Vom Herbert Rude DOW JONES NEWSWIRES
FRANKFURT (Dow Jones)--Die Angst vor einem Zerbrechen der Euro-Zone lässt die Gewinne aus der Frühjahrs-Rally schmelzen. Sieben Prozent sind im DAX noch übrig von dem stärksten Jahresstart seit Jahrzehnten, der den Anlegern ein fettes Plus von mehr als 20 Prozent beschert hatte. Der Euro notiert bereits wieder am Jahrestief vom 13. Januar. Am Rententerminmarkt profitiert der Bund-Future mit immer neuen Höchstständen von seiner Funktion als Fluchtburg für all jene Anleger, die Kapital bei den heimischen Banken in Griechenland oder Spanien abziehen.
Weniger dramatisch stellt sich die Lage allerdings bei einem Blick auf die längerfristige Kursentwicklung dar. Der DAX ist seit September von 4.965 auf knapp 7.200 Punkte gestiegen und dann auf 6.230 Punkte zurückgefallen, eine ganz normale Korrektur der immensen Rally-Gewinne. Nach fast 50 Prozent Gewinnplus sind solche Korrekturen nicht ungewöhnlich. Sie brauchen üblicherweise Zeit und zermürben die Anleger, ehe sie in neue Aufwärtswellen münden. Im DAX und auch im Euro-Stoxx-50 machen die Korrekturen bereits einen weit fortgeschrittenen Eindruck. Trotzdem gibt es einige Fragezeichen, ob die Märkte schon bald zu einer Sommer-Rally ansetzen.
Das erste Fragezeichen kommt aus den USA. Der Dow hat sein Jahreshoch nicht wie der DAX schon Mitte März markiert, sondern erst Anfang Mai. Da aber Korrekturen wie erwähnt Zeit brauchen, könnte eine solche in den USA erst begonnen haben und noch einige Wochen dauern. Auf schnellen Rückenwind aus den USA sollten Anleger also erst einmal nicht hoffen.
Das zweite Fragezeichen kommt aus der Peripherie. Der IBEX hat das 2009er Tief nun unterschritten. Damit ist im spanischen Index Baisse angesagt. Angesichts der Rezession in Spanien ist der tiefe Fall der Kurse zwar nicht überraschend, der DAX mit der guten deutschen Konjunktur sollte normalerweise davon nicht stärker belastet werden. Das Problem ist aber, dass mit der spanischen Misere die Euro-Zone als Ganzes auf den Prüfstand gestellt wird. Entscheiden wird sich das Schicksal der Märkte damit wohl an den Bond-Renditen. Da Euro-Bonds aus deutscher Sicht glücklicherweise in weite Ferne gerückt sind, kann nur die Europäische Zentralbank mit Käufen spanischer Anleihen die Situation entspannen.
Die Chancen dafür sind gut. Denn die EZB wird kaum den Fall der Euro-Zone ins Chaos riskieren. Sollten die Bond-Renditen nun deutlicher fallen, hat der DAX wohl eine starke Woche vor sich. Eine Zwischenerholung ist nach dem Rückschlag fast überfällig und kann sehr dynamisch werden. Für eine endgültige Weichenstellung nach oben ist es aber vermutlich noch zu früh, da müssen wohl die US-Börsen mitspielen. Die US-Notenbank tagt am 20. Juni. Vielleicht werden dann die Weichen für eine weitere Runde der geldpolitischen Lockerung gestellt. Darauf schließen lassen schwache Konjunkturindikatoren wie der Philly-Fed-Index. Noch näher an den Wahlkampf-Termin heranrücken wird die US-Notenbank wohl nicht. Eine Weichenstellung in Richtung weitere geldpolitische Lockerung würde voraussichtlich auch den Dollar drücken und damit den Euro stützen. Die Rohstoffpreise würden anziehen, und damit dürften sich auch die deflationären Tendenzen auflösen.
In der kommenden Woche entscheidet die RAG-Stiftung über den Börsengang des Chemie-Unternehmens Evonik AG. Mit der anziehenden Volatilität hat sich das Umfeld für Börsengänge zuletzt wieder eingetrübt, trotz der Facebook-Manie. Hohe Kursschwankungen sind bekanntlich Gift für die Börsengänge mit ihren festen Preisspannen, da Anleger Konkurrenz-Aktien zu Abstauberpreisen kaufen können. Andererseits zeichnen sich die exportorientierten Chemietitel genauso wie der deutsche Maschinen- oder Automobilbau durch enorme Relative Stärke aus. Solange die Konjunktur in Asien und Amerika nicht auf nachhaltige Talfahrt geht, bleiben diese Aktien auch weiterhin erste Wahl.
Die Staats- und Regierungschefs der Euro-Zone sprechen in der kommenden Woche über einen Wachstumspakt. Vielleicht beruhigen sie damit die Wähler linksorientierter Parteien etwas, den Euro werden sie aber so nicht retten können. Keynesianische Programme helfen bei extrem hohen Verschuldungsquoten nur wenig. Die Möglichkeiten der Geldpolitik sind ebenfalls begrenzt, bestenfalls fällt die Staatsverschuldung etwas über die künstlich niedrigen Zinsen am langen Ende. Dauerhaft erhalten bleibt das politisch gewollte Währungskonstrukt wohl nur, wenn die notwendigen Strukturreformen in den Peripherie-Ländern umgesetzt und die Schulden abgebaut werden. Kurzfristig tut dieser Weg weh, langfristig verspricht er Heilung. Sonst droht ein Schrecken ohne Ende, da die Politik vor einem Ende mit Schrecken zurückschrecken wird.
-Von Herbert Rude, Dow Jones Newswires; +49 (0)69 29 725 217, herbert.rude@dowjones.com DJG/hru/flf
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May 18, 2012 05:35 ET (09:35 GMT)
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