Die österreichische Wirtschaft stagnierte im I. Quartal 2010 sowohl gegenüber dem IV. Quartal 2009 (-0,1%) als auch gegenüber dem Vorjahr (+0,2%). Impulse kamen vom Export nach Deutschland und damit indirekt von der starken Expansion der Wirtschaft in Asien und des Welthandels. Die heimische Konsumnachfrage wächst stetig, allerdings mäßig. Die Investitionen sind weiterhin rückläufig, eine selbsttragende Investitionskonjunktur ist bislang nicht in Gang gekommen. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt verbessert sich kontinuierlich. Wegen der Rohstoffverteuerung steigen die Preise auf Verbraucherebene.
In Asien wächst die gesamtwirtschaftliche Nachfrage kräftig. Dies geht vor allem auf die anhaltende Wirkung der expansiven Konjunkturpolitik in China und ein stabiles Finanz- und Bankensystem zurück. Die Warenimporte der asiatischen Schwellenländer stiegen im I. Quartal 2010 gegenüber dem Vorquartal um 10%; sie lagen damit um 50% über dem Tiefstand von Ende 2008 und bereits um fast 15% über dem Niveau vor der weltweiten Wirtschaftskrise. Damit bildet Asien den wichtigsten Motor für den Aufschwung des Welthandels, der im I. Quartal 2010 gegenüber dem Vorquartal um 5% zunahm, damit aber noch etwas unter dem Vorkrisenniveau blieb.
Von der Erholung der Weltkonjunktur profitieren auch die Industrieländer merklich: In Japan lag das BIP laut erster Rechnung trotz Deflation und schwacher Binnennachfrage im I. Quartal 2010 um gut 4% über dem Niveau des Vorjahres. In den USA trägt der Export zusammen mit kräftigen Ausrüstungsinvestitionen und - angesichts der schlechten Lage auf dem Arbeitsmarkt - überraschend robuster Konsumnachfrage der privaten Haushalte die Konjunktur (BIP I. Quartal +2,5% gegenüber dem Vorjahr). Im Euro-Raum profitiert die Wirtschaft nicht nur vom weltweiten Anziehen der Nachfrage, sondern (mit Verzögerung) auch vom Wertverlust des Euro gegenüber dem Dollar und dem japanischen Yen. Der Export lag im I. Quartal um 6% über dem Niveau des Vorjahres. Jedoch bremst die Schwäche der Binnennachfrage die Konjunkturbelebung erheblich: Die Konsumausgaben der privaten Haushalte stagnieren, die Bruttoanlageinvestitionen gehen anhaltend zurück (I. Quartal -5% gegenüber dem Vorjahr). Das BIP war sowohl im Euro-Raum als auch in der EU 27 im I. Quartal um nur 0,2% höher als im Quartal zuvor (+0,6% bzw. +0,5% gegenüber dem Vorjahr) Die Krise ist nicht überwunden: Darauf weisen die hohe Instabilität der Finanzmärkte, die Labilität des Bankensystems und die zunehmend nachfragedämpfende Wirkung der Maßnahmen zur Budgetkonsolidierung in einzelnen Ländern hin.
Übersicht 1: Ergebnisse der vierteljährlichen Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung - auf der WIFO-Website (http://www.wifo.ac.at/wwa/jsp/index.jsp?&fid=12)
Auch die österreichische Exportwirtschaft zieht Nutzen aus dem Boom in Asien und der Erholung des Welthandels, vor allem indirekt über eine Ausweitung der Lieferungen an die weltmarktorientierte deutsche Wirtschaft (Jänner bis März nominell +8% gegenüber dem Vorjahr). Andere wichtige Handelspartner wie Italien und einige ostmitteleuropäische Länder haben die Rezession nicht überwunden, entsprechend schleppend entwickelt sich die Warenausfuhr dorthin. Insgesamt erhöhte sich der österreichische Export im I. Quartal gegenüber der Vorperiode leicht (+0,3%), er überstieg das Niveau des Vorjahres um +1,9%. Sehr uneinheitliche Konjunktursignale gehen von der Sachgütererzeugung aus: Die Wertschöpfung verringerte sich im I. Quartal gegenüber dem Vorquartal (-1,2%) und entsprach damit dem Vorjahreswert; der Produktionsindex lag um etwa ein Fünftel unter dem Niveau vor der Krise. Hingegen zeigt der WIFO-Konjunkturtest eine anhaltende und merkliche Verbesserung der Unternehmerstimmung in der Industrie. Die Produktionserwartungen stiegen auch im Frühjahr weiter (Saldo aus positiven und negativen Meldungen im Mai +13 Prozentpunkte), die Auftragslage aus dem Ausland weist aufwärts, und die Geschäftslage in den nächsten sechs Monaten wird optimistisch beurteilt.
