Von Andreas Kißler
BERLIN--Die Krisen in der Ukraine und dem Nahen Osten beschädigen immer mehr das Vertrauen von Verbrauchern und Wirtschaft in Deutschland und sorgen so für schlechtere Wirtschaftsaussichten. Viele Ökonomen haben ihre Erwartungen an das deutsche Wachstum bereits heruntergeschraubt. Nun stimmen auch die deutschen Großbanken in diesen Chor ein.
Der Bundesverband deutscher Banken, in dem die führenden privaten Banken Deutschlands zusammengeschlossen sind, reduzierte seine Konjunkturprognose für das laufende Jahr um 0,3 Prozentpunkte auf 1,5 Prozent. Für das kommende Jahr senkten die Bankenvolkswirte ihre Erwartungen von 2,0 auf 1,6 Prozent.
"Die deutsche Wirtschaft hat in den letzten Monaten an Schwung verloren", erklärte Hans-Joachim Massenberg, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Bankenverbandes. "Zudem belasten die Krisen in der Ukraine und im Nahen Osten die Stimmung der Unternehmen". Vor allem bei den Investitionen zögerten die Unternehmen wieder.
Jüngste Konjunkturindikatoren hatten ein widersprüchliches Bild gezeigt. Wie das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) am Dienstag mitteilte, trübten sich die Konjunkturerwartungen von Finanzanalysten und institutionellen Investoren weniger stark ein als zuvor. Zugleich verschlechterte sich allerdings die Einschätzung der aktuellen Konjunkturlage dramatisch.
Ökonomen revidieren angesichts der Krisen derzeit reihenweise ihre Vorhersagen. So nahm Anfang der Woche bereits die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ihre Wachstumsprognosen für Deutschland von 1,9 auf 1,5 Prozent für das laufende Jahr und von 2,1 auf 1,5 Prozent für 2015 zurück. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) verringerte seine Erwartung für dieses Jahr von 2,0 auf 1,5 Prozent und für nächstes von 2,2 auf 1,8 Prozent.
Die Volkswirte des Bankenverbandes attestierten der deutschen Wirtschaft aber allgemein eine weiterhin intakte Verfassung. Massenberg unterstrich, die Gefahr einer Rezession sehe der Bankenverband nicht. "Wichtige Rahmenbedingungen für die deutsche Wirtschaft bleiben sehr günstig, allen voran der Arbeitsmarkt und die Zinsen", hob er hervor. Außerdem sollten nach seiner Ansicht der niedrige Euro-Kurs und die sehr guten Aussichten für die US-Konjunktur den deutschen Exporten "wieder etwas Schub geben".
In ihrer Prognose rechnen die führenden Volkswirte der Mitgliedshäuser des Bankenverbandes, die sich am Mittwoch in Berlin im Ausschuss für Wirtschafts- und Währungspolitik trafen, mit einer Zunahme der privaten Konsumausgaben um 1,0 Prozent in diesem und 1,4 Prozent im kommenden Jahr. Bei den Exporten erwarten sie einen Zuwachs um 3,3 Prozent dieses und 4,2 Prozent nächstes Jahr und bei den Importen Steigerungen von 4,3 und 4,9 Prozent. Die Binnennachfrage bleibe der "Konjunkturmotor".
Die Deflationsgefahr im Euroraum hielt der Bankenverband zudem für gering. "Es gibt im Moment keinen Beleg dafür, dass sinkende Preise zu Konsumzurückhaltung führen", erklärte Massenberg. Jüngste Daten zum Konsumentenvertrauen in den Euro-Ländern deuteten vielmehr darauf hin, dass die niedrige Preissteigerung die reale Kaufkraft erhöhe und den Konsum stütze.
Ein für den Euroraum insgesamt von den Bankenvolkswirten erwartetes sehr schwaches Wirtschaftswachstum von 0,8 Prozent für das laufende und 1,2 Prozent für das kommende Jahr habe vor allem tieferliegende Ursachen, gegen die nur weitere Wirtschaftsreformen hälfen. Davon sei auch Deutschland nicht ausgenommen, warnte Massenberg.
Den Euro sahen die Bankenökonomen weiter unter Abwertungsdruck. Tendenziell werde sein Wechselkurs weiter sinken, wenn auch "mit einem erheblich langsameren Tempo".
Die große Mehrheit der Chefvolkswirte der Banken rechne bereits im Frühjahr oder Frühsommer 2015 mit einer Zinserhöhung der US-Notenbank, sagte zudem Stefan Schilbe von HSBC Trinkaus und Burkhardt, der dem Ausschuss der Bankenökonomen vorsitzt.
Der Europäischen Zentralbank (EZB) bescheinigte er hingegen, "ihr Zinsinstrument inzwischen vollständig ausgereizt" zu haben. Dennoch könne die EZB auch weiterhin neue geldpolitische Impulse geben, etwa durch einen Kauf von Staatsanleihen. "Dieses Instrument sollte derzeit aber nicht eingesetzt werden", warnte Schilbe und verwies auf Risiken wie eine weitere Verschiebung der Währungsunion in Richtung einer Haftungsunion. Vor allem aber sah er die Gefahr, dass damit das Bemühen um Strukturreformen vollends zum Erliegen kommen könnte.
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September 17, 2014 05:00 ET (09:00 GMT)
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