Das Auslaufen von Patenten für lukrative Medikamente und neue Regeln für Arzneimittelpreise in Deutschland stellen die Pharmabranche im neuen Jahr vor große Herausforderungen. Anders als bisher dürfen die Hersteller patentgeschützter Medikamente von den gesetzlichen Krankenkassen nicht mehr den Preis verlangen, den sie für richtig halten. Sie müssen ihre Produkte einer Nutzenprüfung unterwerfen. Von deren Ausgang hängt es ab, ob die Kassen dafür überhaupt zahlen und wie hoch der Preis sein darf. Was nicht in höherem Maße nutzt, darf nicht mehr kosten als vergleichbare Medikamente. Zusatznutzen oder nicht? Darüber entscheidet der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA). Sein Votum hat gravierende Auswirkungen für die Branche, denn es schlägt sich in den Bilanzen der Konzerne nieder.
Deutschland ist mit einem Umsatz von rund 32 Milliarden Euro der größte Pharmamarkt in Europa, und der Preis hierzulande wird in anderen Ländern Europas als Referenzpreis genommen. Durch die Regelung werden die Preise für neue Medikamente in Deutschland deutlich sinken, erwartet Fondsmanager Markus Manns von Union Investment, der Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken.
"Wenn wir für unser neues Diabetesmittel Trajenta nur zehn Prozent mehr bekommen als für ein Nachahmermittel, dann sind nicht einmal die Herstellungs-, geschweige denn die Forschungs- und Entwicklungskosten gedeckt", sagte jüngst Wolfram Carius, Mitglied der Firmenleitung von Boehringer Ingelheim und Vorstandsmitglied des Pharmaverbandes vfa. Deutschlands zweitgrößter Arzneimittelhersteller verzichtet bisher darauf, Trajenta in Deutschland auf den Markt zu bringen. Erst soll die Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschuss der Kassen, Ärzte und Krankenhäuser (GBA) erfolgen.
In Deutschland haben Patienten damit erstmals keinen Zugang zu Medikamenten, die von der europäischen Arzneimittelbehörde bereits zugelassen wurden. Anfang 2012 dürfte sich auch der Schweizer Pharmakonzern Roche entscheiden, ob er Zelboraf, sein neues Medikament gegen den schwarzen Hautkrebs, trotz der neuen Preisregel auf den deutschen Markt bringt. Denn im Januar oder Februar wird in Europa mit der Zulassung für das Präparat gerechnet.
Wolf-Dieter Ludwig, Chef der Arzneimittelkommission, und Rainer Hess, Leiter des GBA, erwarten, dass die Branche durch die Preisregelung stärker unter Druck gerät, nützliche Mittel zu entwickeln. Daniel Koller, Fondsexperte und Leiter des Management Teams bei BB Biotech, meint: "Durch das neue Arzneimittelgesetz werden die Konzerne stärker als bisher mit den Zulassungsbehörden diskutieren müssen, wo der Zusatznutzen ihrer neuen Produkte liegt."
Neben den Gesundheitsreformen in den USA und Europa belasten auch bis 2015 auslaufende Patente von Kassenschlagern wie dem Blutdrucksenker Diovan von Novartis, dem Blutverdünner Plavix der Pharmakonzerne Sanofi und Bristol-Myers oder auch dem Asthmamittel Singulair des zweitgrößten britischen Pharmakonzerns AstraZeneca. Der weltgrößte Pharmakonzern Pfizer hat bereits Ende November sein Patent für den Blutfettsenker Lipitor verloren, das mit jährlich mehr als 10 Milliarden Dollar umsatzstärkste Medikament der letzten Dekade.
Um in Zukunft Wachstum und hohe Gewinne zu erzielen, werden sich die Pharmakonzerne breiter aufstellen und ihr Engagement in Schwellenländern verstärken. China habe bei allen Pharmakonzernen hohe Priorität, sagt Manns. "Es wird noch zehn bis 15 Jahre dauern, bis von einem chinesischen Unternehmen innovative Medikamente auf den Markt kommen." Dies sei ein Grund, warum westliche Arzneimittel in diesem Land so erfolgreich seien. Laut Branchendienst IMS Health könnte der weltweite Pharmamarkt bis 2015 von derzeit 856 Milliarden Dollar auf mehr als eine Billion Dollar wachsen.
Trotz aller Herausforderungen sieht Manns die Branche deutlich positiver und besser positioniert als vor ein oder zwei Jahren: "Wir reden plötzlich wieder über einen guten Nachschub an neuen Medikamenten - einige mit einem Spitzenumsatzpotenzial von bis zu drei Milliarden Dollar. Zudem hat die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA 2011 wieder mehr Medikamente als im Vorjahr zugelassen - auch umstrittene wie den Gerinnungshemmer Xarelto von Bayer oder den Blutverdünner Brilinta von AstraZeneca." /ep/zb
---Von Elke Pfeifer, dpa-AFX---
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