Welche Kennzahl wird 2026 wichtig? Welche zentrale Annahme in den aktuellen Aktienbewertungen teilen die Experten nicht und welches Risiko unterschätzt der Markt? Von KI-Capex über freien Cashflow bis zum KBV: Lesen Sie die Antworten in Teil 3 unserer großen Expertenumfrage. Wir haben erfahrene Aktienfondsmanager und CIOs gebeten, ihren Aktien-Kompass für 2026 zu benennen und drei Fragen zu beantworten: Welche Kennzahl ist aus ihrer Sicht entscheidend, welche zentrale Annahme hinter den aktuellen Bewertungen teilen sie nicht und welches Risiko wird am Markt am ehesten unterschätzt? Auffällig ist, wie sehr 2026 am KI-Narrativ hängt: ob die Investitionen in Infrastruktur weiterlaufen, ob daraus tatsächlich ein belastbarer Return entsteht und wie viel der Produktivitätsgewinne am Ende in den Margen der Unternehmen ankommt. Genau hier verorten mehrere Befragte den wunden Punkt der aktuellen Bewertungen. Als unterschätzte Risikofaktoren nennen die Experten vor allem höhere Zinsen, eine hartnäckige Inflation und geopolitische Eskalationen. Wenn Sie sich für 2026 auf genau eine Kennzahl als Aktien-Kompass festlegen müssten: Welche wäre das - und warum? Bert Flossbach, Flossbach von StorchLeider gibt es diese eine Kennzahl nicht. Aktienanalyse ist und bleibt ein umfänglicher Blick auf verschiedene Kennzahlen - und nicht zuletzt auf die weichen Faktoren, etwa die Qualität des Managements eines Unternehmens. Aber: Wenn ich eine Kennziffer hervorheben müsste, wäre es der freie Cashflow. Bobby Vedral, Macro EagleBei mir ist das immer eine Kombination aus drei Bewertungen: (1) Qualität des Managements, denn dem "Financial Cycle" folgt meistens der "Fraud Cycle". (2) Die Bewertung, wobei ich meistens auf das adjustierte KGV schaue. (3) Die Liquidität der Aktie. Martin Lück, Macro MonkeyEs wäre die einfachste, bekannteste und langweiligste, nämlich das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), möglicherweise ergänzt durch seine konjunkturbereinigte Variante (CAPE). Der Grund für diese Wahl ist, dass ohnehin keine Kennzahl Über- oder Unterbewertungen über verschiedene Unternehmen, Sektoren oder gar Regionen hinweg wirklich verlässlich abbildet. Wichtiger ist daher, Kennzahlen zu beobachten, die eine möglichst hohe Zahl an Marktteilnehmern ebenfalls verfolgen, und das trifft vor allem für KGV/CAPE zu. Denn in Zeiten, in denen es vor allem darum geht, ob sich in Märkten Blasenrisiken aufbauen, ist der Herdentrieb der Anleger entscheidend. Insofern zählt weniger, was ein einzelner Investor denkt, bzw. ob er mit einer vielleicht präziseren Kennzahl Bewertungsrisiken besser abbildet. Entscheidend ist, was der Markt denkt. Benjardin Gärtner, Global Head of Equity, DWSDie Kennzahl, die für Aktien im kommenden Jahr besonders relevant sein wird, ist das Capex-Wachstum für die KI-Infrastruktur, also das Wachstum der Investitionsausgaben. Diese Kennzahl zeigt, ob der massive KI-Investitionszyklus der vergangenen Jahre weiter anhalten wird. Allein im Jahr 2025 wurden 500 Mrd. Dollar in den Auf- und Ausbau von KI-Datencentern investiert. Kein Wunder also, dass die KI-getriebene Produktivität die Basis für die Margenstabilität und das Gewinnwachstum von Unternehmen ist. Das gilt für viele Branchen: Technologie, Industrie, Rohstoffe, Bau, Infrastruktur - um nur die wichtigsten zu nennen. Noch ein Wort zur Bedeutung von KI im Jahr 2026: Wir erwarten für 2026 ein Gewinnwachstum von 16% im KI-bezogenen Technologiesektor; für den Rest des Marktes rechnen wir mit einem Gewinnwachstum von 8%. Das zeigt die Bedeutung dieses Bereichs. Roger Peeters, pfp AdvisoryLassen Sie mich vorwegschicken: Generell halten wir es bei pfp Advisory im Anlageprozess für vorteilhaft, eben nicht auf eine vermeintliche "goldene Kennzahl" zu setzen, sondern besser mit vielen verschiedenen und möglichst wenig korrelierten Kennzahlen zu arbeiten. Wenn ich mich 2026 bei der Marktbeobachtung auf eine Kennzahl konzentrieren müsste, hielte ich das Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) für aufschlussreich. Der Hintergrund ist der, dass wir ein durchaus heterogenes Bild in den Bewertungen der Aktienmärkte haben. Und am KBV kann ich diese Unterschiede vergleichsweise gut ablesen. US-Aktien und Tech-Werte generell notieren hier (auch im historischen Vergleich) sehr hoch. Bei Nebenwerten aus Europa beispielsweise trifft dies nur in seltenen Fällen zu. Der Markt ist eben