DJ EZB/Lane: Geldpolitik muss langsam normalisiert werden
Von Hans Bentzien
FRANKFURT (Dow Jones)--Der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), Philip Lane, hat sich für eine langsame ("graduelle") Normalisierung der EZB-Geldpolitik ausgesprochen. In einer Veranstaltung des Brüsseler Think Tanks Bruegel begründete Lane das damit, dass die EZB beobachten müsse, wie veränderte Finanzierungsbedingungen die Inflationsdynamik beeinflussen. Ein weiterer Faktor seien die unklaren Auswirkungen des Kriegs gegen die Ukraine.
"Es gibt eine große Bandbreite von Schätzungen über die Auswirkungen höherer Zinssätze auf das Aktivitätsniveau und den Inflationsdruck", sagte Lane laut veröffentlichtem Redetext. Insbesondere sei es wahrscheinlich, dass es erhebliche Wechselwirkungen zwischen Veränderungen der Finanzierungsbedingungen und anderen makroökonomischen Kräften gebe. Dementsprechend müsse die Rückkopplung zwischen den verschiedenen Schritten im politischen Normalisierungsprozess und der Inflationsdynamik in den geldpolitischen Entscheidungsprozess einbezogen werden.
Lane sagte: "Insbesondere werden sich auf dem Normalisierungspfad sowohl die Benchmark-Zinsen am Markt als auch die Kreditmargen verändern. Während sich die Elastizität der Marktzinsen auf die allmähliche Verringerung und schließlich Beendigung der Nettokäufe auf der Grundlage früherer Erfahrungen recht genau schätzen lässt, ist die Reaktion der Kreditbepreisung der Banken ... auf die Normalisierung der Politik nicht sehr gut vorhersehbar und hängt von einer Reihe von Faktoren ab."
Die Auswirkungen höherer Zinssätze und einer Verschärfung der Kreditbedingungen für die Wirtschaftstätigkeit und die Bildung von Inflationserwartungen seien ihrerseits ebenfalls mit erheblicher Unsicherheit behaftet, argumentierte der EZB-Chefvolkswirt.
Zweitens deutet Lane zufolge die große Unsicherheit über die wirtschaftlichen Auswirkungen des Krieges in der Ukraine, des Energieschocks und der Erholung nach der Pandemie darauf hin, dass es unwahrscheinlich ist, dass die Wirtschaft schnell zu einem neuen stabilen Gleichgewicht zurückfinden wird. "Daraus folgt, dass neben dem grundlegenden Normalisierungsprozess auch zyklische Faktoren für den Verlauf der Geldpolitik von Bedeutung sein dürften."
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May 05, 2022 07:05 ET (11:05 GMT)
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