Das Scheitern des US-Rettungsplans über 700 Milliarden Dollar für den Finanzsektor hat die Börsenkurse einbrechen lassen. Der US-Leitindex Dow Jones erlitt am Montag auf absoluter Basis den höchsten Tagesverlust seiner Geschichte. Unmittelbar nach Bekanntwerden des Scheiterns war es an der Wall Street sogar kurzzeitig zu einem regelrechten Ausverkauf gekommen. Die Anleger flüchteten in den sicheren Hafen der Staatsanleihen und sorgten damit beim Dow Jones für einen absoluten Verlust von bis zu 777,68 Punkten - damit war der Dow in Punkten stärker gefallen als am 11. September 2001. Beim finanzlastigen S&P-500-Index kam es zum größten prozentualen Verlust seit Oktober 1987. Auch die Technologiebörsen verzeichneten überaus hohe Abschläge. Der US- Nachrichtensender CNN bilanzierte, es seien etwa 1,2 Billionen Dollar (835 Milliarden Euro) an Börsenwert vernichtet worden.
Auch Asiens Leitbörse in Tokio geriet in den Abwärtssog. Der 225 führende Werte umfassende Nikkei notierte am Dienstag zur Handelsmitte einen heftigen Abschlag von 544,54 Punkten oder 4,64 Prozent bei 11 199,07 Punkten. Der breit gefasste TOPIX gab bis dahin um 51,30 Punkte oder 4,55 Prozent auf 1076,57 Punkte nach. Die Aktienmärkte in Sydney, Seoul und Hongkong gingen auf Talfahrt. Auch die Börsen im brasilianischen São Paulo, in Mexiko und Argentinien gingen in den Keller.
KRISE HÄLT AN
US-Präsident George W. Bush und sein Finanzminister Henry Paulson wollen mit führenden Republikanern und Demokraten im Kongress zusammentreffen, um doch noch eine Lösung zu finden. Zugleich signalisierten Parlamentarier beider Parteien ihre weitere Gesprächsbereitschaft. Eine konkrete Strategie aber, wie weitere Unruhe auf den internationalen Finanzmärkten zu verhindern ist, ließen die Beteiligten nicht erkennen.
228 Parlamentarier hatten am Montag gegen das Kompromisspaket votiert, das der Kongress erst am Wochenende in Marathonsitzungen mühsam ausgearbeitet hatte. Lediglich 205 Abgeordnete stimmten zu. Vor allem Republikaner waren dagegen. Sie lehnten derartig gigantische staatliche Eingriffe in die Privatwirtschaft ab, da letztlich der Steuerzahler dafür aufkommen müsse. Wie es konkret weitergehen wird, war zunächst völlig unklar. Am Dienstag gebe es aber wegen eines Feiertags sehr wahrscheinlich keine neue Parlamentsvoten, hieß es. Die Abstimmung ist gescheitert, doch die Krise hält an, sagte die demokratische Präsidentin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi.
Ziel des Programms war es, den praktisch eingefrorenen Kreditfluss wieder in Gang zu setzen und weitere Turbulenzen auf den Finanzmärkten zu verhindern. Experten hatten immer wieder gewarnt, falls Washington nicht ein klares Zeichen setzt, drohten Panik und weltweite Kettenreaktionen an den Märkten. Ein erster Entwurf der Regierung war bereits am Donnerstag auf Ablehnung gestoßen.
GRÖSSTE RETTUNGSAKTION DER DEUTSCHEN GESCHICHTE
Und auch immer mehr europäische Großbanken - wie der deutsche Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate (HRE) brauchen milliardenschwere Staatshilfe zum Überleben. Im schlimmsten Fall macht die größte Rettungsaktion in der Geschichte der Bundesrepublik mit einem Umfang von bis zu 35 Milliarden Euro das Ziel der großen Koalition zunichte, 2011 - erstmals seit gut 40 Jahren - einen Etat ohne neue Schulden aufzulegen. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) verteidigte in Berlin die richtige und erforderliche Entscheidung, um eine geordnete Abwicklung des Instituts in den nächsten Jahren zu ermöglichen und den freien Fall zu verhindern. Eine ungeordnete Abwicklung oder eine Insolvenz hätten erheblichen Schaden für den deutschen Finanzmarkt und die deutsche Wirtschaft bedeutet.
Sollte die Bürgschaft aufgrund von Verlusten in Anspruch genommen werden, entfielen in einem ersten Schritt von den dann 14 Milliarden Euro knapp zwei Drittel (60 Prozent) auf die Banken. Einen zweiten Teil müsste der Bund allein tragen. Damit muss der Steuerzahler im schlimmsten Fall mit 26,6 Milliarden Euro einspringen. Die Hypo Real Estate spezialisiert sich auf die Finanzierung gewerblicher Immobilien wie Bürogebäude oder Hotels sowie auf Infrastrukturprojekte wie Straßen oder Eisenbahnen. Die aktuelle Schieflage wurde durch die irische Tochter Depfa ausgelöst, die kurzfristig nicht genügend Mittel am Geldmarkt für das Tagesgeschäft leihen konnte.
EUROPÄISCHE BANKEN IM SOG
Auch der belgisch-niederländische Bankkonzern Fortis und der britische Baufinanzierer Bradford & Bingley konnten nur mit staatlicher Unterstützung die Pleite vermeiden. Bei Bradford & Bingley, der achtgrößten Bank Großbritanniens, springt der Steuerzahler für Hypotheken und Kredite in Höhe von 63 Milliarden Euro ein. Die Spareinlagen und das Filialnetz werden für und 770 Millionen Euro vom spanischen Bankenriesen Santander übernommen. Es geht um 2,7 Millionen Kunden mit Einlagen von 25 Milliarden Euro. Mit der Verstaatlichung muss die öffentliche Hand schon zum zweiten Mal in diesem Jahr eine Bank retten. Im Februar übernahm der Staat die Hypothekenbank Northern Rock.
Fortis wurde in einer gemeinsamen Aktion gleich mehrerer Länder vor dem Zusammenbruch bewahrt. Die Regierungen Belgiens, der Niederlande und Luxemburgs legten am Sonntagabend 11,2 Milliarden Euro auf den Tisch. Belgien übernimmt für 4,7 Milliarden Euro 49 Prozent der Anteile des belgischen Zweigs von Fortis. Die Niederlande investieren vier Milliarden Euro für ebenfalls 49 Prozent an der Fortis Bank Niederlande. Luxemburg zahlt für 49 Prozent der Aktien an der Fortis Banque Luxembourg 2,5 Milliarden Euro./pm/DP/zb
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