieb. Jeder Speicher fasst 250 Kubikmeter Fernwärmewasser. Gemeinsam ermöglichen sie es, Wärme aus dem Netz zwischenzuspeichern und bei erhöhtem Bedarf wieder bereitzustellen. Die EVN investierte rund 1,5 Millionen Euro in die beiden Anlagen. Die Speicher dienen insbesondere dazu, kurzfristige Lastspitzen abzufedern. Dadurch soll der Bedarf an zusätzlichen gasbetriebenen Spitzenlastkesseln reduziert werden. Wärmespeicher übernehmen somit eine andere Funktion als neue Heizwerke oder Geothermieanlagen. Sie erschließen keine zusätzliche Energiequelle, können aber die zeitliche Nutzung bereits erzeugter Wärme verbessern. Das ermöglicht einen flexibleren Betrieb der vorhandenen Erzeugungsanlagen. Auch die Verbindung bislang getrennter Wärmenetze spielt eine Rolle. Im Naturwärmenetz Thermenregion arbeitet die EVN an der Einbindung weiterer Versorgungsgebiete. Durch größere zusammenhängende Netze können unterschiedliche regionale Wärmequellen künftig breiter genutzt werden.
Die Wärmeversorgung wird technologisch vielfältiger
Die Projekte von Fortum und EVN zeigen unterschiedliche Wege zur Weiterentwicklung europäischer Fernwärmesysteme. Fortum elektrifiziert Teile seiner Wärmeerzeugung und bereitet die großflächige Nutzung von Rechenzentrumsabwärme vor. Die EVN verfolgt in Niederösterreich einen schrittweisen Ausbau ihrer Wärmeinfrastruktur. Bereits verfügbare Biomasse- und Abwärmekapazitäten werden durch zusätzliche Erzeugungsanlagen und Wärmespeicher ergänzt. Mit dem Forschungsprogramm zur Tiefengeothermie untersucht das Unternehmen zugleich eine weitere mögliche Wärmequelle für die Zeit nach 2030.
Für die EVN AG (ISIN: AT0000741053) umfasst die weitere Entwicklung damit sowohl die Modernisierung bestehender Wärmenetze als auch die Untersuchung zusätzlicher regionaler Wärmequellen, die künftig in die vorhandene Versorgungsinfrastruktur eingebunden werden können.
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Quellen:
Fortum - Fortum has started heat production at two large data centre sites in Finland, 06.05.2026
https://www.fortum.com/media/2026/05/fortum-has-started-heat-production-two-large-data-centre-sites-finland
Fortum - Interim Report January-March 2026
https://www.fortum.com/files/fortum-january-march-2026-interim-report
EVN - EVN startet nächste Phase der Tiefen-Geothermie, 06.09.2026
https://www.evn.at/home/presse/evn-startet-nachste-phase-der-tiefen-geothermie
EVN - Aktuelles zum Geothermieprojekt: Die nächsten Schritte
https://www.evn.at/home/waerme/geothermie-niederoesterreich/aktuelle-informationen
EVN - EVN und Universität Wien erforschen Tiefen-Geothermie, 02.04.2026
https://www.evn.at/home/presse/evn-und-universitat-wien-erforschen-tiefen-geothermie
EVN - Inbetriebnahme Biomasseheizkraftwerk St. Pölten, 27.03.2026
https://www.evn.at/home/presse/inbetriebnahme-biomasseheizkraftwerk-st-polten
EVN - Sichere Wärmeversorgung für Spillern, 02.04.2026
https://www.evn.at/home/presse/sichere-warmeversorgung-fur-spillern
EVN - Zwei neue Fernwärmespeicher stärken Versorgungssicherheit im Naturwärmenetz Thermenregion, 05.07.2026
https://www.evn.at/home/presse/zwei-neue-fernwarmespeicher
EVN - EVN Wärme: Verlässliche Wärmeversorgung, Unternehmensinformation
https://www.evn.at/home/waerme
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