DJ De Guindos warnt vor trügerischer Ruhe an den Märkten
Von Hans Bentzien
DOW JONES--Die Weltwirtschaft durchläuft nach Einschätzung des Vizepräsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Luis de Guindos, eine Phase tiefgreifender Veränderungen, die von US-Zöllen und einer Erosion des multilateralen Systems geprägt ist. Diese Entwicklung belaste die Aktivität im Euroraum, da Unternehmen Investitionen aufschieben und Haushalte aus Vorsicht mehr Geld zurücklegen. "Der Übergang zu einem neuen Paradigma - einem, in dem rechtsstaatliche Prinzipien infrage gestellt werden - spiegelt tiefgreifende globale Unsicherheiten wider, die wahrscheinlich anhalten werden", sagte de Guindos laut veröffentlichtem Redetext bei einer Veranstaltung in Madrid.
Trotz dieses schwierigen Umfelds habe sich die Inflation im Euroraum bei 2,0 Prozent stabilisiert, wobei auch der Preisdruck bei Energie und Nahrungsmitteln nachgelassen habe. Die Wachstumsprognosen seien leicht angehoben worden, wobei die Binnennachfrage sowie staatliche Ausgaben für Infrastruktur und Verteidigung als wichtigste Stützen der Konjunktur fungierten. Der Arbeitsmarkt zeigt sich robust, auch wenn die hohe Sparneigung der Verbraucher den Konsum bremst.
Sorgen bereiten dem Notenbanker jedoch die Finanzmärkte, die Risiken wie geopolitische Eskalationen oder Zweifel an der US-Finanzpolitik nach seiner Aussage derzeit ausblenden. "Die hohe Unsicherheit im globalen Umfeld scheint sich nicht in den aktuellen Marktpreisen widerzuspiegeln", warnte de Guindos. Er sieht Gefahren durch überzogene Bewertungen, Liquiditätsengpässe bei Nicht-Banken und die hohe Staatsverschuldung, die bei negativen Überraschungen zu abrupten Marktkorrekturen führen könnten.
Als passende Antwort auf die geopolitischen Herausforderungen betrachtet de Guindos eine Stärkung der Stabilität der Banken und eine Vertiefung des Binnenmarktes an. "Um Europas Wachstumsaussichten zu stärken und seine Anfälligkeit für künftige Schocks zu verringern, brauchen wir mehr Europa, nicht weniger", betonte er. Nur durch eine Vollendung der Bankenunion und effizientere Kapitalmärkte könne sich der Kontinent an die neue Weltordnung anpassen.
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