
Ein Soft Landing ist alles andere als gesichert, warnt Acatis-Experte Stefan Riße im Interview mit wallstreetONLINE. Ist es jetzt Zeit, Aktien zu verkaufen? Welchen Ratschlag der Experte für Anleger hat.
Martin Kerscher: Wie beeinflusst eigentlich ein Soft Landing der US Wirtschaft die Aktienmärkte und wie sollten sich Anleger mit ihrem Portfolio darauf einstellen?
Stefan Risse: Wenn es zu einem Soft Landing käme, das wäre noch zu klären. Dann sind natürlich die Zykliker diejenigen, die weniger stark leiden. Denn die Zykliker sind konjunkturanfälliger sind. Das sind Maschinenbauer, das sind Stahlunternehmen, sicherlich Automobilhersteller auch, also alle, die unter konjunkturellen Schwankungen leiden.
Weniger betroffen sind dann diejenigen, die Güter des täglichen Lebens für uns produzieren. Weil die Supermärkte müssen wir trotzdem noch laufen. Aber ebenso Luxus, Bekleidung: All das, wo sie sparen können, wenn die Konjunktur nicht läuft, wenn Menschen arbeitslos werden, die sind dann betroffen, wenn es die Rezession gibt. Wenn es sie nicht gibt, wenn es zu einem sogenannten Soft Landing kommt, nur dann können die damit ganz gut umgehen.
Martin Kerscher: Aus ihrer Antwort hörte ich einen gewissen Zweifel daran, dass es zu einem Soft Landing kommen könnte. Also insgesamt hat man den Eindruck, dass die meisten Experten davon ausgehen, dass eigentlich kein Zweifel mehr daran besteht.
Stefan Risse: Und das ist sehr trügerisch. Denn gerade wenn wir uns mal so ein bisschen, man kann das auch sehen, an den an den Google Suchaufrufen, ganz oft wird Soft Landing aufgerufen, auch dann, wenn am Ende einer Rezession dabei rauskommt, und das haben wir auch vor der Finanzkrise gesehen, auch da haben viele über ein Soft-Landing spekuliert, tatsächlich wird es dann eine relativ scharfe Rezession, wie wir alle wissen.
Und wenn ich mir die Indikatoren angucke, die üblicherweise Rezessionen anzeigen, dann deuten die doch klar auf eine Rezession hin und ich glaube was die Marktteilnehmer was die Analysten, aber auch die Volkswirte unterschätzen, ist, mit welcher Zeitverzögerung Zinserhöhungen und restriktivere Geldpolitik auf die Aktienmärkte und auf die Konjunktur durchschlagen. Das dauert eben etwas, bis ich dann eine Anschlussfinanzierung brauche und die dann so teuer wird, dass ich Probleme bekomme. Die Anzahl der Zombieunternehmen, also der Unternehmen, die einen negativen Cashflow haben, die heute quasi ohne frisches Kapital schon ihren Zinsdienst nicht mehr leisten können, ist den USA zuletzt auf 43 Prozent gestiegen und ich denke das werden wir eben in den nächsten. Quartalen noch stärker zu spüren bekommen und die US Wirtschaft kommt nicht um eine Rezession herum.
Martin Kerscher:Welche Indikatoren sollten Anleger im Auge behalten, um die Wahrscheinlichkeit eines Soft Landings besser bewerten oder voraussehen zu können?
Stefan Risse: Also ein klassischer Rezessionsindikator ist ja die Zinsstrukturkurve. Immer wenn diese invers wird, dann deutet das in der Regel auf eine Rezession hin. Seitdem wir die freien Wechselkurse haben - seit Aufgabe des Bretton Wood Systems - haben wir sieben Mal inverse Strukturkurven gehabt und alle sieben Mal gab es dann auch am Ende eine Rezession.
Was zeigt die inverse Zinsstrukturkurve? Die zeigt, dass der Markt bereits mit Zinssenkungen rechnet, weil er eben auch mit einer Rezession rechnet. Deswegen gehen am langen Ende Zinsen runter, während am kurzen Ende, wo die Notenbank über den Leitzins ja die Zinsen bestimmt, die Notenbank eben noch auf der Bremse steht, um unter Umständen eine zu heiß laufende Wirtschaft abzubremsen oder jetzt in diesem Fall Inflation zu bekämpfen. Und die Zinsstrukturkurve ist in den USA wie in Europa hoch invers. Das ist ein Indikator.