nicht ausschließlich teuer oder billig. Es kann gut sein, dass diese Schattierungen im Bewertungsgefüge im Jahr 2026 noch mal relevant werden. Christian Jasperneite, Chief Investment Officer M.M. WarburgIn den vergangenen Jahrzehnten galt Handel vordergründig als Kooperation auf Augenhöhe, doch zunehmend wird er von vielen Staaten als geopolitisches Instrument genutzt. Die Globalisierung veränderte mit der Finanzkrise 2008 erst langsam, dann immer schneller ihren Charakter. Der globale Wendepunkt war wahrscheinlich Chinas Entscheidung, von der Welt unabhängiger zu werden und gleichzeitig die Welt von China abhängig zu machen. Die USA haben diesen geopolitischen Wandel früher erkannt als Europa. Ihr Interesse an Venezuela ist in diesem Kontext zu sehen: Das Land verfügt neben viel Erdöl vor allem über gewaltige Vorkommen an Seltenen Erden. Auch die jüngste Beschlagnahmung eines russischen Öltankers durch die USA, der wohl venezolanisches Öl transportierte, beweist die aktuelle geopolitische Relevanz. Spätestens seit Russlands Angriff auf die Ukraine ist klar, dass Länder wieder bereit sind, Grenzen mit Waffengewalt zu verschieben. Das könnte China ermutigen, in Taiwan einzumarschieren, und auch ein russischer Angriff auf NATO-Staaten scheint nicht mehr ausgeschlossen. Daher sind gerade in der Aktienselektion Kennzahlen entscheidend, die Hinweise auf die Resilienz von Unternehmen bei geopolitischen Anspannungen liefern. Da "klassische" Kennzahlen fehlen, könnte eine Herleitung von Scorings durch KI ein probates Mittel sein. Thomas Kruse, CIO Amundi DeutschlandGrundsätzlich sollten sich Aktienkurse an der Dynamik der Unternehmensgewinne orientieren. Das klassische Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) bleibt deshalb eine robuste und leicht verständliche Kennzahl, um die Attraktivität von Aktiensegmenten zu beurteilen. Die aktuelle KI-Transformation hat allerdings erhebliche Fantasie in Gewinnerwartungen und Bewertungen gebracht - das erklärt einen Teil der hohen Marktbewertungen der letzten Jahre. Trotzdem sollten wir bewährte Maßstäbe der Bewertung nicht ohne Weiteres durch neue Kennzahlen ersetzen. Es empfiehlt sich daher aus meiner Sicht, das KGV einzelner Segmente stets relativ zu ihrer eigenen zwanzigjährigen Historie zu betrachten. Dieser historische Referenzrahmen erlaubt es, absolute Bewertungen einzuordnen und gleichzeitig relative Chancen zu identifizieren. Viele Segmente erscheinen absolut hoch bewertet; dennoch finden sich relativ zur eigenen Historie Differenzen, die Investitionsmöglichkeiten signalisieren. Ein Beispiel: Europäische Small- und Midcaps notieren aktuell oft nur zwischen rund 30 und 70% ihrer historischen Bewertungen und liegen damit teilweise unter ihrem 20-Jahres-Durchschnitt. Solche Relativbewertungen sind ein wertvoller Ausgangspunkt für selektive Allokationen. Das Aktiensegment der "Magnificent Seven" illustriert die Balance zwischen Fantasie und Basisbewertung: Ein KGV leicht über 30 stellt diese Titel als absolut gesehen hoch bewertet dar, doch historisch bewegen sie sich bei etwa 70% aller beobachteten Bewertungen und damit noch unter extremen Spitzenwerten von über 95%. Das zeigt: Hohe Bewertungen müssen nicht zwingend Übertreibungen sein, erfordern aber eine sorgfältige Prüfung der Gewinnerwartungen und der Nachhaltigkeit von Margen. Fazit: Das KGV bleibt - relativ gesehen in einem historischen Kontext über 20 Jahre - unsere zentrale Bewertungsleitlinie. Es hilft, Überbewertungen zu erkennen, relative Chancen aufzuspüren, etwa im Bereich der europäischen Small-/Midcaps - immer verbunden mit einem strikten Risikomanagement, Diversifikation und einer Prüfung der zugrunde liegenden Gewinnerwartungen. Frank Fischer, CEO der Shareholder Value ManagementMein Aktien-Kompass für 2026 ist die Kapitalrendite, da hohe Renditen auf das eingesetzte Kapital langfristig jede rein kurzfristige Bewertungschance schlagen. In einem Umfeld, das von hoher Staatsverschuldung und Inflationsrisiken geprägt ist, dient diese Kennzahl als ultimativer Beweis für die Qualität eines Geschäftsmodells und dessen strukturelle Wettbewerbsvorteile. Nur Unternehmen, die so ihre Ertragskraft stabil halten, können den Zinseszinseffekt voll ausschöpfen und als 'Modern Value'-Anker in einem unsicheren Marktumfeld fungieren. ...Den vollständigen Artikel lesen ...
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