Zu früh, zu spät, zu hart, zu milde, und auch noch zu teuer - Kritik an Ratingagenturen kommt von allen Seiten. Doch alle Maßnahmen, die die Macht von S&P, Moody's und Fitch brechen sollen, sind nur Aktionismus.
Wenn es darum geht, wer schuld an der Finanzkrise ist, dann werden zuerst die Banken genannt - und im zweiten Atemzug die Ratingagenturen. Anders als die Banken sind Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch glimpflich davon gekommen. Sie verdienen weiter kräftig, strengere Auflagen mussten sie – trotz aller Kritik – nicht befürchten. Bis jetzt. Doch nun geht es auch den Bonitätswächtern an den Kragen.
Noch nie haben die großen Ratingagenturen so viel Gegenwind zu spüren bekommen wie in diesen Tagen. Die Europäische Union würde unbequeme Ratings am liebsten ganz verbieten. Zudem sollen die Agenturen für fehlerhafte Ratings haften. Manager müssen sich vor Gericht verantworten. Und was die Ratingagenturen am meisten trifft: Auch diejenigen, die für die Ratings bezahlen, die Unternehmen, wenden sich ab. Sie klagen über Preistreiberei und überteuerte Ratings.
Die Kritik an den Agenturen kommt von allen Seiten. Daran sind die Angeklagten selbst nicht unschuldig. Sie vergaben jahrelang Bestnoten für Wertpapiere, in denen zum Beispiel faule US-Immobilienkredite verbrieft waren. Damit befeuerten sie den schwunghaften Handel mit entsprechenden Papieren. Den Zusammenbruch des Marktes wollten oder konnten die Ratingagenturen nicht vorhersehen. Anleger, darunter gerade auch deutsche Banken, fühlten sich in die Irre geführt. Experten sprachen von Versagen.
Das Problem: Nur drei große Ratingagenturen dominieren den Markt. Alle drei sind in den USA beheimatet. Und sie werden bezahlt von denjenigen, die sie bewerten sollen. Die Wissenschaftler Hanno Beck und Helmut Wienert von der Hochschule Pforzheim sprechen von einem "engen Oligopol mit hohen Gewinnspannen und schlechter Bewertungsleistung".
Haben die Ratingagenturen die Euro-Krise verschärft?
Ratings sind ein Milliardengeschäft: Der Mutterkonzern von Standard & Poor's, McGraw-Hill, wies in seinem Geschäftsbericht 2011 für die Ratingsparte einen Umsatz von 1,767 Milliarden Dollar aus. Der operative Gewinn bezifferte sich auf 719 Millionen Dollar. Das Ratingsegment von Moody's erzielte 2011 einen Umsatz von rund 1,6 Milliarden Dollar. Der Gesamtkonzern fuhr einen Erlös von 2,3 Milliarden Dollar ein und erwirtschaftete einen operativen Gewinn von 888 Millionen Dollar.
Besonders heftig fällt die Kritik an den Bonitätswächtern in Europa aus. "Ratingagenturen haben in der Vergangenheit schwere Fehler gemacht", sagte der französische EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier. In der Euro-Krise sollen die Bewerter nicht zu nachlässig, sondern im Gegenteil zu eifrig gewesen sein. Je schlechter die Einstufung der Kreditwürdigkeit durch eine Ratingagentur, desto schwieriger wird, sich am Markt Geld zu leihen. Das gilt für Unternehmen wie für Staaten.
Mit ihrem Stakkato an Herabstufungen von Schuldenstaaten sollen die Ratingagenturen die Krise erst recht angeheizt haben, zumal diese immer wieder kurz vor oder kurz nach Gipfeltreffen der europäischen Spitzenpolitiker für Störfeuer gesorgt hätten. Ein Zufall? Wer dahinter Absicht vermutet, unterstellt mangelnde Unabhängigkeit bis hin zu politischen Motiven.
"Die Ratingagenturen gehören zu den mächtigsten Organisationen dieser Erde. Sie entscheiden, wer auf dieser Welt Geld bekommt und zu welchem Preis", sagt Dirk Müller, ehemaliger Börsenhändler und Buchautor. "Wie naiv ist es, anzunehmen, dass Amerika dieses scharfe Schwert nicht für sich einsetzt? Schauen Sie sich an, wer bei S&P das Sagen hat. Sie werden eine sehr enge Verbindung zur Politik erkennen."
Einen letzten Beweis bleiben die Kritiker schuldig. Unisono weisen die Ratingagenturen jegliche Vorwürfe zurück. Es habe so viele EU-Gipfel gegeben, dagegen sei man vergleichsweise selten aktiv geworden, sagt ein Insider. Gleichwohl sei man sich im Nachhinein darüber im Klaren, dass ...
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