DJ MARKT-AUSBLICK/DAX auf dem Weg zum Allzeithoch
Von Manuel Priego Thimmel
DOW JONES--Nvidia hat nicht den erhofften Befreiungsschlag für die Börsen geliefert. Der Chip-Gigant, der als KI-Flaggschiff große Bedeutung weit über den Technologiesektor hinaus hat, hat zwar exzellente Zahlen und einen starken Ausblick geliefert. Das reichte aber nicht aus, um die Zweifel über die Nachhaltigkeit zukünftiger KI-Investitionen zu zerstreuen. Die Sorge vor einem Platzen der KI-Blase sowie disruptiven KI-Effekten auf die Geschäftsmodelle etablierter Unternehmen hat den DAX zwar zuletzt immer wieder gebremst. Die wirtschaftliche Erholung gewinnt aber an Breite, es dürfte daher nicht mehr lange dauern, bis neue Allzeithochs markiert werden. Ein US-Militärschlag gegen den Iran erscheint derzeit als größtes Risiko gegen weiter steigende Börsenkurse.
Trotz der erneuten Zollunsicherheit und aller geopolitischen Sorgen bleibt der globale Konjunkturtrend aufwärtsgerichtet: "Die Weltwirtschaft wächst über Trend und die Märkte haben sich an einige anhaltende Unsicherheiten wie etwa an der Zollfront gewohnt", schätzt Merck Finck die Lage ein. In Deutschland scheint das milliardenschwere Investitionsprogramm der Bundesregierung endlich Wirkung zu zeigen. In der kommenden Woche werden Daten zum deutschen Auftragseingang veröffentlicht. Die Commerzbank erwartet, dass die Kerngröße ohne Großaufträge im Januar den fünften Monat in Folge zugelegt hat, und zwar um 1 Prozent: "Dies wäre ein weiteres Hoffnungszeichen, dass die Industrie in diesem Jahr das Wachstum der deutschen Wirtschaft unterstützen wird."
Von der Inflationsseite kommt derzeit kein Gegenwind. Trotz eines zuletzt gestiegenen Ölpreises dürften die europäischen Verbraucherpreise im Februar bei 1,7 Prozent verbleiben, und damit unter dem Inflationsziel der EZB von 2 Prozent. Den Grund sieht die Commerzbank in einem geringeren Anstieg der Preise für Industriegüter und Dienstleistungen. "Allerdings ist auch dieser Effekt wohl so schwach, dass die Kernrate ohne die schwankungsanfälligen Energie- und Lebensmittelpreise wie im Januar 2,2 Prozent betragen dürfte", heißt es. Für die EZB heißt das, dass es aktuell keine Notwendigkeit gibt, an der Zinschraube zu drehen.
Wichtige Daten stehen mit dem US-Arbeitsmarktbericht am kommenden Freitag auch in den USA an. Dort hat sich der Beschäftigungsanstieg in den vergangenen Monaten verlangsamt. Für den Februar rechnet die Commerzbank mit einem Stellenanstieg um 60.000, die Arbeitslosenquote sollte bei 4,3 Prozent verharren. "Aus Sicht der US-Notenbank bestehen damit wohl weiterhin gewisse Abwärtsrisiken am Arbeitsmarkt, die aber nicht so gravierend sind, dass sie bereits auf einer der nächsten beiden Sitzungen zu Zinssenkungen führen sollten", heißt es. Daneben werden am gleichen Tag die Einzelhandelsumsätze veröffentlicht, hier wird mit einem leichten Rückgang gerechnet.
Neben dem konjunkturellen Umfeld kommt von der laufenden Berichtssaison Unterstützung für die Börsen. In der Zwischenzeit haben fast 90 Prozent aller europäischen Unternehmen ihre Geschäftszahlen vorgelegt. Morgan Stanley zieht ein insgesamt positives Resümee. Netto hätten 23 Prozent der Konzerne die Erwartungen geschlagen, die Ausblicke seien als neutral einzustufen. Die Zahlen sprechen nach Einschätzung der Analysten für anhaltende Liquiditätszuflüsse an die europäischen Börsen und Abflüsse aus den USA. Wie der jüngsten Fund Manager Survey der Bank of America zu entnehmen ist, kehren Institutionelle Anleger der Wall Street zunehmend den Rücken - Profiteure sind Schwellenländer und Europa.
Ein Kaufargument liefert auch die Dividendensaison. Die erwartete DAX-Dividendensumme hat sich nach den 17 DAX-Dividendenankündigungen deutlich nach oben bewegt. Die Commerzbank weist darauf hin, dass Analysten zu Jahresbeginn noch davon ausgegangen waren, die Dividendensumme für die am deutschen Aktienmarkt gehandelten DAX-Aktien werde um 1,7 Prozent von 52,6 Milliarden auf 51,7 Milliarden Euro sinken. Doch mittlerweile liegt die prognostizierte gesamte DAX-Dividendenausschüttung auf einem neuen Rekordhoch von 53,9 Milliarden Euro, was gegenüber dem Vorjahr ein Plus von 2,4 Prozent bedeuten würde.
Zudem dürften die DAX-Unternehmen in diesem Jahr deutlich mehr eigene Aktien zurückkaufen. Auf Basis der in den vergangenen Wochen angekündigten Programme werden diese Käufe 2026 wahrscheinlich einen Gesamtwert von 25 Milliarden Euro umfassen, verglichen mit knapp 20 Milliarden Euro im Jahr 2025. "Die besser als erwartet laufende DAX-Dividendensaison und die weiter zunehmenden Aktienrückkaufprogramme sind wichtige Trends, warum wir den DAX-Index mit Blick auf die kommenden Quartale weiterhin als ein vielversprechendes Investment einstufen", so die Commerzbank.
Hauptrisiko für die Börsen ist aktuell ein möglicher US-Militärschlag gegen den Iran. Sollte sich das Regime in Teheran in seiner Existenz bedroht fühlen, könnte der Konflikt schnell eskalieren. Nicht nur befinden sich zahlreiche US-Militärbasen in Reichweite iranischer Raketen, auch Israel dürfte zum Ziel iranischer Angriffe werden. Aus Finanzmarktsicht relevant ist vor allem eine mögliche Schließung der Strasse von Hormus durch den Iran. Knapp 20 Prozent aller Öllieferungen passieren die Meerenge, vor allem Richtung asiatische Märkte. Selbst bei einer nur kurzen oder anteiligen Schließung der Strasse droht ein signifikanter Anstieg des Ölpreises, mit Auswirkungen auf die Wirtschats- und Inflationserwartungen und letztlich die Börsen.
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February 27, 2026 08:11 ET (13:11 GMT)
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