APA ots news: Allianz Chefvolkswirt Heise: Weltwirtschaft wächst trotz politischer Risiken
Europa: weiterer Konjunkturaufschwung in Sicht -
Österreich behält hohe Wachstumsdynamik -
Ausblick: Politische Lähmung könnte Konjunktur gefährden
Wien (APA-ots) - 2017 ist die Weltwirtschaft so stark gewachsen wie seit
dem Jahr 2011 nicht mehr. In den vergangenen Monaten hat allerdings
die Unsicherheit über die weitere wirtschaftliche Entwicklung, unter
anderem angesichts der protektionistischen US-Handelspolitik und
geopolitischer Risiken, deutlich zugenommen. "Wir gehen davon aus,
dass die Vernunft die Oberhand behalten wird und durch Verhandlungen
eine spürbare Eskalation der Konflikte vermieden werden kann",
erklärte Dr. Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz SE, am Mittwoch
vor Journalisten in Wien. Unter dieser Prämisse dürfte sich die
Expansion des globalen Handels mit Waren und Dienstleistungen, wenn
auch in etwas abgeschwächter Form, weiter fortsetzen. Im Euroraum
sieht die Allianz aktuell im Vergleich zu rein wirtschaftlichen
Gefahren die politischen Risiken als schwerwiegend an, so Heise.
Zwtl.: Europa: Konjunktur nur vorübergehend ins Stottern geraten
Volkswirtschaftlichen Prognosen zufolge wird sich der
Konjunkturaufschwung im Euroraum, der bereits seit 2014 anhält,
weiter fortsetzen. Konkret erwartet die Allianz für heuer einen
BIP-Anstieg von 2,1 Prozent und 1,9 Prozent im kommenden Jahr. "Die
Konjunktur ist im ersten Jahresviertel nur vorübergehend ins Stottern
geraten", zeigt sich Heise zuversichtlich. Vor allem die Besserung am
Arbeitsmarkt spreche für eine Erholung. So wird die
EWU-Arbeitslosenquote 2019 voraussichtlich unter 8 Prozent fallen,
wobei das Tempo des Rückgangs abnimmt. Zusammen mit leicht
verstärkten Lohnsteigerungen bei verhaltenen Inflationsraten ergebe
sich eine gute Grundlage für den privaten Konsum. Mit diesem wiederum
gehen günstige Absatzperspektiven für Unternehmen und
Investitionsanreize einher. Die Investitionstätigkeit wird zugleich
durch weiter vorteilhafte Finanzierungsbedingungen und die hohe
Kapazitätsauslastung im Industriesektor unterstützt.
Zwtl.: Impulse durch Geld- und Fiskalpolitik
Expansive Impulse werde es im Euroraum laut Allianz auch durch die
Geld- und Fiskalpolitik geben. So vollzieht sich der Ausstieg der EZB
aus ihrer ultra-lockeren Geldpolitik weiterhin in Minischritten. Ende
dieses Jahres dürfte die Europäische Zentralbank zwar ihr
Anleihekaufprogramm einstellen, Tilgungszahlungen bei Fälligkeit
werde sie aber weiter reinvestieren. "Eine erste Leitzinserhöhung ist
erst ab Mitte 2019 zu erwarten", so Heise. Die unlimitierte
Liquiditätsbereitstellung für Banken werde bis mindestens Ende 2019
fortgeführt werden, eine Reduktion der EZB-Bilanzsumme sei nicht vor
2020 zu erwarten.
Nach einem jahrelang weitgehend neutralen Kurs entfaltet nun auch
die Finanzpolitik eine leicht expansive Wirkung. Zu den günstigen
Rahmenbedingungen tragen zudem die geringen
Euro-Wechselkursbewegungen bei. Die Allianz Experten gehen in diesem
Zusammenhang davon aus, dass die Tendenz zur Abwertung der
Gemeinschaftswährung lediglich vorübergehend war.
Alles in allem sei nicht mit einer deutlichen
EWU-Konjunkturabkühlung zu rechnen, betont Heise. Auf längere Sicht
über 2019 hinaus bestehe laut Allianz aber das Risiko, dass die gute
Phase des Konjunkturzyklus zu Ende gehe. Dann wäre nicht genug Zeit,
um die Geldpolitik wieder zu normalisieren. Entweder kämen dann
Straffungsschritte der EZB zusammen mit einer Konjunkturabschwächung
oder die Niedrigzinsphase würde sich noch mehr festigen.
Zwtl.: Österreich: weiter kräftiges Wirtschaftswachstum
Im Gegensatz zu vielen anderen EWU-Ländern konnte die
österreichische Wirtschaft die hohe Wachstumsdynamik des vergangenen
Jahres auch im ersten Quartal 2018 beibehalten. "Die Binnennachfrage
erweist sich weiter als sehr robust. Die Investitionen profitieren
von der überdurchschnittlich hohen Kapazitätsauslastung in der
Industrie und der Konsum von der guten Lage auf dem Arbeitsmarkt",
kommentiert Heise die wirtschaftliche Situation hierzulande. Die
Phase der Hochkonjunktur setzt sich damit in Österreich weiter fort.
Für das laufende Jahr rechnet die Allianz mit einem kräftigen realen
Wirtschaftswachstum von 2,6 Prozent. Damit einher gehen ein spürbarer
Rückgang bei der Arbeitslosigkeit und ein deutlicher
Beschäftigungsanstieg.
Zwtl.: Europa-Ausblick: krisenresistent, aber politisch gelähmt
In den letzten Jahren hat die gute wirtschaftliche Entwicklung
zusammen mit wesentlichen Strukturreformen dazu beigetragen, dass im
Euroraum die Altlasten der Krise und makroökonomische
Ungleichgewichte kontinuierlich reduziert wurden. Ebenso hat ein
Trend zu mehr Konvergenz unter den Mitgliedsländern bei zentralen
gesamtwirtschaftlichen Größen eingesetzt. "Obwohl Schwächen wie der
immer noch hohe öffentliche Schuldenstand fortbestehen, spricht
einiges dafür, dass der Euroraum heute krisenresistenter und stabiler
dasteht als vor der Krise im Jahr 2007", erklärt Heise. Doch mit den
Brexit-Verhandlungen, den politischen Risiken in Italien und der
unsicheren Regierungssituation in Spanien sei Europa so beschäftigt,
dass weniger Handlungskraft und Ressourcen für andere wichtige
Angelegenheiten verbleiben.
Die Initiative des französischen Staatspräsidenten Macron,
die europäische Integration einen großen Schritt voranzubringen,
werde auf beträchtliche Widerstände stoßen, meint Heise. Obwohl die
wirtschaftlich gute Situation Reformen begünstigen würde, seien nur
kleine Integrationsfortschritte wahrscheinlich. In Italien zeige der
aktuelle Zuspruch zu populistischen Parteien in der Bevölkerung die
Verwundbarkeit der Währungsunion von nationaler politischer Seite.
Bislang sind die Marktakteure davon ausgegangen, dass eine
italienische Regierung letztlich keinen Kurs fahren wird, der gegen
den Euro oder das europäische Regelwerk gerichtet ist. Diese
Wahrnehmung könnte sich nun ändern. Die Entwicklung sei besonders
bedauernswert, weil zentrale Umfragen wie das Eurobarometer der
EU-Kommission eindeutig zeigen, dass sich die EWU-Bevölkerung
mehrheitlich klar für den Euro ausspricht.
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