
© Foto: Claus-heinrich Carstens auf Pixabay (symbolbild)
Wer jetzt in Gerresheimer einsteigt, greift möglicherweise ins fallende Messer. Der Düsseldorfer Pharmaverpackungsspezialist steckt tief in der Krise: Bilanzierungsfehler, zwei laufende BaFin-Prüfungen, ein verschobener Jahresabschluss und Wertminderungen von bis zu 240 Millionen Euro. Der Aktienkurs hat sich seit März 2025 - also binnen eines Jahres - um rund 80 Prozent vom Hoch entfernt und ein Mehrjahrestief markiert. Bis zum 31. März muss der testierte Jahresabschluss vorliegen. Gelingt das nicht, könnte es noch deutlich ungemütlicher werden. Was steckt hinter dem Debakel, und warum ist jetzt höchste Vorsicht geboten?
Ein Unternehmen räumt auf… …und findet immer mehr
Es begann mit einem Eingeständnis, das eigentlich bereinigend wirken sollte. Ende 2025 räumte Gerresheimer Bilanzierungsfehler ein. Mitarbeiter hatten Umsätze verbucht, bevor die Ware überhaupt ausgeliefert war. Diese sogenannten Bill-and-Hold-Vereinbarungen klingen technisch, sind aber im Kern ein ernstes Problem. Die Bücher zeigten ein Bild, das mit der Realität nicht übereinstimmte. Das Unternehmen will diese Praxis nun vollständig einstellen und rückwirkend korrigieren. Doch je tiefer gegraben wird, desto mehr kommt ans Licht. Die BaFin hat ihre Prüfungen inzwischen deutlich ausgeweitet. Neben dem Geschäftsbericht 2023/24 nimmt die Finanzaufsicht nun auch den Zeitraum von Dezember 2024 bis Mai 2025 unter die Lupe. Dabei geht es nicht nur um Umsatzrealisierung, sondern auch um möglicherweise falsch ausgewiesene Leasingverbindlichkeiten von 65,5 Millionen Euro und aktivierte Entwicklungskosten von 29,4 Millionen Euro. Zwei BaFin-Prüfungen laufen also gleichzeitig. Das ist kein Kleinkram mehr. Die Konsequenzen für die Zahlen sind jetzt auch erheblich. Der Gewinn je Aktie bricht deutlich zweistellig ein, ein Verlust ist ausdrücklich nicht ausgeschlossen. Obendrauf kommen Wertminderungen von 220 bis 240 Millionen Euro, vor allem bei der Schweizer Tochter Sensile Medical und dem US-Standort Chicago. CEO und CFO haben ihre Posten bereits geräumt. Eine zweite Prüfungsgesellschaft wurde beauftragt. Und die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz prüft Schadenersatzansprüche. Das Management reagiert mit Notmaßnahmen und möchte das "Tafelsilber" veräußern.

Charttechnik
Das Chartbild spricht eine deutliche Sprache. Ende Februar fiel die Aktie auf knapp unter 15 Euro, den tiefsten Stand seit mehreren Jahren. Vom 52-Wochen-Hoch bei über 80 Euro im März 2025 hat sich der Kurs um rund 80 Prozent entfernt. Seit Jahresbeginn beträgt der Verlust deutlich über 30 Prozent. Zuletzt erholte sich das Papier etwas und liegt bei 18,50 Euro. Solche Erholungen in stark gefallenen Titeln sind oftmals aber klassische Bärenfallen. Der RSI-14 liegt bei 31und signalisiert eine nahezu technisch überverkaufte Situation. Das kann kurzfristig für eine Gegenbewegungen sorgen. Aber überverkauft bedeutet nicht, dass eine Trendwende bevorsteht. Solange der Jahresabschluss aussteht und die BaFin ermittelt, fehlt die Grundlage für nachhaltiges Vertrauen. Wer hier kauft, wettet darauf, dass der 31. März alles bereinigt. Das ist riskant.
Was tun?
Die Lage ist recht klar: Gerresheimer ist im Moment kein Investment, sondern eine Spekulation, und eine gefährliche dazu. Die fundamentale Basis ist erschüttert. Bilanzierungsfehler, gesenkter Gewinnausblick, möglicher Verlust, Wertminderungen und ein laufendes Ermittlungsverfahren der BaFin. Das sind keine vorübergehenden Schönheitsfehler, sondern strukturelle Vertrauensprobleme. Die entscheidende Frage ist: Was passiert am 31. März? Liegt ein sauberer, testierter Jahresabschluss vor, könnte das zumindest einen Teil der Unsicherheit nehmen. Gelingt das nicht, dürfte die Aktie die Tiefs vom Februar erneut anlaufen. Anleger, die bereits investiert sind, sollten dann die Reißleine zumindest in Betracht ziehen. Wer neu einsteigen möchte, könnte zumindest den 31. März abwarten und dann schauen, was die Zahlen wirklich sagen.
Autor: Felix Goldbach, FinanzNachrichten-Redaktion
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