Von Herbert Rude
FRANKFURT (Dow Jones)--Die Kurse an den europäischen Börsen haben auch in der kommenden Woche Aufwärtspotenzial - trotz weiterhin verheerender Konjunkturdaten. So werden von Zahlen zur Industrieproduktion in der Eurozone und in den USA zweistellige prozentuale Einbrüche erwartet. In China dagegen soll die Industrieproduktion im April gewachsen sein. Sollte sich diese Annahme bestätigen, dürfte das den Bullen an den Märkten weiteren Auftrieb geben. Denn die Anhänger einer schnellen Erholung nach der Pandemie-Rezession könnten sich dann gestärkt fühlen.
Tatsächlich lassen die zunehmenden Lockerungen in den Maßnahmen gegen die Pandemie darauf schließen, dass die Konjunktur den tiefsten Punkt der Talsohle nun durchschreitet oder bereits durchschritten hat. Zugleich stabilisieren Rekord-Volumina an Liquidität die Lage, geschaffen von den Notenbanken. Die Börsen werden deshalb auch weiterhin bereits auf den nächsten Aufschwung setzen. Ob dieser V- oder U-förmig erfolgt, das dürfte dann höchstens die Dynamik und die Geschwindigkeit der Erholung beeinflussen. Das größte Risiko besteht deshalb auch in einer zweiten Pandemie-Welle.
Die Bären sehen sich zwar von der hohen Bewertung bestätigt, dürften aber auch damit schief liegen. Denn die Aktien sind in der Rezession immer hoch bewertet, weil die Gewinne dann ja besonders mager sind. In der Hochkonjunktur sind die Bewertungen dagegen oft am niedrigsten, weil niemand die Wolken sieht, die am Horizont des scheinbar strahlend blauen Börsenhimmels aufziehen.
Gegenwind von Deglobalisierungstendenzen ... und von Autodiskussion
Allerdings gibt es auch Hinweise darauf, dass die Dynamik des Anstiegs nach dem Plus von fast 40 Prozent seit den März-Tiefs nun nachlässt. Gewinner-Branchen wie Healthcare haben die Verluste schon nahezu aufgeholt. Trotz positiver Effekte durch die Pandemie gibt es auch Gegenwind, so könnte der Drang zur Repatriierung der Produktionsstätten die Aussichten belasten. Ein Verlierer davon wäre der Medikamentenproduktionsstandort Indien, der sich dann möglicherweise weniger Investitionsgüter aus Deutschland leisten kann.
Wenig hilfreich ist auch die gegenwärtige Diskussion um Abwrackprämien für Autos, Entscheidungen sind zumindest bis in den Juni hinein aufgeschoben. Solange diese in der Schwebe hängen, werden auch potenzielle Autokäufer ihre Entscheidungen aufschieben. Die Diskussion verlängert also die Krise, zu deren Ende sie eigentlich beitragen will.
Extrem negativ auswirken kann sich auch das Tohuwabohu um die Einführung der Aktienumsatzsteuer. Weil die Pläne um eine europäische Lösung scheitern, drängen Teile der Sozialdemokraten nun anscheinend auf einen nationalen Alleingang, der laut Marktteilnehmern sowohl für den Finanzplatz als auch für die Altersvorsorge schädlich wäre. Marktteilnehmer hoffen nun, dass eine solche Regelung vor der nächsten Bundestagswahl nicht mehr eingeführt wird und sich die SPD danach in der Opposition erneuert. Dann wären wohl auch noch negativere Vorschläge vom Tisch, nach denen Anleger Kursverluste nicht mehr vollständig mit Kursgewinnen verrechnen dürfen.
Nächstes DAX-Ziel 11.235
Zunächst bleibt die Lage aber aussichtsreich, gerade auch aus charttechnischer Sicht. Mit dem erneuten Ausbruch aus der Trading-Range zwischen gut 10.100 und gut 10.800 Punkten könnte der DAX in der kommenden Woche zunächst das jüngste Hoch bei gut 11.235 Punkten anlaufen und möglicherweise auch überwinden. Der TecDAX hat es dem DAX bereits vorgemacht.
Am kommenden Freitag geht der Verfall der Mai-Optionen über die Bühnen. Aus statistischer Sicht verläuft die Mai-Verfallswoche laut Wellenreiter-Invest überwiegend positiv. Möglicherweise kann der S&P-500 bereits wieder die 200-Tage-Linie überwinden.
Ebenfalls im Blick steht weiterhin die auf Hochtouren laufende Berichtssaison. Hier gilt das gleiche wie bei den Konjunkturdaten: Der Markt geht mit schwachen Zahlen überwiegend gnädig um, gute Zahlen werden dagegen durchaus positiv honoriert. Solange das so weitergeht, sollten sich Marktteilnehmer um den DAX keine großen Sorgen machen müssen.
DJG/hru/err
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May 08, 2020 05:49 ET (09:49 GMT)
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