DJ EZB-Rat optimistisch hinsichtlich moderaten Konjunkturszenarios
Von Hans Bentzien
FRANKFURT (Dow Jones)--Im Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) herrschte bei den Beratungen am 16. Juli 2020 eine gewisse Zuversicht, dass die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie für den Euroraum nicht schlimmer als im Basisszenario der EZB-Stabsprojektionen dargelegt ausfallen werden.
Wie aus dem jetzt veröffentlichten Protokoll der Sitzung hervor geht, sahen die Ratsmitglieder gleichwohl eine anhaltend hohe Unsicherheit in Bezug auf Konjunktur, Preise und Pandemie und wollten daher nicht die Erwartung wecken, dass das Pandemiekaufprogramm PEPP möglicherweise vorfristig auslaufen könnte. Es wurde die Sorge geäußert, dass die Kreditvergabe der Banken nicht ausreichen könnte, um das geldpolitische Signal ausreichend zu übertragen.
"Es herrschte weithin die Meinung, dass trotz der anhaltend hohen Unsicherheit die Zuversicht in das Eintreten des Basisszenarios der im Juni veröffentlichten Stabsprojektionen gestiegen ist", heißt es in dem Dokument. Das Negativszenario werde nun als weniger wahrscheinlich angesehen und auch ein noch positiverer Ausgang könne nicht ausgeschlossen werden.
Zwei Wochen nach der Ratssitzung hatte Eurostat gemeldet, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im zweiten Quartal um 11,3 auf Quartals- und 14,0 Prozent auf Jahressicht gefallen sei. In einer zweiten Veröffentlichung waren Minusraten von 12,1 und 15,0 Prozent gemeldet worden. Im ersten Quartal war das BIP gegenüber dem Vorquartal um 3,6 Prozent gesunken. Der Volkswirtschaftliche Stab der EZB hatte im Juni für 2020 einen BIP-Rückgang von 8,7 Prozent prognostiziert. Für das dritte und vierte Quartal erwarten Volkswirt kräftige BIP-Anstiege.
Der EZB-Rat hatte bei der Sitzung am 16. Juli beschlossen, die Geldpolitik unverändert zu lassen. Sowohl die Leitzinsen als auch die Wertpapierkaufprogramme und die sie betreffende Forward Guidance wurden bestätigt. Eine stärkere Freistellung der Banken vom negativen Einlagensatz der EZB wurde hingegen nicht auf den Weg gebracht.
EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatte in ihrer Pressekonferenz betont, dass die EZB ihr Pandemiekaufprogramm PEPP aller Wahrscheinlichkeit nach voll ausschöpfen werde. Zudem machte sie deutlich, dass die EZB nicht die Wirksamkeit des PEPP dadurch gefährden werde, dass sie die Staatsanleihebestände zu rasch dem EZB-Kapitalschlüssel anpasse.
Aus dem Protokoll geht hervor, dass sich die EZB-Ratsmitglieder Sorgen um die Fähigkeit der Banken machten, mit ihrer Kreditvergabe das geldpolitische Signal an die Realwirtschaft weiterzugeben. Im Protokoll wird auf die Prognose der Banken aus dem Quartalsbericht zur Kreditvergabe (Veröffentlichung 14. Juli), dass die Kreditstandards im dritten Quartal deutlich gestrafft werden dürften. Grund sei die Erwartung, dass dann staatliche Kreditgarantien auslaufen könnten.
Der EZB-Rat wird die Angemessenheit seiner Politik bei der Ratssitzung am 10. September prüfen. Dann lägen aktuelle Stabsprojektionen vor, "eine Reihe fiskalpolitischer Maßnahmen dürfte dann auslaufen und Unternehmen dürften dem Pandemie-Schock direkter ausgesetzt sein", wie es im Protokoll heißt.
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August 20, 2020 08:37 ET (12:37 GMT)
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