DJ EZB-Chefvolkswirt Lane rechnet vorerst mit unveränderten Zinsen
Von Hans Bentzien
DOW JONES--Der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), Philip Lane, rechnet vorerst mit unveränderten Leitzinsen. In einem Interview mit La Stampa sagte er, die EZB-Prognosen deuteten derzeit auf eine mittelfristige Stabilisierung bei 2 Prozent und ein Wirtschaftswachstum in der Nähe der Potenzialrate hin. "Unter diesen Umständen rechnet niemand mit sehr großen Zinsbewegungen", sagte er. In ihrem Basisszenario gehe die EZB tatsächlich von einer bemerkenswert stabilen Lage aus. Allerdings werde die EZB ihre Geldpolitik bei Bedarf anpassen, sollte es zu Abweichungen vom Basisszenario kommen.
Lane zufolge gibt es Risiken sowohl für ein Unter- als auch ein Überschreiten von 2 Prozent Inflation. Viele der Entwicklungen, die die Inflation mittelfristig unter das Ziel drücken könnten, würden mit einer wirtschaftlichen Abkühlung einhergehen, so Lane. Entwicklungen, die die Inflation über 2 Prozent treiben, würden typischerweise eine Beschleunigung der Wirtschaft beinhalten. "Aber lassen Sie mich betonen, dass die Wirtschaft in unserem Basisszenario nahe am Potenzialwachstum wächst. Um also über dem Basisszenario zu liegen, müssten wir eine deutliche Beschleunigung der Wirtschaft sehen", sagte er.
Ein anderes Szenario wäre eine größere Störung der Weltwirtschaft, etwa wie in den Jahren 2021 bis 2022, die zu großen Engpässen führen und die globalen Lieferketten unterbrechen würde. "Aber das ist eher ein Albtraumszenario, das auch rezessive Kraft hat", fügte er hinzu.
US-Notenbank muss ihre Aufgabe erfüllen können
Aus Lanes Sicht ist es auch für die EZB wichtig, dass die US-Notenbank in der Lage ist, ihre geldpolitischen Ziele - Preisstabilität und Maximalbeschäftigung - zu erreichen. "Wirtschaftlich schwierig wäre es für uns, wenn die Inflation in den USA nicht zum Ziel zurückkehrte oder wenn die Finanzkonditionen in den USA auf eine steigende Laufzeitprämie übergreifen würden", sagte er. Eine Neubewertung der künftigen Rolle des Dollar könnte zudem eine Art finanziellen Schock für den Euro darstellen.
Lane sieht außerdem das Risiko einer Korrektur der aktuell sehr hohen Aktienkurse. "Das Worst-Case-Szenario wäre, wenn sich herausstellen sollte, dass KI nicht der "Game Changer" ist, den jeder erwartet. Sollte KI bei Produktivitätsgewinnen und Kostensenkungen enttäuschen, würden wir zusätzlich zu einer Marktkorrektur auch eine wirtschaftliche Korrektur sehen, mit einem starken Rückzug bei Investitionen", warnte er. Im Moment sei ein unmittelbarer Auslöser schwer zu erkennen, aber es könnte passieren. "Dies alles wird sich jedoch über eine Reihe von Jahren abspielen."
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January 16, 2026 03:54 ET (08:54 GMT)
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