DJ IfW: Russland hat in Handelskrieg deutlich mehr zu verlieren
Von Andreas Kißler
BERLIN (Dow Jones)---Die russische Volkswirtschaft würde durch eine Entkoppelung ihrer Handelsbeziehungen von den USA und ihren Partnern nach einer Untersuchung des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW) langfristig deutlich stärker in Mitleidenschaft gezogen als die der Alliierten. Russlands Wirtschaftsleistung würde in einer Modellierung auf längere Sicht jährlich um knapp 10 Prozent geringer ausfallen, als wenn die Handelsbeziehungen fortbestünden, teilte das Institut mit. Die Alliierten hätten dagegen in diesem Zeithorizont deutlich geringere Einbußen zu beklagen.
Die Einschätzungen ergeben sich den Angaben zufolge aus einer Modellsimulation in einem gemeinsamen Arbeitspapier von Forschern des IfW und des Österreichischen Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo). "Ein Handelskrieg zwischen Russland sowie den USA und ihren Verbündeten würde Russlands Wirtschaft langfristig empfindlich treffen. Die Alliierten dürften zwar kurzfristig ebenfalls zum Teil stark betroffen sein, auf längere Sicht haben sie aber im modellhaft simulierten Fall insgesamt nur eine um jährlich 0,17 Prozent geringere Wirtschaftsleistung zu befürchten", sagte IfW-Handelsforscher Alexander Sandkamp.
Der Grund für die ungleiche Verteilung der Kosten liege vor allem in der geringen wirtschaftlichen Bedeutung Russlands im Vergleich zu den USA und ihren Verbündeten. Letztere seien in Bezug auf Im- und Exporte für Russland also wichtiger als umgekehrt: So sei die EU im Jahr 2020 für 37,3 Prozent des russischen Außenhandels verantwortlich gewesen, umgekehrt fänden aber lediglich 4,8 Prozent des Außenhandels der EU mit Russland statt. Berücksichtige man zusätzlich den intraeuropäischen Handel, wäre der Russlandanteil nochmals deutlich geringer. Importbarrieren der Alliierten würden Russland nach der Erhebung stärker treffen als Exportbarrieren.
"Sanktionen zeigen kurzfristig meist wirtschaftliche, aber keine politische Wirkung. Halten sie lange an und sind umfassend, kann sich ihr politisches Wirkungspotenzial vergrößern", sagte Wifo-Direktor Gabriel Felbermayr. "Die Simulationsergebnisse geben einen Eindruck, was langfristig für beide Seiten auf dem Spiel steht: Nach einer Anpassungsphase im Welthandel wird Russland deutlich geschwächt dastehen, der Schaden für die Alliierten ist dagegen überschaubar." Allerdings seien die Kosten der Simulation zufolge auch bei den Alliierten sehr ungleich verteilt.
Stärker betroffen wären langfristig osteuropäische Länder wie Litauen (im Modellfall minus 2,5 Prozent), Lettland (minus 2,0 Prozent) und Estland (minus 1,1 Prozent). Deutschland und Österreich müssten mit Verlusten in Höhe von 0,4 Prozent respektive 0,3 Prozent des jährlichen Bruttoinlandsprodukts rechnen, die USA lediglich mit Verlusten in Höhe von 0,04 Prozent. Selbst wenn Russland nun vermehrt nach China exportiere, dürften sich die Auswirkungen auf China in Grenzen halten. Insgesamt würde sich das Realeinkommen in China im Modell dann um 0,02 Prozent jährlich erhöhen. "Wirtschaftlich wäre China also nicht der große Krisengewinner", folgerte das IfW.
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March 03, 2022 02:34 ET (07:34 GMT)
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