
Maklersprache entschlüsselt: Wie Formulierungen in Immobilienanzeigen Chancen, Risiken und den Zustand des Marktes offenbaren und worauf Anleger zwischen den Zeilen achten sollten.
Der Wohnungsmarkt ist angespannt: hohe Kauf- und Mietpreise, knappes Angebot und teure Finanzierung treffen auf weiterhin stabile Nachfrage. Wer Immobilienanzeigen liest, landet schnell in einer eigenen Sprachwelt: "zentral gelegen", "mit Potenzial", "urbanes Umfeld", "ruhige Lage". In der Besichtigung folgt dann nicht selten Ernüchterung. Denn Anzeigen sind Marketing, aber sie sind auch ein Spiegel des Marktes. Sie geben Hinweise auf Nachfrage, Verhandlungsspielraum, Renditeerwartungen und Risiken. Für Kapitalanleger ist das Lesen zwischen den Zeilen oft entscheidend.
Wie liest man Immobilienanzeigen richtig?
Antworten darauf gibt Tobias Bräunig, Gründer und CEO von Freundeskreis. Er begleitet Investoren beim Erwerb von Immobilien. Im Interview erläutert er, wie der typische Makler-Sprech funktioniert, bei welchen Formulierungen Anleger genauer hinschauen sollten - und was die Sprache in Exposés über den Zustand des Immobilienmarkts verrät.
Herr Bräunig, zum Einstieg: Welche Maklerfloskeln lesen Sie aktuell am häufigsten in Immobilienanzeigen?
Gängig sind dehnbare Begriffe wie "zentral gelegen", "mit Potenzial", "hochwertig ausgestattet" und "ruhige Lage". Was dahintersteckt, zeigt sich erst mit Ortskenntnis oder beim Blick in die Wohnung. Viel lässt sich heute aber schon vorab prüfen: Lage, Umgebung, Lärm, Infrastruktur - wenn man die Adresse oder zumindest die Mikrolage kennt.
Würden Sie sagen, diese Sprache ist eher bewusste Schönfärberei oder handelt es sich eher um einen Branchencode?
Eher Branchencode. Viele Formulierungen sind Standard geworden und funktionieren, weil die Branche wie auch viele Käufer ungefähr wissen, was gemeint ist. Problematisch wird es dort, wo Begriffe gezielt genutzt werden, um Schwächen weichzuzeichnen.
Was sind solche Begriffe, bei denen sich ein genauerer Blick lohnt?
"Mit Potenzial", "verkehrsgünstig", "gepflegt", "charmant", "solide Substanz" und "für Liebhaber". Das sind Klassiker. Die können stimmen oder sie sind ein Hinweis auf Sanierungsbedarf, Lärm, einen veralteten Standard oder komplizierte Rahmenbedingungen.
Makler-Sprech im Realitätscheck
Lassen Sie uns das konkret machen. Ich nenne Ihnen typische Formulierungen aus Immobilienanzeigen. Sagen Sie uns bitte jeweils, was sie in der Praxis bedeuten und worauf Anleger achten sollten. Beginnen wir mit "zentral gelegen".
"Zentral gelegen" heißt erst mal nur: nicht draußen am Rand. Das kann in der Praxis trotzdem drei Kilometer vom Zentrum sein oder aich "zentral" zur nächsten Bundesstraße. Für Anleger zählt die Mikrolage: Wie ist die Anbindung, wie die Infrastruktur, wie wirkt das direkte Umfeld? Gerade in Städten entscheidet oft nicht das Viertel-Label, sondern ob ich schnell, zuverlässig und ohne Stress dahin komme, wo die Mieter hinmüssen.
Was steckt hinter "verkehrsgünstig" und ab wann wird aus guter Anbindung ein echtes Lärmproblem?
"Verkehrsgünstig" heißt oft: nah an Hauptstraße, Bahntrasse oder Autobahnzubringer. Das kann für Pendler attraktiv sein. Für die Vermietbarkeit zählt die echte Belastung: Fensterstandard, Schlafzimmerlage, Balkonseite, Tages- vs. Nachtlärm. Das wirkt direkt auf Miete, Fluktuation und langfristige Wertentwicklung.
Der Begriff "mit Potenzial" taucht sehr häufig auf. Wann sehen Sie darin eine reale Wertsteigerungschance und wann eher ein Sanierungsrisiko?
"Mit Potenzial" ist mein Alarmwort. Potenzial heißt im Klartext: Es ist noch Arbeit drin. Die Frage ist, ob sie kalkulierbar ist und welche Strategie ich als Investor verfolge. Renovierungen können für Wertentwicklungen Chancen sein, aber sollten nicht zum Loch ohne Boden sein, das das Investment unbrauchbar macht. Auch im Fall vom Miete sollte man hier hinterfragen, was auf einen zukommt und wie lösungsorientiert der Vermieter ist.
"Luxusausstattung" wird inflationär genutzt. Was muss aus Investorensicht tatsächlich gegeben sein, damit ein Aufpreis gerechtfertigt ist?
