
Der Zugang zu Finanzdienstleistungen entscheidet über wirtschaftliche Integration. Doch KI-Scoring, Bürokratie und Bonitätsprüfungen schaffen neue Hürden - mit Folgen für Millionen Menschen.
Ein Girokonto gilt in Deutschland als Selbstverständlichkeit. Tatsächlich ist es jedoch eine zentrale Voraussetzung für gesellschaftliche und wirtschaftliche Teilhabe. Wer kein Konto hat oder nur eingeschränkten Zugang zu Finanzdienstleistungen erhält, kann kaum am modernen Wirtschaftsleben teilnehmen: Gehalt empfangen, Miete überweisen, Rechnungen bezahlen oder digitale Dienstleistungen nutzen. All das setzt eine funktionierende Kontoverbindung voraus.
Damit wird der Zugang zu einem Konto zu einer Frage der wirtschaftlichen Infrastruktur. Doch gerade in einem hochentwickelten Finanzsystem wie Deutschland zeigen sich strukturelle Hürden, die viele Menschen ausschließen, häufig, ohne dass dies öffentlich sichtbar wird.
Wenn Finanzzugang über Teilhabe entscheidet
Heutzutage ist ein Girokonto ist mehr als ein reines Bankprodukt. Es ist ein Zugangspunkt zum wirtschaftlichen Alltag.
Die Europäische Union hat diese Problematik erkannt und mit dem Zahlungskontengesetz einen Anspruch auf ein Basiskonto geschaffen. In der Praxis bleibt der Zugang jedoch häufig kompliziert: Bürokratische Anforderungen, Kostenstrukturen und Bonitätsprüfungen stellen weiterhin Hürden dar.
Zunehmend kommt mit dem wachsenden Einsatz von KI ein weiterer Faktor mit automatisierten Entscheidungsprozessen hinzu.
KI-Scoring entscheidet über Finanzzugang
Im Finanzsektor werden Bonitätsentscheidungen heute immer häufiger durch algorithmische Systeme getroffen. Kreditwürdigkeit, Risikoprofile oder Kontoeröffnungen werden anhand von Datenmodellen bewertet, die zahlreiche Faktoren berücksichtigen - von Zahlungshistorien bis hin zu statistischen Mustern im Konsumverhalten.
Das Problem: Diese Systeme sind für Verbraucherinnen und Verbraucher kaum nachvollziehbar. Gleichzeitig können sie bestehende strukturelle Ungleichheiten verstärken. Laurent Guivarch, CEO von Nickel Deutschland, sieht darin eine zentrale Herausforderung für die finanzielle Teilhabe: "Automatisierte Scoring-Systeme entscheiden zunehmend darüber, wer Zugang zu Finanzdienstleistungen erhält und wer ausgeschlossen wird. Diese Systeme benachteiligen häufig Menschen, die ohnehin bereits mit strukturellen Schwierigkeiten konfrontiert sind, und verstärken bestehende Ungleichheiten."
Gerade Personen mit unregelmäßigen Einkommen, neu Zugewanderte oder Menschen ohne umfangreiche Kreditgeschichte geraten so schnell in eine algorithmische Risikokategorie. Die Folge kann sein, dass ihnen grundlegende Finanzprodukte verwehrt bleiben.
"Wenn der Zugang zu grundlegenden Bankdienstleistungen durch intransparente oder automatisierte Entscheidungen eingeschränkt wird, geraten Betroffene noch stärker an den Rand des wirtschaftlichen Systems", sagt Guivarch. "Das betrifft nicht nur ihr persönliches Leben, sondern entzieht auch der Gesellschaft wirtschaftliche Beiträge wie Ersparnisse, Konsum oder unternehmerische Aktivitäten."
Regulierung: Der EU-AI-Act setzt neue Maßstäbe
Die wachsende Rolle von KI-Systemen im Finanzbereich hat inzwischen auch regulatorische Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Der europäische AI-Act stuft algorithmische Systeme zur Bewertung von Kreditwürdigkeit und Finanzrisiken als sogenannte Hochrisiko-Anwendungen ein.
Damit gelten künftig strengere Anforderungen an Transparenz, Nachvollziehbarkeit und menschliche Kontrolle. Ziel ist es, Diskriminierung durch automatisierte Entscheidungen zu vermeiden und sicherzustellen, dass Betroffene Einspruchsmöglichkeiten haben.
Für Finanzdienstleister bedeutet dies eine grundlegende Herausforderung. Schließlich müssen Sie künftig nicht nur effiziente Modelle entwickeln, sondern auch nachweisen können, dass diese fair und nachvollziehbar arbeiten.
Ein Gegenmodell ohne Bonitätslogik
Parallel zu dieser Entwicklung entstehen alternative Ansätze im Markt. Einige Anbieter versuchen, die Zugangshürden bewusst zu reduzieren, indem sie auf Bonitätsprüfungen verzichten und stattdessen andere Modelle nutzen.
Der Kontoanbieter Nickel verfolgt beispielsweise ein Konzept, bei dem der Zugang ausschließlich über die Identitätsprüfung erfolgt. Kreditfunktionen wie Dispokredite werden bewusst nicht angeboten, wodurch kein klassisches Kreditrisiko entsteht.
"Nickel wurde vor über zehn Jahren, im Jahr 2014, mit dem Anspruch gegründet, Banking neu zu denken und ein Konto für alle anzubieten", erklärt Guivarch. "Von Beginn an haben sich die Gründer bewusst gegen Kredit-Scoring oder Einkommensanforderungen entschieden." Das Modell basiert darauf, grundlegende Zahlungsfunktionen anzubieten, ohne Kunden anhand ihrer Bonität zu klassifizieren.
"Nickel ermöglicht die Eröffnung eines Girokontos unabhängig vom finanziellen Hintergrund - ohne Mindesteinlagen, Einkommensschwellen oder preisliche Segmentierung - und ist für Kundinnen und Kunden aus über 190 Nationen zugänglich", so Guivarch weiter. "Möglich ist das, weil Nickel keine Dispokredite anbietet und somit kein Kreditrisiko entsteht. Der Zugang basiert ausschließlich auf der Identitätsprüfung - und schafft damit ein faires, transparentes und inklusives Modell."
Solche Modelle zeigen, dass sich finanzielle Dienstleistungen auch anders organisieren lassen: weniger risikobasiert, stärker auf Grundfunktionen ausgerichtet und mit niedrigeren Zugangsschwellen.
Finanzielle Inklusion als wirtschaftlicher Standortfaktor
Die Debatte um Finanzinklusion wird häufig als sozialpolitisches Thema behandelt. Tatsächlich hat sie jedoch auch eine klare wirtschaftliche Dimension.
Wenn Menschen keinen Zugang zu grundlegenden Finanzdienstleistungen haben, bleiben wirtschaftliche Potenziale ungenutzt: Einkommen können nicht effizient verwaltet werden, Konsum findet außerhalb des formellen Systems statt, und unternehmerische Aktivitäten werden erschwert.
Gerade in einer zunehmend digitalen Wirtschaft wird der Zugang zum Finanzsystem damit zu einer Voraussetzung für gesellschaftliche Integration und wirtschaftliche Dynamik.
Die zentrale Frage lautet daher nicht nur, wie Banken Risiken bewerten, sondern auch, wie Finanzsysteme gestaltet sein müssen, damit sie möglichst vielen Menschen offenstehen.
Denn am Ende entscheidet der Zugang zum Konto nicht nur über Bankgeschäfte. Er entscheidet darüber, wer am wirtschaftlichen Leben teilhaben kann.
Enthaltene Werte: DE0009653386
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