DJ Kiel Institut: Hormus-Sperrung löst Angebotsschock aus
DOW JONES--Die Schließung der Straße von Hormus - eines nur 21 Seemeilen breiten Nadelöhrs, durch das etwa ein Fünftel des weltweiten Erdöls und ein Viertel des Flüssigerdgases transportiert wird - hat nach Aussage des Kiel Instituts für Weltwirtschaft einen weitreichenden Angebotsschock ausgelöst. "Eine neue Analyse sowie eine interaktive Webseite des Kiel Instituts zeigen, dass die Störung weit über den Energiesektor hinausgeht und sich über Chemikalien und Düngemittel bis in die Ernährungssysteme weiterträgt, wobei die schwerwiegendsten Folgen auf Entwicklungsländer entfallen", heißt es in einer Mitteilung der Konjunkturforscher.
"Das zentrale Problem ist die Kettenreaktion", sagt Julian Hinz, Leiter der Forschungsgruppe Handelspolitik am Kiel Institut. "Ein Energieschock wird schnell zu einem Düngemittelschock und schließlich zu einer Ernährungskrise - insbesondere in Ländern, die in jeder Stufe auf Importe angewiesen sind."
Die Schließung folgt auf die Eskalation des Konflikts zwischen den USA, Israel und Iran, wodurch der Tankerverkehr durch die Meerenge innerhalb weniger Tage von rund 40 täglichen Durchfahrten auf nahezu null zurückging. Während sich die Aufmerksamkeit bislang vor allem auf Öl und Gas richtet, reicht die Bedeutung des Golfs für den Welthandel deutlich weiter. Eine kleine Gruppe von Ländern, die mit der Meerenge verbunden sind, dominiert die Exporte einer Vielzahl kritischer Güter - von Petrochemikalien und Düngemitteln bis hin zu Metallen und Agrarprodukten -, von denen viele kurzfristig nicht anderweitig beschafft werden können.
Vorleistungsgüter für die Landwirtschaft betroffen
Diese breitere Abhängigkeit ist entscheidend, um das Ausmaß des Schocks zu verstehen. Derivate von Kohlenwasserstoffen, Methanol und Harnstoffdünger - zentrale Vorleistungen für Landwirtschaft und Industrie - sind stark in der Produktion der Golfregion konzentriert. Energieintensive Metalle wie Aluminium und Stahl sowie regionale Agrarprodukte festigen zusätzlich die Rolle des Golfs in globalen Lieferketten. In vielen dieser Sektoren ist die Abhängigkeit in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht gesunken, sondern sogar gestiegen.
Gängige Handelsmodelle unterschätzen nach Aussage des Kiel Instituts die Folgen, weil sie nicht erfassen, wie Störungen sich durch diese eng miteinander verbundenen Systeme ausbreiten. Rückgänge bei Energieflüssen begrenzen die chemische Produktion, was wiederum die Verfügbarkeit von Düngemitteln einschränkt und die Nahrungsmittelpreise steigen lässt - ein Engpass-Effekt.
Dieser Effekt verstärkt die Auswirkungen in Ländern, die auf importierte Vorleistungen angewiesen sind - insbesondere in Südasien, Subsahara-Afrika und Teilen des Nahen Ostens. "Beispielsweise könnten im Szenario einer kurzfristigen vollständigen Schließung der Straße von Hormus die Nahrungsmittelpreise in Sri Lanka, Pakistan und Indien um etwa 10 bis 15 Prozent steigen, wobei auch höhere Steigerungen möglich sind", erläutern die Konjunkturforscher. Die Wohlfahrtsverluste in diesen drei Ländern würden auf 3,5 bis 1,8 Prozent geschätzt.
Die Wohlfahrtswirkungen in der EU liegen nur zwischen minus 0,76 und minus 0,36 Prozent, während sie in den USA noch geringer ausfallen (minus 0,16 bis minus 0,04 Prozent).
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March 24, 2026 06:12 ET (10:12 GMT)
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