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Europas größter Wohnimmobilienkonzern liefert starke Jahresergebnisse, erhöht die Dividende, präsentiert ehrgeizige Ziele, wird trotzdem brutal abverkauft. Was wie ein Widerspruch klingt, ist an der Börse manchmal Alltag. Vonovia verlor an einem einzigen Handelstag über 10 Prozent und rutschte ans Ende des DAX. Doch wer jetzt panikartig verkauft oder sich gar nicht erst traut hinzuschauen, könnte eine der spannendsten Situationen des Jahres verpassen. Denn während die Kurse fallen, wächst das operative Ergebnis, steigen die Mieteinnahmen, und das Management steuert entschlossen gegen die Schulden. Der RSI signalisiert: Überverkauft-Territorium. Die Frage ist nicht, ob Vonovia überleben wird, die Frage ist, wann der Markt das auch wieder so sieht.
Starke Zahlen, düstere Stimmung
Wer sich die aktuellen Geschäftszahlen von Vonovia objektiv anschaut, reibt sich die Augen. Das Unternehmen ist zurück in der Gewinnzone, mit einem bereinigten Gewinn von 1,54 Milliarden Euro, nach 1,46 Milliarden im Vorjahr. Das bereinigte EBITDA kletterte um 6 Prozent auf 2,8 Milliarden Euro. Die Mieten legten zu. Pro Quadratmeter zahlten Mieter im Schnitt 8,38 Euro - 4,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Europas größter privater Wohnungskonzern, der rund 531.000 Wohnungen in Deutschland, Schweden und Österreich verwaltet, kann sich auch über steigende Immobilienwerte freuen: Das Gesamtportfolio ist erstmals seit 2022 wieder mehr wert - ein Plus von 3 Prozent auf 84,4 Milliarden Euro. Der neue Chef macht Tempo. Luka Mucic hat klare Ziele gesetzt. Bis Ende 2028 soll der Verschuldungsgrad auf rund 40 Prozent sinken. Um das zu erreichen, sollen Vermögenswerte im Wert von mehreren Milliarden Euro verkauft werden. Die Zahlen für das laufende Jahr sehen solide aus. Das Unternehmen rechnet mit einem EBITDA von bis zu 3,05 Milliarden Euro. Die Dividende soll auf auf 1,25 Euro je Aktie klettern. Warum also der Kurseinbruch? Die Antwort liegt nicht in Bochum, sondern im Nahen Osten. Der anhaltende Iran-Krieg hat die Ölpreise in kurzer Zeit massiv nach oben getrieben. Rohöl der Sorte Brent verteuerte sich zeitweise um 10 Prozent an nur einem einzigen Tag. Das entfacht neue Inflationssorgen, und damit Zinssorgen. Die Hoffnung auf baldige Leitzinssenkungen hat deshalb einen harten Dämpfer bekommen. Für Immobilienkonzerne wie Vonovia sind steigende Zinsen ein großes Problem: Sie verteuern die Refinanzierung, erschweren Portfolioverkäufe und drücken auf die Bewertungen. Der Markt hat das mit voller Wucht durch die fallenden Kurse jetzt eingepreist.

Charttechnik
Vonovia hat mit dem jüngsten Kursrutsch wichtige Unterstützungen gebrochen. Die Aktie notiert deutlich unter beiden wichtigen SMAs (50er und 200er). Das Chartbild ist klar angeschlagen, der kurzfristige Abwärtstrend intakt. Doch hier kommt ein entscheidender Punkt: Der RSI liegt bei rund 27. Das ist schon im überverkauften Bereich. Ein RSI unter 30 signalisiert technisch, dass die Verkäufer das Papier kurz- bis mittelfristig über das normale Maß hinausgehend abgestraft haben. Gegenbewegungen aus solchen Lagen heraus sind keine Seltenheit, sie sind sogar die Regel. Es ist aber nicht immer sofort. Auf der Unterseite liegt die nächste relevante Unterstützung im Bereich um 20 bis 19,50 Euro. Ein kurzer Ausflug in diese Zone ist nicht auszuschließen, dort befinden sich historische Tiefstmarken und dort könnten Käufer aktiv werden. Ein Test dieses Bereichs wäre aus charttechnischer Sicht auch kein Drama, sondern ein normaler Prozess der Bodenbildung. Auf der Oberseite wäre zunächst eine Rückkehr über 23,50 Euro ein erstes positives Signal. Bis dahin bleibt das Chartbild angespannt, aber die Ausgangslage für eine technische Gegenbewegung wird zunehmend attraktiver.
Was tun?
Fundamental ist das Unternehmen in deutlich besserer Verfassung als die Kursentwicklung suggeriert. Die Rückkehr in die Gewinnzone ist gelungen, das operative Geschäft wächst, das Management hat klare Ziele formuliert und arbeitet konsequent am Schuldenabbau. Ein Forward-KGV von knapp unter acht und eine Dividendenrendite von über 5 Prozent, das ist bei einem DAX-Konzern mit solider Basis kein schlechtes Angebot. Gleichzeitig signalisiert der RSI bei 27, dass die Aktie technisch überverkauft ist. Das allein ist noch kein Kaufsignal, aber es zeigt, dass die Verkaufswelle an Dynamik verlieren könnte. Der Bereich um 20 Euro gilt als mögliche Auffangzone. Wer Geduld mitbringt und Risiken versteht, könnte genau dort eine erste Position aufbauen. Mehrere Analysten sehen das ähnlich. J.P. Morgan stuft die Aktie mit "Overweight" ein, UBS und DZ Bank empfehlen "Buy" beziehungsweise "Kaufen", und Berenberg hat das Kursziel bei 38 Euro !!! - bestätigt. Das entspricht einem riesigen Aufwärtspotenzial gegenüber dem aktuellen Kursniveau. Vonovia ist kein Schnäppchen ohne Risiko. Aber es ist auch kein Unternehmen am Abgrund. Es ist ein europäischer Marktführer, der durch eine schwierige Zinsphase navigiert.
Autor: Felix Goldbach, FinanzNachrichten-Redaktion
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