Dann gibt es in Amerika den Indikator des Verbrauchervertrauens, wir den ifo Index in Deutschland, Da hat man ähnliche Relation: Es gibt die Einschätzung der aktuellen Lage und es gibt die Erwartungen. Wenn wir das Verbrauchervertrauen in USA uns angucken, wird die Lage noch sehr gut eingeschätzt, und die Zukunft, die negativ eingeschätzt wird. Dann ziehen sie einfach von der Zukunftserwartung die aktuelle Lage ab. Und wenn die deutlich besser ist als das, was die Leute erwarten, dann kommt es zur Rezession. Es gibt durchaus auch noch weitere Indikatoren, die darauf hindeuten, dass wir Rezession bekommen. Also beim Soft Landing, da ist der Wunsch der Vater des Gedanken.
Martin Kerscher: Könnten denn geldpolitische Maßnahmen der Fed die Wahrscheinlichkeit eines Soft Landings beeinflussen? Auf der jüngsten Sitzung hat die Fed ja zumindest eine Pause eingelegt, aber durchaus eine gewisse Verwirrung gestiftet darüber, wie es mit der Zinspolitik weitergehen könnte.
Stefan Risse: Das, wie ich immer wieder betonen will, sie ja selber am Ende nicht weiß. Ich glaube es ist verschenkte Zeit, was da Marktanalytiker mit irgendwelchen Statements verbringen. Ja, die Fed hat gesagt: "Higher for longer", also die Zinsen könnten länger hoch bleiben. Das ist aber alles aus der Perspektive der aktuellen wirtschaftlichen Situation und der aktuellen Prognosen zu betrachten. Wenn es denn anders kommt als die Zentralbanker denken - und die haben genauso viel Informationen wie Sie und ich, die haben auch keine Glaskugel - wenn es anders kommt, dann ist das alles Makulatur.
Nehmen sie nur die jüngere Vergangenheit: Jerome Powell hat die Inflation nicht vorausgesehen. Sonst hätte er die Zinsen im Vorfeld schon angehoben, um sie gar nicht entstehen zu lassen. Dann war sie da, dann war er noch zögerlich mit Zinserhöhungen, weil er sagte: Sie ist transitory, also sie ist nur vorübergehend. Und jetzt ist sie für ihn sticky, jetzt will er "Higher for longer".
Wenn aber jetzt eine schärfere Rezession kommt in 2024, und die Arbeitslosenzahlen nach oben gehen, dann ist nichts mit "Higher for longer", dann werden die Zinsen auch ganz schnell wieder gesenkt. Mit anderen Worten: Börsianer sollten sich keine Gedanken darüber machen: Was wird der Notenbankchef in Zukunft tun? Was kann ich aus seinen Statements lesen? Sondern er muss sich Gedanken machen darüber, wie sich die Wirtschaft entwickeln wird. Und wenn die Notenbanken Soft Landing glaubt, aber man kommt so wie ich zu dem Schluss, das ist Quatsch, das wird es nicht geben, dann wird die Zinspolitik auch eine andere sein als die jetzt eben in Aussicht gestellt hat.
Martin Kerscher: Wie diskutiert man denn bei Acatis im Anlage-Ausschuss darüber und wie positioniert sich eigentlich Acatis auch angesichts dessen? Sag mal es scheint ja so darauf hinauszulaufen, dass es davon ausgeht, dass eine Rezession in den USA geben wird, also eher raus aus den US-Werten?
Stefan Risse: Nee, wir sehen ja die Rezession in Europa eher noch schärfer kommen. Insofern ist das keine Lösung. Japan ist nicht uninteressant, auch da haben wir einige Picks, also einige Titel, die wir im Fonds haben. China hat zu hohe politische Risiken. Es ist von einer lockeren Geldpolitik geprägt, weil sie den Immobilienmarkt stützen müssen, aber das politische Risiko ist einfach zu hoch, um da wirklich viel im Portfolio zu machen.
Grundsätzlich ist es unserem Gründer Hendrik Leber ziemlich egal, was ich da prognostiziere, denn wir versuchen ja nicht Märkte zu prognostizieren und die Konjunktur zu prognostizieren. Wir versuchen Gewinne oder um genau zu sein, freie Cashflows der Unternehmen, in die wir für die nächsten zehn Jahre investieren, zu prognostizieren. Und da ist die Konjunktur viel weniger wichtig als das Geschäftsmodell und die Marktstellung eines Unternehmens.
Martin Kerscher: Vielen Dank für das Interview, Herr Risse.
Dieses Interview ist zuerst auf dem YouTube-Kanal von wallstreetONLINE erschienen.
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