DJ Wirtschaft übt Kritik am Umgang mit Bildung in der Corona-Pandemie
Von Andrea Thomas
BERLIN (Dow Jones)--Aus der Wirtschaft kommt zu Beginn der Bund-Länder-Beratungen über die Corona-Lage scharfe Kritik am Umgang mit der Bildung in der aktuellen Pandemie. Der Wirtschaftsrat der CDU lehnt Überlegungen zu einem voll bezahlten Sonderurlaub für Eltern schulpflichtiger Kinder und Kindergartenkinder ab. Ein frühestmögliches Öffnen der Bildungseinrichtungen sei besser für Familien und Kinder. Der Digitalverband Bitkom kritisiert unterdessen die digitale Rückständigkeit der Bildungspolitik und fordert einen Rechtsanspruch auf digitalen Unterricht für Schüler aller Schulformen.
Der Umgang mit Schulen und Kindergärten ist einer der zentralen Punkte in den aktuell laufenden Beratungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Ministerpräsidenten der Länder. Es wird erwartet, dass Bund und Länder den aktuell bis Sonntag geltenden Lockdown und die damit verbundene weitgehende Schließung von Schulen und Kindergärten bis Ende Januar verlängern. Aus den Reihen der SPD gab es zudem Forderungen nach einem voll bezahlten Sonderurlaub für Eltern. Bislang kann ein Elternteil in begründeten Fällen für zehn Wochen Sonderurlaub beantragen und dann eine Entschädigung von 67 Prozent des Nettogehalts bekommen, wobei die Sonderleistung auf 2016 Euro pro Monat begrenzt ist.
Der Wirtschaftsrat der CDU wandte sich entschieden gegen immer neue Ansprüche als Ausweg für einen aus seiner Sicht falschen Umgang mit der Corona-Pandemie.
"Jetzt setzen Forderungen nach bezahltem Urlaub für Eltern, die wegen dieser politischen Entscheidungen zuhause bleiben müssen, noch eins oben drauf. Immer neue Ansprüche in der Corona-Pandemie sind ein fundamentaler Irrweg. Viele Betriebe sind existenziell gefährdet, aber Teile der Politik denken sich immer neue Belastungen aus", kritisiert Wolfgang Steiger, Generalsekretär des Wirtschaftsrates. Obendrein seien in der Corona-Krise ohnehin bereits großzügige, vor allem staatlich finanzierte Entschädigungsleistungen für Arbeitnehmer eingeführt worden, die in der Pandemie wegen der häuslichen Betreuung ihrer Kinder nicht arbeiten können.
Auch mahnte er eine langfristige Strategie im Umgang mit der Corona-Pandemie an, bei denen fundierte, früher greifende Lösungen zum Einsatz kommen sollten. "Hier steht die Politik inzwischen - verstärkt durch nach den sehr holprigen Impfstart - unter einem großen Handlungs- und Erwartungsdruck", so Steiger.
Bitkom kritisiert altbackene Vorschläge der Bildungspolitiker
Der Digitalverband Bitkom monierte, dass Deutschlands Bildungspolitiker wohl noch nie eine ähnlich große Enttäuschung und Entfremdung bei Schülern, Eltern und Lehrern, aber auch in Wirtschaft und Gesellschaft ausgelöst hätten wie in der Corona-Pandemie.
"Zu wenig ambitioniert und zu altbacken sind ihre Vorschläge, zu erratisch sind ihre Entscheidungen, zu chaotisch ist ihre Kommunikation", kritisierte Bitkom-Präsident Achim Berg. "Jeder hatte Verständnis, dass zu Beginn der Corona-Krise auf Sicht gefahren werden musste. Jetzt, fast ein Jahr nach den ersten Einschränkungen, darf man Vision, Strategie und zukunftsgerichtetes, entschlossenes Handeln erwarten."
Wichtig sei nun in der Corona-Krise und darüber hinaus ein Rechtsanspruch auf digitalen Unterricht für Schüler aller Schulformen, um zum Beispiel Schüler in den Unterricht einbeziehen zu können, die etwa aufgrund von Erkrankungen oder persönlicher Einschränkungen die Schulgebäude nicht immer aufsuchen können.
Aber statt Lernplattformen zum Laufen zu bringen, konzentrierten sich viele Bundesländern darauf, so schnell wie möglich zum Präsenzunterricht zurückzukehren. "Dies ist angesichts des Infektionsgeschehens unverantwortlich und schreibt die pädagogischen Standards des vergangenen Jahrhunderts fort. Solange Schulen nicht breitflächig wieder geöffnet werden können, muss jeder Schüler digital unterrichtet werden können", so Berg.
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January 05, 2021 08:38 ET (13:38 GMT)
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