WETZLAR (dpa-AFX) - Der Kamerahersteller Leica geht mit Andreas Voll als neuem Vorstandsvorsitzenden in die Zukunft. Der frühere operative Geschäftsführer der Schweizer Uhrenmanufaktur IWC löst Matthias Harsch ab, der seit September 2017 an der Spitze des Unternehmens steht. Mit Voll habe man "einen ausgesprochenen Allround-Kandidaten" für den Vorstandsvorsitz gewinnen können, der die Marke hervorragend vertreten und mit den Mitarbeitern "sehr empathisch" umgehen könne, sagte der Leica-Mehrheitseigentümer und Aufsichtsratsvorsitzende Andreas Kaufmann der Deutschen Presse-Agentur.
Harschs Vertrag läuft Ende dieses Monats aus. Erst Ende Februar hatte der 60-Jährige am Rande der Mobilfunkmesse MWC in Barcelona die Neuauflage des Leitzphone präsentiert. Das Kamera-Smartphone von Leica wird weltweit vermarktet und in Zusammenarbeit mit dem chinesischen Elektronikkonzern Xiaomi produziert. Den Schritt sehe man als "Krönung" und Abrundung von Harschs Karriere bei Leica, sagte Kaufmann.
"Neue Periode der weiteren Entwicklung" bei Leica
Mit achteinhalb Jahren an der Vorstandsspitze sei der frühere Loewe-Chef "einer unserer längstdienenden CEOs überhaupt". Es sei nicht unüblich, dass man nach einer solchen Zeit in einem Unternehmen "erstmal ein bisschen verschnaufen" wolle. Da Leica jetzt "eine neue Periode der weiteren Entwicklung" beginne, habe man gemeinsam entschieden, dass Harsch seine Tätigkeit "in aller Freundschaft" beende. "Er wird der Firma weiterhin verbunden sein und hat für bestimmte Projekte auch noch einen Beratervertrag", sagte Kaufmann.
Mit der Verpflichtung von Andreas Voll (44) sorge man für eine weitere Verjüngung im Vorstand. "Er ist ein gestandener Vierziger, das heißt, man geht an die Dinge völlig anders ran als ein gestandener Siebziger, so wie ich es bin", sagte Kaufmann.
Neuer Chef will digitale Transformation vorantreiben
Zuletzt war Voll Vorstandsvorsitzender bei der für Dübel und andere Befestigungstechnik bekannte Unternehmensgruppe Fischer im baden-württembergischen Waldachtal. Seine berufliche Laufbahn hatte der Manager in der Unternehmensberatung bei Roland Berger begonnen. "Mit Andreas Voll gewinnen wir eine Persönlichkeit, die unternehmerische Weitsicht, technologische Kompetenz und ein tiefes Verständnis für Luxus- und Premiummarken vereint", so Kaufmann laut Mitteilung. Voll selbst erklärte darin, er wolle gemeinsam mit dem Team "die Innovationskraft stärken, die digitale Transformation vorantreiben und die internationale Präsenz weiter ausbauen".
Kaufmann ist mit 55 Prozent Mehrheitseigentümer des Kameraherstellers mit Sitz in Wetzlar und weltweit rund 2.300 Beschäftigten. Die restlichen 45 Prozent hält der Finanzinvestor Blackstone . Zuletzt hatte es Spekulationen gegeben, wonach Kaufmann und Blackstone den Verkauf einer Mehrheitsbeteiligung prüfen sollen. "Zurzeit sind Gerüchte am Markt, die wir nicht kommentieren", sagte Kaufmann. Er verwies zugleich darauf, dass alle Familienmitglieder bei Leica oder Tochterfirmen arbeiteten. "Das heißt, wir sind kräftig engagiert und planen das auch so für die weitere Zukunft."
Harsch lieferte Umsatzrekorde
Unter Harschs Führung hatte Leica mehrere Umsatzrekorde in Folge erzielt. Zuletzt legten die Erlöse der Leica Camera AG im vergangenen Geschäftsjahr (31. März) 2024/25 um 7,6 Prozent auf den Höchstwert von 596 Millionen Euro zu. Auch das demnächst endende Geschäftsjahr werde man wieder "mit einer sehr interessanten Zahl" abschließen, sagte Kaufmann, nannte aber noch keine Details. Das Unternehmen hatte zuletzt etwa vom Revival der Kompaktkameras mit einem Trend hin zu hochwertigen Geräten profitiert.
"Sehr gesunde Nachfrage" für neues Leitzphone
Das neue Leitzphone werde mittlerweile seit rund einer Woche verkauft, dafür gebe es eine "sehr gesunde Nachfrage", so der Aufsichtsratsvorsitzende. "Ich vermute fast, dass wir die Menge zu gering geplant haben, aber es gibt ja Schlimmeres als sowas." Mit einem Verkaufspreis von knapp 2.000 Euro tritt Leica mit dem Modell gegen Premiumersteller wie Apple und Samsung an.
Das Unternehmen vermarktet seine Kameras und weiteren Produkte über Stores weltweit, unter anderem auch in Doha und Dubai. Den Iran-Krieg und seine Folgen beobachtet Kaufmann täglich und sagte: "Wir können momentan nicht wirklich abschätzen, welche Auswirkungen das Geschehen in der Region haben wird." Die Resilienz in den Vereinigten Arabischen Emiraten sei aber "viel höher, als wir es uns hierzulande vorstellen".
Neue Stores geplant
Trotz der derzeit schwierigen weltpolitischen Lage arbeite man an der Erweiterung des weltweiten Netzes von Stores. In den USA seien zwei Eröffnungen in Chicago und in Houston in Planung. In Europa werde man in diesem Jahr voraussichtlich noch einen Store in Lissabon eröffnen, weitere seien bereits in der Planung. "Wir sind ein kleinerer Mittelständler aus Deutschland, wir versuchen diese Situation so gut es geht zu managen und das Richtige zu tun."
Ähnlich verfahre man mit den von US-Präsident Donald Trump verhängten Zöllen: "Sie liefern hin, plötzlich kommt ein Aufschlag drauf, dann müssen Sie es natürlich in irgendeiner Form weiterreichen", beschrieb Kaufmann die Lage. "Bisher waren die amerikanischen Kunden diesbezüglich eigentlich sehr nett und haben es akzeptiert. Was immer da kommen wird, wir können es nicht beeinflussen, es ist halt so."/csc/DP/he