Abbildung 1: Entwicklung des realen Bruttoinlandsproduktes - auf der WIFO-Website (http://www.wifo.ac.at/wwa/jsp/index.jsp?&fid=12)
Die leichte Erholung des Exports schlägt sich bislang nicht in einer Ausweitung der Investitionen nieder. Die Ausrüstungsinvestitionen sanken im I. Quartal 2010 um 2,4% gegenüber dem Vorquartal - der achte Rückgang in Folge (-12,3% gegenüber dem Vorjahr), zurückzuführen auf die anhaltend niedrige Kapazitätsauslastung. Sie lag in der Industrie im II. Quartal mit 79% zwar merklich über dem Tiefstand vom Frühjahr 2009, aber noch unter dem langjährigen Durchschnitt und deutlich niedriger als in der Hochkonjunktur. Damit ist bislang kein selbsttragender Konjunkturaufschwung in Gang gekommen.
Die auch während der Rezession stetig steigende Tendenz der Konsumnachfrage der privaten Haushalte hält an: Im I. Quartal erhöhte sich der private Konsum gegenüber dem Vorquartal um 1/4% (aufgrund von Sondereffekten +2,5% gegenüber dem Vorjahr). Die Veränderungsrate gegenüber dem Vorquartal war damit zwar nur etwa halb so hoch wie im Durchschnitt der letzten Jahrzehnte, doch deutlich höher als im Durchschnitt des Euro-Raumes (-0,1%) oder in Deutschland (-0,8%). Das Anziehen der Teuerung, das primär eine Folge des Rohölpreisanstiegs auf dem Weltmarkt und nicht konjunkturbedingt ist, schränkt die verfügbaren Realeinkommen zunehmend ein. Im April betrug die Inflationsrate 2%, zur Hälfte bedingt durch die Verteuerung von Mineralölprodukten. Sie war damit etwas höher als der Anstieg der Bruttotariflöhne der Beschäftigten (+1,7%).
Die Lage auf dem Arbeitsmarkt hat sich verbessert. Im Mai überstieg die Zahl der Arbeitslosen (einschließlich Personen in Schulungen) mit 305.000 das Niveau des Vorjahres nur noch leicht. Die Zahl der unselbständig aktiv Beschäftigten übertraf das Vorjahresniveau bereits um 26.000. In saisonbereinigter Rechnung lag die Zahl der gemeldeten Arbeitslosen (ohne Schulungen) im Mai um 12.000 unter dem Höchststand vom September 2009, allerdings um 48.000 über dem Tiefstand vom März 2008 (zudem waren zuletzt um 22.000 Arbeitslose mehr in Schulungen als im Frühjahr 2008).
Insgesamt hat sich die Konjunktur nach dem tiefen Einbruch von Mitte 2008 bis Mitte 2009 zwar stabilisiert, doch die Erholung hat noch nicht Tritt gefasst. Nach zwei Quartalen mäßigen Anstiegs (III. Quartal 2009 real +0,7% gegenüber dem Vorquartal, IV. Quartal +0,3%) stagnierte das BIP im I. Quartal 2010 und überschritt damit das Niveau des Vorjahres kaum (+0,2%). Frühindikatoren wie die Auftragseingänge und die Produktionserwartungen in der Industrie lassen für das II. Quartal einen kräftigeren Zuwachs erwarten, doch ein Aufschwung der Investitionstätigkeit zeichnet sich nicht ab.
Zwtl.: Methodische Hinweise und Kurzglossar
Periodenvergleiche
Zeitreihenvergleiche gegenüber der Vorperiode, z. B. dem Vorquartal, werden um jahreszeitlich bedingte Effekte bereinigt. Dies schließt auch die Effekte ein, die durch eine unterschiedliche Zahl von Arbeitstagen in der Periode ausgelöst werden (etwa Ostern). Im Text wird von "saison- und arbeitstägig bereinigten Veränderungen" gesprochen.
