DJ Protokoll: EZB-Falken gaben bei Februar-Sitzung den Ton an
Von Hans Bentzien
FRANKFURT (Dow Jones)--Im Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) haben bei den Beratungen am 2. und 3. Februar die geldpolitischen Falken den Ton angegeben. Wie aus dem jetzt veröffentlichten Protokoll der Sitzung hervorgeht, forderten einige von ihnen eine sofortige Änderung der Forward Guidance zu den Wertpapierkäufen. Nachdem die Inflationsrate im Januar erneut unerwartet gestiegen war, herrschte in dem Gremium aber auch insgesamt die Meinung vor, dass das bis dahin gültige "Narrativ" einer demnächst sinkenden Inflation nicht aufrecht zu erhalten sei. Auch wurden Zweifel daran geäußert, dass die EZB ihre Geldpolitik alleine an den Prognosen des volkswirtschaftlichen Stabs ausrichten sollte.
"Es herrschte weitgehend Einigkeit darüber, dass eine Annäherung an das mittelfristige Inflationsziel der EZB nicht mehr in weiter Ferne liege, wodurch die Erfüllung der Kriterien der Forward Guidance innerhalb einer kürzeren Zeitspanne wahrscheinlicher geworden sei", heißt es in dem Dokument.
Einige Mitglieder vertraten demnach die Ansicht, dass sich die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Inflation mittelfristig bei etwa 2 Prozent einpendeln wird, bereits deutlich erhöht habe. Dies erfordere eine rechtzeitige Anpassung des immer noch sehr akkommodierenden geldpolitischen Kurses. Die Nettokäufe von Vermögenswerten und die negativen Leitzinsen seien nicht mehr mit den vorliegenden Daten vereinbar.
Ob die Bedingungen, an die die Zins-Guidance geknüpft sei, erfüllt seien, könne nicht alleine von den Stabsprojektionen abhängig gemacht werden. Diese Entscheidung müsse der EZB-Rat auf der Grundlage seiner Beurteilung aller relevanten Informationen treffen. Die Projektionen stellten dabei nur ein Element dar.
Der Rat hatte den im Dezember gefassten Beschluss bestätigt, die Nettoanleihekäufe unter dem Pandemieprogramm PEPP im März zu beenden, aber das monatliche Kaufvolumen unter dem APP-Programm im zweiten Quartal von 20 auf 40 Milliarden Euro zu erhöhen und bis September wieder auf 20 Milliarden zu senken. Die Nettokäufe sollten erst kurz vor der ersten Zinssenkung eingestellt werden. EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatte in der anschließenden Pressekonferenz eine Zinserhöhung im laufenden Jahr allerdings nicht ausschließen wollen.
Das hatte zu der Erwartung geführt, dass die EZB ihre Nettoanleihekäufe im Herbst einstellen und im Winter eine erste Zinserhöhung vornehmen könnte.
Zum Zeitpunkt der Ratssitzung war bekannt, dass die Inflation im Januar entgegen den Erwartungen nicht gesunken, sondern auf 5,1 Prozent gestiegen war. Im Februar hat sie auf 5,8 Prozent zugelegt, was nach Angaben von EZB-Chefvolkswirt Philip Lane in den am 10. März zu veröffentlichenden neuen Stabsprojektionen berücksichtigt sein wird.
Obwohl der Inflationsdruck seit Februar weiter zugenommen hat, sind Analysten derzeit nicht mehr sicher, wie rasch die EZB ihre Geldpolitik tatsächlich normalisieren wird. Grund ist der am 24. Februar erfolgte Angriff Russlands auf die Ukraine, der zwar einerseits höhere Rohstoffpreise nach sich zieht, aber andererseits auch mehr Unsicherheit für Unternehmen und Konsumenten erzeugt.
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