Aus Investorensicht zählen nachhaltige Qualitätsmerkmale: hochwertige Böden, moderne Haustechnik, gute Energiekennwerte, zeitgemäße Bäder und Küchen. Reine Design-Elemente oder einzelne Markenprodukte rechtfertigen keinen dauerhaften Mietaufschlag. Entscheidend ist, ob die Ausstattung auch in fünf oder zehn Jahren noch marktgerecht ist.
"Nette Hausgemeinschaft" klingt sympathisch. Welche Rolle spielt so eine Formulierung für Kapitalanleger wirklich?
Indirekt ja. Eine stabile Eigentümer- oder Mieterstruktur kann für geringe Fluktuation und weniger Konflikte sorgen. Bei einer langfristigen Vermietungsstragie kann das ein Pluspunkt sein.
Wenn Sie solche Begriffe lesen: Welche Kennzahlen oder Fakten prüfen Sie als Erstes, bevor Sie sich überhaupt näher mit einem Objekt beschäftigen?
Ich schaue mir als Erstes die Mikrolage und den Energieausweis an. Danach rechne ich nüchtern: Kaufpreis plus Nebenkosten, realistische Miete, Instandhaltung, Finanzierung. Das relativiert viele blumige Formulierungen sehr schnell. Auch die Prüfung der Restnutzungsdauer durch einen Gutachter kann bzw. sollte später hinzugezogen werden.
Man muss auch unterscheiden: Maklertexte sind berufsbedingt oft blumiger. Private Vermieter schreiben tendenziell nüchterner.
Sprache als Marktbarometer
Kann man bereits am Sprachgebrauch erkennen, ob wir uns eher in einem Käufer- oder Verkäufermarkt befinden?
Ja. Im Verkäufermarkt kann man ein paar Stichworte lesen: "Rarität", "Toplage", "seltene Gelegenheit" oder konkrete Anforderungen: "Besichtigung nach Vorauswahl", "Bonitätsnachweis" usw. Im Käufermarkt geht es kompromissbereiter zu. Dort liest man eher "Preis angepasst", "VB" oder "sofort verfügbar".
Welche Begriffe lesen Sie heute häufiger als noch vor drei Jahren, insbesondere seit der Zinswende und der Energiekrise?
Energie ist das neue Pflichtkapitel: Effizienzklasse, Kennwerte, Heizung, Dämmung sind sichtbarer, weil es direkt auf das Investment auswirkt. Zinsen spielen keine explizite Rolle. Der Markt hat sich schlicht an das neue Zinsniveau gewöhnt.
Rendite, Risiko und Vertrauen
Wo klafft aus Ihrer Erfahrung die größte Lücke zwischen schöner Beschreibung und tatsächlicher Rendite?
Im Investment ist am Ende ziemlich egal, ob ich die Wohnung schön finde. Entscheidend ist, ob sie funktioniert: Lage im Kleinen, Vermietbarkeit, Instandhaltungsrisiken, Nebenkosten, Finanzierung. Eine unscheinbare Wohnung kann ein hervorragendes Investment sein, wenn der Preis passt und die Basics stimmen.
Sie sprechen in der Freundeskreis Gruppe von Vertrauen als Währung. Beginnt dieses Vertrauen bereits bei der Anzeige? Und kann ehrliche Sprache helfen, Leerstand zu vermeiden oder langfristig bessere Mieter zu gewinnen?
Absolut. Transparente Kommunikation spart auf beiden Seiten Zeit und reduziert spätere Enttäuschungen. Wer ehrlich kommuniziert, zieht in der Regel auch passende Mieter oder Käufer an. Das senkt langfristig Leerstands- und Konfliktrisiken, was sich langfristig auszahlen kann.
Zum Abschluss: Wenn Sie einem privaten Anleger einen einzigen Rat zum Lesen von Immobilienanzeigen geben dürften - welcher wäre das?
Objekt auf die wichtigen Parameter prüfen und auf sprachliche Hinweise achten. Daneben immer noch einmal selbst recherchieren, ob das Umfeld attraktiv ist. Ist der Bevölkerungszuwachs der Gegend positiv? Wie ist die Anbindung und das Umfeld der Immobilie gestaltet? Habe ich Handarbeiter oder eine Hausverwaltung, die ich in dem Gebiet beauftragen kann? Genauso gilt es als potenzieller Mieter die Hinweise, die sich aus der Sprache ergeben, ernst zu nehmen.
Über den Autor:
Tobias Bräunig ist Gründer und CEO der Freundeskreis Gruppe. Seit Gründung 2018, verzeichnet das Unternehmen bis heute über 500 Kunden, über 650 verkaufte Immobilien und über 300 Mio. EUR Transaktionsvolumen. Die Immobilien-Community setzt sich zum Ziel, die Immobilie als wichtigen Baustein der privaten Altersvorsorge-Baustein möglichst viele Menschen in Deutschland zugänglich zu machen.??
Enthaltene Werte: DE0009653386
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