DJ DSGV-Präsident Schleweis: EZB muss Zinswende zügig vorbereiten
Von Andreas Kißler
BERLIN (Dow Jones)--Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) hat bei der Vorlage neuer Prognosen zur Konjunktur- und Inflationsentwicklung die schnelle Vorbereitung einer Zinswende durch die Europäische Zentralbank (EZB) gefordert. Der deutschen Wirtschaft sagte der Verband für 2022 ein Wachstum von 3,5 Prozent voraus. Die Inflation in Deutschland und im Euroraum dürfte noch für längere Zeit über der Zielmarke der EZB von 2 Prozent liegen, zeige die Konjunkturprognose der Sparkassen-Finanzgruppe. Für das Jahr 2022 erwarteten ihre Chefvolkswirte mit 3,2 Prozent in Deutschland und 3,0 Prozent im Euroraum Teuerungsraten deutlich jenseits dessen, was die EZB als Preisstabilität ansehen dürfe.
"Die EZB muss angesichts der hohen Inflationsraten zügig Änderungen ihres geldpolitischen Kurses vorbereiten", forderte DSGV-Präsident Helmut Schleweis. Je früher die EZB ihren Willen und ihre Fähigkeit zu angemessenem Handeln darlege, desto abgewogener könne sie vorgehen. "Wenn die EZB der Preissteigerung zu lange freien Lauf lässt, muss sie später nur umso heftiger eingreifen", warnte Schleweis bei der Vorstellung der Konjunkturprognose in Berlin. Ein überhartes Bremsen wiederum gefährde die konjunkturelle Erholung, die sich nach den massiven Rückschlägen durch die Corona-Pandemie gerade abzeichne.
Mit den erwarteten 3,5 Prozent Wachstum in diesem Jahr wäre damit das Bruttoinlandsprodukt (BIP) nominell im Laufe des Jahres wieder auf das Niveau vor der Corona-Krise gestiegen, so die Chefökonomen. Für das Jahr 2023 erwarteten sie ein Wirtschaftswachstum von 2,6 Prozent. Im Euroraum dürfte der Zuwachs mit 3,9 Prozent im Jahr 2022 und 2,7 Prozent im Jahr 2023 noch etwas stärker ausfallen. "Die deutsche Wirtschaft wächst ein wenig langsamer als der Euroraum insgesamt, weil sie neben Corona auch strukturelle Veränderungen verkraften muss", konstatierte der Chefvolkswirt der Berliner Sparkasse, Uwe Dürkop.
Mit ihrem hohen Industrieanteil stehe die deutsche Wirtschaft im ökologischen Umbau vor massiven Investitionen, müsse nun aber zunächst mit Materialengpässen und hohen Energiekosten fertig werden. Wesentlicher Treiber der konjunkturellen Entwicklung sei laut den Chefökonomen zunächst der private Konsum. Das Investitionsgeschehen nehme ins Jahr 2023 hinein Fahrt auf. "Die Konjunktur in Deutschland und Europa springt an, wenn auch in den ersten Monaten des Jahres 2022 durch die Omikron-Variante noch stotternd", sagte Schleweis. Im Großen und Ganzen entwickle sich die Wirtschaftsleistung aber zunehmend unabhängig von Infektionszahlen und Corona-Maßnahmen."
Die Menschen in Deutschland und Europa kauften wieder, die Unternehmen begännen zu investieren. "Was wir jetzt nicht brauchen, sind explodierende Preise und Hemmschuhe bei der Finanzierung von Investitionen", warnte der DSGV-Präsident. Mit seinen Äußerungen wandte sich Schleweis laut dem Verband auch gegen den antizyklischen Kapitalpuffer, den Deutschlands Finanzaufseher aktivieren wollen. Damit würde die Fähigkeit von Banken und Sparkassen zur Vergabe von Krediten deutlich eingeschränkt. Jedoch würden für das Wiederanfahren der Wirtschaft und den ökologischen Umbau erhebliche Finanzmittel benötigt, gab er zu bedenken.
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February 02, 2022 05:00 ET (10:00 GMT)
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