China, Brasilien, Russland und Indien waren lange Zeit die Shootingstars der Weltwirtschaft. Doch nun schwächeln die erfolgsverwöhnten Schwellenländer. Das hat auch Folgen für Deutschland.
Von Malte Fischer, Philipp Mattheis, Alexander Busch, Florian Willershausen und Jürgen Klöckner
Plötzlich ist sie wieder da, die südamerikanische Lebensfreude. Beim umjubelten Besuch von Papst Franziskus zeigten die Brasilianer in der vergangenen Woche, wie begeisterungsfähig sie sind. Für viele war der Besuch des Oberhaupts der katholischen Kirche ein willkommener Ausbruch aus dem tristen Alltag. Denn der ist seit geraumer Zeit von einer schwächelnden Wirtschaft, hoher Inflation, steigender Arbeitslosigkeit und lautstarken Protesten gegen kleptokratische Politiker geprägt.
Nicht nur in Brasilien, auch in China, Indien und Russland stehen die Zeichen auf Abschwung. Rund zehn Jahre nachdem die US-Bank Goldman Sachs aus den Anfangsbuchstaben von Brasilien, Russland, Indien und China das Kürzel BRIC bastelte und diesen Ländern eine glanzvolle Zukunft prophezeite, scheint der Traum vom ewigen Wachstum ausgeträumt. Der Weltwirtschaft und der exportorientierten deutschen Wirtschaft, die auf die Zugkraft der Schwellenländer setzen, stehen härtere Zeiten bevor.
Dabei hatten die BRIC-Staaten die hochgesteckten Erwartungen jahrelang durchaus erfüllt. Ihre Volkswirtschaften wuchsen teilweise mit zweistelligen Raten. Investoren, die ihr Geld dort anlegten, haben prächtig verdient - und mit ihnen die Fondsmanager der Banken.
Lag der BRIC-Anteil an der globalen Wirtschaftsleistung, um Kaufkraftunterschiede bereinigt, zu Beginn des Jahrtausends noch bei rund 16 Prozent, so sind es mittlerweile mehr als 26 Prozent. Das ist vor allem China zu verdanken. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt hat ihren Anteil an der globalen Wirtschaftsleistung seit dem Jahr 2000 von 7 auf knapp 16 Prozent erhöht. Wachstumsraten von über zehn Prozent fachten den Rohstoffhunger des Riesenreiches mächtig an. Das bescherte Brasilien und Russland, den Rohstofflieferanten unter den BRIC-Staaten, Exportrekorde und hohe Wachstumsraten. Auch die deutschen Unternehmen, die auf die Herstellung von Maschinen, Anlagen und Autos fokussiert sind, profitierten vom Superwachstum in China. Es half ihnen, die Durststrecke durch den Einbruch der Wirtschaft in Europa und den USA nach der Lehman-Pleite zu überwinden.
Nun aber droht das Wachstumswunder der BRIC zu Ende zu gehen. Chinas Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte im zweiten Quartal dieses Jahres nur noch um 7,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu. In Brasilien ist die Wirtschaft im vergangenen Jahr nur um 0,9 Prozent gewachsen, 2013 dürften es allenfalls 2,5 Prozent werden, schätzen die Ökonomen des Internationalen Währungsfonds (IWF). Das ist nur noch ein Drittel des Wachstumstempos aus dem Jahr 2010. Indiens Wachstum dürfte sich gegenüber 2010 halbieren, das Gleiche gilt für Russland. "Die länger andauernde Wachstumsverlangsamung in den Schwellenländern ist ein neues Risiko für die Weltwirtschaft", warnt der IWF.
Dass den großen Schwellenländern die Luft ausgeht, ist vor allem darauf zurückzuführen, dass "die Wachstumsmodelle, die die BRIC-Staaten in den vergangenen Jahren so erfolgreich gemacht haben, nicht mehr funktionieren", erklärt Joachim Fels, Chefökonom der US-Bank Morgan Stanley. In China gefährden die steigenden Lohnkosten und die Aufwertung der Währung die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie. Daher versucht die Regierung das bisherige export- und investitionsgetriebene Wachstumsmodell des Landes umzumodeln. Höherwertige Produkte, mehr Dienstleistungen und eine stärkere Binnennachfrage sollen Chinas Wirtschaft den Weg in die Zukunft weisen. Ob das planwirtschaftliche Experiment gelingt, steht in den Sternen. Paul de Grauwe, Ökonom an der London School of Economics, fürchtet, dass sich das Wachstum Chinas mittelfristig auf fünf Prozent abschwächt.
Für die anderen Schwellenländer wäre das eine Zäsur. Schon jetzt spüren Brasilien und Russland die schwächere Nachfrage aus Fernost. Verschärft wird ihre Misere durch den Verlust an Wettbewerbsfähigkeit - eine Folge der kräftigen Lohnsteigerungen in den vergangenen Jahren. Indiens Wirtschaft leidet noch immer unter einem Übermaß an Bürokratie und einem Mangel an Infrastruktur.
Druck der Finanzmärkte
Als wäre das nicht genug, geraten die BRIC-Länder nun auch noch unter den Druck der Finanzmärkte. Seit die US-Notenbank Fed andeutete, ihre Käufe von Staatsanleihen möglicherweise bald zu drosseln, sind die Renditen für US-Bonds in die Höhe geschossen. Investoren, die ihr Geld in den vergangenen Jahren in die Schwellenländer geleitet haben, holen dieses nun in die USA zurück. Die Verkaufswelle hat in den Schwellenländern Aktien, Anleihen und Wechselkurse nach unten geprügelt. Mit den schwachen Währungen steigen nun die Importrechnungen. Die Notenbank in Brasilien hat darauf schon reagiert und die Zinsen erhöht, was dem Wachstum einen zusätzlichen Dämpfer versetzt.
Das spüren auch die deutschen Exporteure. In den ersten fünf Monaten des Jahres sind ihre Ausfuhren nach Brasilien um 5,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesunken. Die Lieferungen nach Indien schrumpften im gleichen Zeitraum sogar um rund zehn Prozent. Die Lieferungen nach China gingen um 4,3 Prozent zurück, 2010 waren sie noch um mehr als 44 Prozent gestiegen. Das ist bitter, denn die Chinesen kaufen den Deutschen 6,1 Prozent aller Exporte ab (BRIC insgesamt: 9,4 Prozent). Damit stellt China den fünftgrößten Auslandsmarkt für deutsche Exporteure dar. Für die Maschinenbauer und die Hersteller elektrotechnischer Erzeugnisse ist China sogar der wichtigste Absatzmarkt im Ausland, für die Automobil- und Metallindustrie der zweitwichtigste.
Vor allem für die deutschen Anlagenbauer dürften im China-Geschäft bald magerere Zeiten anbrechen: "Der Kursschwenk Pekings weg von Investitionen sowie die straffere Geldpolitik werden die Ausfuhren der deutschen Maschinen- und Anlagenbauer bremsen", prophezeit Andreas Rees, Deutschland-Chefvolkswirt der Bank UniCredit. Diesen Effekt könne auch ein besseres Amerika-Geschäft nicht ausgleichen, da China 10,2 Prozent aller Maschinen abnehme, die USA hingegen nur 9,1 Prozent. Auch die deutsche Chemieindustrie spürt die Schwäche aus Fernost. "Der chinesische Wachstumsmotor läuft nicht mehr auf Hochtouren", sagt Kurt Bock, Chef des ...
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