Die Formulierung "veränderte sich gegenüber dem Vorjahr . . ." beschreibt hingegen eine Veränderung gegenüber der gleichen Periode des Vorjahres und bezieht sich auf unbereinigte Zeitreihen.
Die Analyse der saison- und arbeitstägig bereinigten Entwicklung liefert genauere Informationen über den aktuellen Konjunkturverlauf und zeigt Wendepunkte früher an. Die Daten unterliegen allerdings zusätzlichen Revisionen, da die Saisonbereinigung auf statistischen Methoden beruht.
Reale und nominelle Größen
Die ausgewiesenen Werte sind grundsätzlich real, also um Preiseffekte bereinigt, zu verstehen. Werden Werte nominell ausgewiesen (z. B. Außenhandelsstatistik), so wird dies eigens angeführt.
Inflation, VPI und HVPI
Die Inflationsrate misst die Veränderung der Verbraucherpreise gegenüber dem Vorjahr. Der Verbraucherpreisindex (VPI) ist ein Maßstab für die nationale Inflation. Der Harmonisierte Verbraucherpreisindex (HVPI) ist die Grundlage für die vergleichbare Messung der Inflation in der EU und für die Bewertung der Preisstabilität innerhalb der Euro-Zone (siehe auch http://www.statistik.at/).
WIFO-Konjunkturtest und WIFO-Investitionstest
Der WIFO-Konjunkturtest ist eine monatliche Befragung von rund 1.100 österreichischen Unternehmen zur Einschätzung ihrer aktuellen und künftigen wirtschaftlichen Lage. Der WIFO-Investitionstest ist eine halbjährliche Befragung von Unternehmen zu ihrer Investitionstätigkeit (http://www.itkt.at/). Die Indikatoren sind Salden zwischen dem Anteil der positiven und jenem der negativen Meldungen an der Gesamtzahl der befragten Unternehmen.
Arbeitslosenquote
Österreichische Definition: Anteil der zur Arbeitsvermittlung registrierten Personen am Arbeitskräfteangebot der Unselbständigen. Das Arbeitskräfteangebot ist die Summe aus Arbeitslosenbestand und unselbständig Beschäftigten (gemessen in Standardbeschäftigungsverhältnissen). Datenbasis: Registrierungen bei AMS und Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger.
Definition gemäß ILO und Eurostat: Als arbeitslos gelten Personen, die nicht erwerbstätig sind und aktiv einen Arbeitsplatz suchen. Als erwerbstätig zählt, wer in der Referenzwoche mindestens 1 Stunde selbständig oder unselbständig gearbeitet hat. Personen, die Kinderbetreuungsgeld beziehen, und Lehrlinge zählen zu den Erwerbstätigen, nicht hingegen Präsenz- und Zivildiener. Die Arbeitslosenquote ist der Anteil der Arbeitslosen an allen Erwerbspersonen (Arbeitslose plus Erwerbstätige). Datenbasis: Umfragedaten von privaten Haushalten (Mikrozensus).
Begriffe im Zusammenhang mit der österreichischen Definition der Arbeitslosenquote
Personen in Schulungen: Personen, die sich zum Stichtag in AMS-Schulungsmaßnahmen befinden. Für die Berechnung der Arbeitslosenquote wird ihre Zahl weder im Nenner noch im Zähler berücksichtigt.
Unselbständig aktiv Beschäftigte: Zu den "unselbständig Beschäftigten" zählen auch Personen, die Kinderbetreuungsgeld beziehen, sowie Präsenz- und Zivildiener mit aufrechtem Beschäftigungsverhältnis. Zieht man deren Zahl ab, so erhält man die Zahl der "unselbständig aktiv Beschäftigten".
Rückfragehinweis: Mag. Dr. Markus Marterbauer Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung - WIFO Tel. +43 1 798 26 01-303 * Fax. +43 1 798 93 86 mailto:Markus.Marterbauer@wifo.ac.at
Digitale Pressemappe: http://www.ots.at/pressemappe/235/aom
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OTS0028 2010-06-10/09:00
AXC0054 2010-06-10/09:08
